Nathalie Pohl im Ärmelkanal

Bei ihrem ersten Versuch im Ärmelkanal wäre Extrem-Schwimmerin Nathalie Pohl aus Marburg fast gestorben, nun schaffte sie die Strecke von der britischen Insel Jersey nach Frankreich schneller als je ein Mensch zuvor. Ihr Erfolgsgeheimnis: Niemals warm duschen.

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Wenn ihre Freunde und Kommilitonen im Sommer ins Freibad gehen, lehnt Nathalie Pohl dankend ab. Rumliegen und ein bisschen im Wasser Planschen, das ist für die 25 Jahre alte Studentin aus Marburg keine erstrebenswerte Beschäftigung. "Da ich sowieso jeden Tag im Schwimmbad bin, brauche ich das nicht auch noch in meiner Freizeit. Da bleibe ich lieber an Land", sagte sie im Gespräch mit dem hr-sport.

Der Grund für die Abneigung: Pohl ist eine der besten Extremschwimmerinnen der Welt und aus Trainingsgründen sowieso täglich bis zu zwölf Stunden im Schwimmbecken. Kraulen, kraulen, kraulen.

Das Schwimmbecken wurde zu klein

Ein Hobby, das sich für jeden Ottonormal-Faulpelz wie ein Albtraum anhört, ist für Pohl die Erfüllung ihrer Kindheitsträume. Die Mittelhessin, die eigenen Angaben zufolge schwimmt seit sie denken kann, trat bereits im Alter von fünf Jahren in einen Schwimmverein ein und ist dem Sport seitdem verfallen. Es folgten umgehend kleinere Erfolge wie das Seepferdchen (2001), größere Erfolge wie die Teilnahme an Deutschen Meisterschaften und mit 18 Jahren die Erkenntnis: Es darf gerne etwas mehr sein.

Inspiriert von einem Buch über eine Freiwasserschwimmerin wurde Pohl bei ihrem Trainer vorstellig und berichtete ihm von neuen großen Vorhaben. "Ich habe mit ihm gesprochen und gefragt, ob es möglich wäre, dass ich den Ärmelkanal durchquere." Na, wenn es sonst nichts ist.

Nathalie Pohl im Ärmelkanal

Vater rettet Pohl wohl das Leben

Wenige Monate später startete Pohl erstmals in einem Freiwasser-Wettbewerb im Bodensee, nach einem weiteren Jahr Training stand tatsächlich die Premieren-Durchquerung des Ärmelkanals auf dem Programm. Einmal 34 Kilometer von England nach Frankreich, was soll schon schiefgehen. "Ich war vorher etwas krank, wollte es aber trotzdem unbedingt versuchen", so Pohl heute. Eine schlechte und um ein Haar die letzte Idee der damals 20-Jährigen: "Mein Vater hat mich nach knapp zwölf Stunden aus dem Wasser gezogen. Ich war seekrank, hab mich ständig übergeben und hatte Wasser in der Lunge." Es folgte ein längerer Krankenhausaufenthalt und die Erkenntnis: "Das hätte mir fast das Leben gekostet."

Ein Rückschlag, für Pohl aber noch lange kein Grund aufzugeben. Rund zwei Jahre später versuchte sie sich erneut am Ärmelkanal und stellte prompt einen neuen deutschen Rekord auf. "Das hat mir gezeigt, dass man über seine Grenzen hinausgehen kann."

30.000 Armzüge für den Rekord

Anfang September dieses Jahres folgte dann auf einer etwas kürzeren Strecke im Ärmelkanal das vorläufige Highlight von Pohls Karriere. Die 25-Jährige schwamm von der britischen Kanalinsel Jersey zum französischen Festland stellte dabei einen neuen Weltrekord auf. Bei Wassertemperaturen von 17 bis 18 Grad legte sie die 22,5 Kilometer mit insgesamt knapp 30.000 Armzügen in 5:29:37 Stunden zurück und pulverisierte damit alle jemals zuvor geschwommenen Zeiten. Die schnellste Frau vor ihr hatte mehr als eine Stunde länger gebraucht, der schnellste Mann knapp 15 Minuten. "Das war schon unglaublich", so Pohl.

Da die Regularien, deren Durchführung von einem Schiedsrichter auf einem der Begleitboote streng kontrolliert wird, das Tragen eines Neoprenanzugs verbieten, musste sich Pohl auch auf die niedrigen Temperaturen vorbereiten. Ihr Trick: "Ich dusche seit Jahren nur noch mit kaltem Wasser."

Nathalie Pohl im Ärmelkanal

Jetzt warten die Ocean's Seven

Passend dazu sind auch die kommenden Aufgaben, die sich Pohl gesetzt hat, nichts für Warmduscher. "Ich will die Ocean's Seven schwimmen. Das haben bislang weltweit erst 20 Leute geschafft." Diese Zusammenstellung der sieben schwierigsten Meeres-Herausforderungen ist das Äquivalent zu den sieben höchsten Bergen der Welt und die Königsdisziplin für Langstreckenschwimmer.

Die Straße von Gibraltar, den Ärmelkanal, den Santa Catalina Kanal vor Los Angeles und die Tsugara-Straße in Japan hat Pohl bereits gemeistert, die Cookstraße in Neuseeland, die Verbindung der Hawaii-Inseln Moloka'i und O'ahu sowie der Nordkanal zwischen Irland und Schottland fehlen noch. "Im Nordkanal hat das Wasser nur 13 Grad, das will ich in zwei Jahren machen" so Pohl. Die Dusche wird sie bis dahin wohl noch etwas kälter drehen müssen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 23.09.20, 19.30 Uhr