Sebastian Vettel von Ferrari

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Ferrari setzt vor dem Heimrennen in Monza zwar auf Zweckoptimisus, alles andere als die nächste Schmach wäre aber eine Überraschung. Für den Heppenheimer Sebastian Vettel wird es wohl ein trauriger Abschied.

Monza war eigentlich immer gut zu Ferrari. Zehntausende Fans in Rot säumen Jahr für Jahr die Strecke in der Hoffnung auf den Sieg, und in schwierigen Zeiten wird der Königliche Park stets zur Wagenburg: Selbst kleine Erfolge werden dann laut gefeiert, die bessere Konkurrenz wird gnadenlos ausgebuht, die Tifosi bekennen Farbe. In der Corona-Saison ist allerdings alles anders. Das gilt auch für Monza.

Vettel vermisst die Tifosi

"Es wird sich sehr komisch anfühlen", sagt Sebastian Vettel vor dem Rennen am Sonntag (15.10 Uhr): "Ohne die Fans wird die Atmosphäre surreal sein. Und wir wissen schon vorher, dass es hart wird, vorne mitzufahren."

Und das ist ziemlich untertrieben. Denn in Monza sind selbst kleine Erfolge für Ferrari in diesem Jahr kaum möglich. Der Kurs dürfte erneut alle Schwächen des SF1000 entblößen, so, wie es am vergangenen Wochenende in Spa passiert ist. Dort war Ferrari bis ans Ende des Feldes zurückgefallen.

Ferrari droht die nächste Blamage

Teamchef Mattia Binotto versucht sich vor dem doppelten Heimspiel in Monza und gleich anschließend in Mugello (13. September) zwar in Zuversicht, das Rennen in Belgien sei ein einmaliger Aussetzer gewesen, sagt der Italiener. Das ist allerdings eine wacklige These.

Denn wie Spa ist Monza eine Hochgeschwindigkeitsstrecke. Es geht rasend geradeaus, dann wird hart gebremst, ein bisschen gelenkt, und dann geht es wieder rasend geradeaus. Und schon auf den schnellen Geraden in Spa war Ferrari ja geradezu "aufgefressen" worden, wie Vettel klagte. Ausgerechnet auf dem Autodromo Nazionale, wo die Tifosi vor einem Jahr den Sieg von Charles Leclerc bejubelten, droht also die nächste Blamage.

Und es wird immer schwieriger, diese Saison noch irgendwie zu retten, die Dimensionen des Scheiterns sind schon jetzt etwas für die Geschichtsbücher. In Spa kamen beide Autos ins Ziel, trotzdem landete keines in den Top 10 - das hatte es für Ferrari zuletzt vor zehn Jahren gegeben. In der Gesamtwertung liegt die Scuderia momentan auf Rang fünf, so schlecht schloss das Team zuletzt vor fast 40 Jahren eine Saison ab.

Es gibt wenig Hoffnung

Natürlich, im Laufe des Jahres mögen noch Strecken warten, welche die zahlreichen Schwächen des Autos weniger hart bestrafen. Doch selbst dann ist Ferrari momentan nicht mehr als ein Mittelfeldteam, das ist mittlerweile klar. Denn zum einen sind Rennställe wie Racing Point, McLaren und auch Renault in diesem Jahr sehr wehrhaft. Zum anderen hat sich Ferrari in eine Sackgasse entwickelt. Der Motor ist nach Schummelvorwürfen im Vorjahr nun der schwächste im Feld.

Und das Auto, das aerodynamische Konzept, wurde noch unter der Annahme gebaut, dass Ferrari den stärksten Antrieb hat. Die Power-Unit war aber wohl nur so stark, weil sie Lücken im Reglement nutzte, die mittlerweile geschlossen sind. Und jetzt sind dem Team die Hände gebunden. "Der Motor ist für dieses Jahr eingefroren, da können wir nichts machen", sagt Binotto: "Und auch für die Entwicklung des Autos gibt es Einschränkungen."

Die gelten in Zeiten der Coronakrise aber nicht nur für dieses Jahr, sondern in weiten Teilen auch für das nächste. Für Ferrari dürfte es also ein langer Weg aus der Krise werden. Und der beginnt mit ziemlich großer Sicherheit nicht in Monza.

Sendung: hr1, 6.09.20, 18 Uhr