Schwimmerin Sarah Köhler (Bruchköbel) und den Judoka Alexander Wieczerzak (Frankfurt)

Die Olympia-Absage stellt die Welt von Sarah Köhler und Judo-Weltmeister Alex Wieczerzak auf den Kopf. Während der Schwimm-Star trotz Top-Form nicht um Gold kämpfen kann, gibt es für den Judo-Weltmeister plötzlich eine neue Chance. Unsere Doku gewährt intime Einblicke in das Leben der beiden Sportler.

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zum Video Outtakes - der Traum von Tokio

Sarah Köhler und Alex Wieczerzak
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Normalerweise würden Sarah Köhler und Alexander Wieczerzak jetzt trainieren. Die eine im Schwimmbecken, der andere auf der Judomatte. Es würde nach Chlor riechen. Oder nach Schweiß. Beide hätten ihren Traum vor Augen: eine Medaille bei den Olympischen Spielen diesen Sommer in Tokio. Vielleicht sogar eine goldene.

Doch jetzt ist alles anders. Köhler und Wieczerzak hocken zu Hause auf dem Sofa, haben sich verbunden via Videokonferenz. Wie man das halt so macht in Corona-Zeiten, nur ohne Weinflasche. Sie sind ja noch immer Leistungssportler, auch wenn sich das in diesen Tagen wohl kaum so anfühlt. Die Spiele um ein Jahr verschoben. Der Traum geplatzt? "Ja, fürs Erste irgendwie schon", sagt Köhler. Wieczerzak lächelt, schüttelt den Kopf. "Nee. Ganz im Gegenteil." Dass Olympia nun erst im Juli 2021 stattfinden soll, sei für ihn ganz persönlich "einfach nur Hammer". Es sind zwei Geschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die der hr in der Doku "Der Traum von Tokio" erzählt. Der Film ist am Samstag ab 17.15 Uhr im hr-fernsehen zu sehen und danach auch in der ARD-Mediathek und auf hessenschau.de verfügbar.

Schon wieder kein Olympia für Wieczerzak?

Rücksprung in den Februar. Alexander Wieczerzak schlurft in die große Mehrzweckhalle in Düsseldorf, dort findet an diesem Tag der Judo Grand Slam vor mehreren Tausend Zuschauern statt. Der bisherige Höhepunkt der Saison - und die letzte Möglichkeit für Wieczerzak, sich doch noch für Olympia zu qualifizieren. Dafür braucht er schon fast ein kleines Wunder.

Pro Gewichtsklasse darf nur ein deutscher Athlet nach Tokio, und weil Wieczerzak sich im ungünstigsten Moment verletzte und danach nicht mehr zu seiner Form fand, ist sein Konkurrent Dominic Ressel weit enteilt. Wieczerzak hat schlecht geschlafen, wenig gegessen. Ihm geht es nicht gut. Er ist angespannt.

Zweite Chance möglich

Schon einmal hat der 29-jährige Frankfurter Olympia auf dramatische Art verpasst. 2016 stach ihn beim Weltcup in Kuba eine Mücke, Wieczerzak bekam Tropenfieber, kämpfte tagelang im Krankenhaus um sein Leben und musste sich danach eingestehen, für die Spiele in Rio nicht mehr fit zu werden. Aus der Traum. Und nun? Die ersten zwei Kämpfe laufen hervorragend, Wieczerzak, Europameister, Weltmeister, der mit Abstand erfolgreichste deutsche Judoka der vergangenen Jahre, scheint zurück.

Doch dann: Aus im Achtelfinale. Traum geplatzt. Zum zweiten Mal. Wieczerzak hockt in der Kabine in der Ecke, hat Tränen in den Augen. Die Verschiebung der Spiele könnte ihm nun ganz unverhofft eine zweite Chance bieten, nämlich dann, wenn die Qualifikation weiterläuft und er den Konkurrenten noch einholen kann. Das Schicksal, das Wieczerzak schon so oft gebeutelt hat, könnte es diesmal gut mit ihm meinen.

Topform - und jetzt keine Spiele

Ganz anders bei Sarah Köhler. Die 25-Jährige aus Bruchköbel war in der Form ihres Lebens. Im Dezember schwamm sie bei den deutschen Kurzbahn-Meisterschaften in Berlin sogar Weltrekord. Die Qualifikationen für Tokio hatte sie über die 800 Meter und 1.500 Meter locker klargemacht, sie war voll auf Kurs. "Jeder hätte gerne Olympia-Gold und würde gerne einmal dort oben stehen und ihre Hymne hören", so Köhler, die dafür einen bedeutenden Schritt gewagt hatte. Vor zwei Jahren verließ sie ihren Stützpunkt in Heidelberg und zog nach Magdeburg, in die Stadt, in der auch ihr Freund Florian Wellbrock wohnt. Ebenfalls ein Weltklasse-Schwimmer.

Durch die Umstellung, neue Trainingspläne und -partner machte Köhler nochmal einen Leistungssprung. War das alles nun umsonst? Vier Jahre Vorbereitung? "Es sind nicht nur vier Jahre", sagt Köhler. "Ich trainiere auf diesen Moment hin, seitdem ich mit Leistungssport begonnen habe." Und das ist seit Kindheitstagen. Die Olympia-Verschiebung sei nun "im ersten Moment bitter", sagt Köhler, "aber es gibt nun wirklich ganz andere Probleme in der Welt". Und im besten Fall ist der Traum ja nicht geplatzt, sondern einfach nur verschoben.

Sendung: hr-fernsehen, 4.4.2020, 17.15 Uhr