Der Frankfurter Judoka Alexander Wieczerzak

Der Frankfurter Alexander Wieczerzak ist in Japan als Judo-Weltmeister eine große Nummer. Bei der WM in Tokio kämpft der Judoka vom JC Wiesbaden nicht nur um Medaillen, sondern bangt auch um seinen Olympia-Traum.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Judoka Wieczerzak: "Fühlen uns wie Fußballer in Deutschland"

Judokämpfer Wieczerzak
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Da hat Alexander Wieczerzak nicht schlecht gestaunt. Eigentlich stand am Montagmorgen gar nichts Großes auf der Tagesordnung, er wollte nur nach Tokio reisen, im Hotel einchecken. Mehr nicht. Doch als Wieczerzak dann vor Ort ankam, als er den ersten Koffer auf den Boden wuchtete, überrollte ihn fast eine kleine Lawine. Menschen standen vor dem Hotel, warteten auf ihn, fragten nach Autogrammen, machten Selfies. So ist das eben, wenn ein großer Star auftaucht. Und Wieczerzak ist ein Star. Zumindest in Japan.

Judokas sind die Fußballer Asiens

Während in Deutschland sein Name allenfalls Sport-Insidern ein Begriff ist, wird der kantige Kerl in Asien ganz anders wahrgenommen. Japan ist das Mutterland des Judos und Wieczerzak vor zwei Jahren der Weltmeister dieses Sports geworden. Schon vor einigen Tagen, als sich die deutsche Nationalmannschaft extra etwas abseits des Hauptstadt-Trubels in Tokushima zum Akklimatisieren traf, "wurden wir behandelt wie Könige", erzählt Wieczerzak dem hr-sport. "Wir Judokas fühlen uns in Japan wie in Deutschland die Fußballer".

Gerade jetzt, zur Weltmeisterschaft, nimmt die Aufmerksamkeit hype-ähnliche Züge an. Die Halle, in der im Übrigen in ziemlich exakt einem Jahr auch die olympischen Wettbewerbe ausgetragen werden, ist fast jeden WM-Tag ausverkauft – mit 15.000 Menschen.

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Judo-WM in Tokio

Alexander Wieczerzak steigt am Mittwoch ab 4 Uhr deutscher Zeit im Halbmittelgewicht (bis 81 kg) auf die Matte, die Finalkämpfe beginnen dann nach kurzer Pause um 12 Uhr. Einen Tag später ist mit Eduard Trippel vom JC Rüsselsheim in der Gewichtsklasse bis 90 Kilogramm ein zweiter Hesse am Start. Zum Abschluss der WM am Sonntag wird Wieczerzak dann noch mit dem Mixed-Team um die Medaillen kämpfen.

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Nur einer darf zu Olympia

Das Ambiente wird also schon mal atemberaubend sein, wenn Wieczerzak am Mittwochmorgen auf die Matte steigt. Doch es kommt noch eine andere, nicht gerade unwichtige Komponente hinzu. Denn für den 28-Jährigen geht es nicht nur um eine WM-Medaille, sondern auch um seinen ganz großen Traum: die Teilnahme an den Olympischen Spielen im kommenden Jahr eben hier in Tokio, im Mutterland des Judos.

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zum Video Judo-Selbstversuch: Auf der Matte mit dem Weltmeister

Sebastian Rieth beim Judo mit Alex Wieczerzak
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Doch genau diese Teilnahme ist derzeit ziemlich in Gefahr. Wieczerzak ist zwar vor zwei Jahren Weltmeister geworden, der erste Deutsche seit 2003, und auch im vergangenen Jahr hat er mit Bronze die einzige deutsche WM-Medaille gewonnen. Doch aktuell ist er im Halbmittelgewicht nur der zweitbeste Deutsche der Weltrangliste – und pro Nation darf nur ein Athlet zu Olympia. "Das ist hart", sagt Wieczerzak. Ändern kann er es aber nicht, so sind nun mal die Regularien. Teamkollege Dominic Ressel steht aktuell auf Rang vier – 18 Positionen und gut 1.000 Punkte vor Wieczerzak.

Erst ein Mückenstich, dann der Po

Sicher gibt es auch noch nach der WM einige Punkte zu holen, bevor im Mai endgültig der Hammer fällt. Aber die Titelkämpfe jetzt könnten schon vorentscheidenden Charakter haben – gerade im Judo, wo Träume manchmal in Sekundenschnelle platzen. "Der Druck ist da", sagt der gebürtige Frankfurter, "aber das war er auch in den vergangenen Jahren". 2016 verpasste Wieczerzak Olympia auch deshalb, weil er einige Monate zuvor fast gestorben wäre. Ein Mückenstich, eingefangen beim Weltcup in Kuba, hatte ihn mit dem lebensbedrohlichen Denguefieber infiziert. Olympia war passé.

Da wirkt es fast schon ironisch, dass den Mann vom JC Wiesbaden ausgerechnet jetzt eine Gesäßmuskelzerrung beeinträchtigt. Sein Ziel korrigiert er deshalb aber nicht: Wieczerzak will eine Medaille. Sollte das gelingen, wäre er in Japan wohl tatsächlich ein kleiner König.