Imago Degenkolb Paris

John Degenkolb hat Sehnsucht - nach Kopfsteinpflaster, Gegenwind - kurzum: Paris-Roubaix. Der Frühjahrsklassiker an diesem Sonntag sollte ein Highlight für den Oberurseler Radprofi werden. Stattdessen plagen Degenkolb Sorgen und der bange Blick in die Zukunft.

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John Degenkolb im Interview
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Eigentlich würde sich John Degenkolb am Sonntag durch die "Hölle des Nordens" quälen, über ebenso lange wie gefürchtete Kopfsteinpflasterpassagen und schließlich, nach über 250 Kilometern erschöpft und mit dreckverschmiertem Gesicht auf den Rasen im Velodrome von Roubaix sinken. Eigentlich - denn dieser Tage ist ja nichts, wie geplant. Paris-Roubaix, die "Königin der Klassiker", wäre Degenkolbs Highlight des Jahres gewesen.

Dass er auf seinen geliebten Ritt verzichten muss, ist für den Oberurseler "mega enttäuschend". Einst gewann er als erster Deutscher nach Josef Fischer (1896) das wichtigste Frühjahrsrennen. Im Februar benannten die Organisatoren gar eine der berüchtigten Kopfsteinpflasterpassagen nach dem 31-Jährigen. Diese Ehre war zuvor nur Franzosen zuteil geworden. Fünf Jahre ist das jetzt her, Degenkolbs Triumph, der Moment, als er Geschichte schrieb.

Perspektivlosigkeit in Zeiten der Krise

Doch in Zeiten der Corona-Krise scheint das alles weit weg. Degenkolb plagen andere, grundsätzliche Sorgen. "Ich habe Angst um den Sport im Allgemeinen", sagt er. "Die Situation führt einem ganz klar vor Augen, was für kleine Lichter wir eigentlich sind." Beim Blick in die Zukunft malt Degenkolb ein düsteres Bild. Es sei schwer davon auszugehen, "dass wir in den nächsten Wochen oder Monaten irgendwo wieder eine Startnummer auf den Rücken bekommen", sagte er: "Man kann es schon Perspektivlosigkeit nennen."

John Degenkolb Paris-Roubaix 2015

Die Corona-Pandemie legt den Profi-Radsport wie den Rest der Sportwelt und sogar das gesellschaftliche Leben lahm. Die Klassiker sind abgesagt oder verschoben. Einzig die Organisatoren der Tour de France stemmen sich noch dagegen, den Saisonhöhepunkt zu verlegen oder endgültig abzusetzen. Es scheint jedoch nur noch eine Frage der Zeit, bis eine der beiden Optionen für die Frankreich-Rundfahrt im Juni und Juli gezogen wird.

Hoffen auf die Tour

"Mein Wunsch ist es, dass ein Termin gefunden wird, um die Tour de France im Jahr 2020 noch stattfinden zu lassen", sagt Degenkolb: "Ich bin fest davon überzeugt, dass es der einzige Weg ist, der uns helfen kann, den Radsport am Leben zu halten." Am Ende sei schließlich alles, "was wir machen, nur Werbung", erklärt er: "Wir müssen wieder eine Plattform bieten können."

Auch Degenkolbs belgisches Team Lotto-Soudal ächzt unter den Folgen der ausbleibenden Rennen. Er und die weiteren Fahrer verzichten auf Teile ihres Gehalts. Mittlerweile befinden sich nur noch sechs Leute im Betreuerstab - unter der Prämisse, dass sie Gehaltskürzungen in Kauf nehmen. Sonst werden Degenkolb und seine Teamkollegen von mehr als 50 Personen betreut. 

Bangen um die Zukunft

Sein Training absolviert der 31-Jährige nahezu problemlos. Während seine Kollegen aus Italien oder Frankreich teilweise nicht einmal das Haus verlassen können, spult Degenkolb 15 bis 20 Stunden pro Woche unter freiem Himmel ab. Allerdings ist er hin- und hergerissen: "Man will auf der einen Seite nicht an Substanz verlieren, auf der anderen Seite nicht zu viel machen, weil man nicht weiß, wie lange dieser Zustand anhält."

Sicher ist: Über den nach ihm benannten und mit 3.700 Metern längsten Pave-Sektor Hornaing–Wandignies-Hamage wird Degenkolb am Sonntag nicht rattern. Für die Namensgebung im Februar war sein Engagement für das Roubaix-Nachwuchsrennen maßgeblich, das er mit einer Crowdfunding-Kampagne vor dem Aus bewahrt hatte. Nun sind auch er und der Radsport bedroht. Die Hoffnung aber, dass nicht nur er, sondern auch die Nachwuchsfahrer sich bald wieder den Dreck von Paris-Roubaix aus dem Gesicht wischen, die bleibt bestehen.