Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Lisa Tertsch: "Trainiert, gelernt, trainiert"

Tertsch Meisterin

Lisa Tertsch schaffte ihren Abschluss in Harvard mit Bestnote und wurde kurz danach Deutsche Triathlon-Meisterin. Im Interview erklärt sie, wie das zu schaffen ist.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Lisa Tertsch: "Trainiert, gelernt, trainiert"

Tertsch Meisterin
Ende des Audiobeitrags

Am Samstag wurde die Darmstädterin Lisa Tertsch Deutsche Meisterin im Triathlon. Die 22-Jährige setzte sich in Berlin über die Sprintdistanz von 750 Metern Schwimmen, 20 Kilometern Radfahren und fünf Kilometern Laufen durch. Im Mai schaffte sie ihren Uni-Abschluss in Havarad im Fach Wirtschaft. Im Interview spricht sie über die harten Stufen von Berlin, den Campus in Harvard und das Eis in Darmstadt.

hessenschau.de: Lisa Tertsch, am Wochenende sind Sie in Berlin Deutsche Triathlon-Meisterin geworden. Wie haben Sie den Sieg gefeiert?

Ich war danach noch in der Stadt, habe Eis und Burger gegessen. Dann bin ich durch Berlin gelaufen, weil ich vorher noch nie so richtig in der Stadt unterwegs war. Und am Sonntag habe ich mir ganz entspannt noch den Männerwettkampf angeschaut.

hessenschau.de: Erstmals seit langer Zeit waren wieder Zuschauer an der Strecke. Wie haben Sie sie wahrgenommen?

Anfangs habe ich nicht viel von außen mitbekommen, sondern nur auf meine Konkurrentinnen geschaut und mir meine nächsten Entscheidungen überlegt. Aber als wir dann beim Laufen in der Stadt wieder angefeuert wurden nach all den "Geisterwettkämpfen", hat mich das enorm gepusht.

hessenschau.de: Nach dem Schwimmen mussten Sie 81 Stufen hochlaufen. War das eine Umstellung?

Das war definitiv ungewöhnlich, direkt nach dem Schwimmen ist man schon an seinem Limit. Dann schaust du die Stufen hoch und denkst dir: "Oh mein Gott!". Normalerweise springen wir auch ins Wasser, in Berlin sind wir nun relativ lange rein- und rausgelaufen. Ich habe aber einen neuen Plan verfolgt und bin direkt beim Start vorne mitgeschwommen. Von diesem Auftakt habe ich gezehrt: Ich saß als Erste auf dem Fahrrad und konnte später meine Laufstärke ausspielen.

hessenschau.de: Dabei setzten Sie sich ab. Wann haben Sie gespürt, dass Sie gewinnen?

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Lisa Tertsch: "Ich bin alleine - das ist cool"

tertsch
Ende des Audiobeitrags

In der zweiten Laufrunde habe ich mich super gefühlt und Tempo gemacht. Da ist die Gruppe von vier auf zwei gesunken, beim Wendepunkt habe ich dann noch mal angezogen und war plötzlich ganz alleine vorn. Ich hatte diese eine Lücke genutzt und auch noch körperliche Reserven. Mit diesem Gefühl war ich dann recht sicher.

hessenschau.de: Es war Ihr vierter Wettkampf in neun Tagen. Wie haben Sie regeneriert?

Man muss sehr bewusst zwischen den Wettkämpfen leben: Ausreichend essen, viel schlafen und sich ausruhen, sich möglichst wenig mit anderen Dingen beschäftigen. Sonst habe ich nie mehr als zwei Wettkämpfe hintereinander absolviert.

hessenschau.de: Im Mai haben Sie Ihren Abschluss in Harvard mit Bestnote geschafft – wovon handelte Ihre Abschlussarbeit?

Ich habe meine Arbeit zu "Venture capital" im Fach Wirtschaft geschrieben. Es ging um die Fragen: Wie wählen Investoren die Gründer aus, in die sie investieren? Und von welchen Faktoren hängt es ab? Ich habe untersucht, ob persönliche Attribute wie Geschlecht, ethnische Herkunft, Gender und Bildungsstand einen Einfluss auf die Entscheidung der Investoren haben.

hessenschau.de: Wie läuft das Studentenleben an der Eliteuni?

Ich finde die Leute in Harvard alle cool: Jeder Student und jede Studentin verfolgt eine besondere Leidenschaft, Sport oder etwas anderes, es ging bei den meisten nicht nur um ihren akademischen Hintergrund. Wir haben Kontakt zu Weltklasseprofessoren, mit denen wir über alles Mögliche reden können. Die Tür steht offen. Ich habe auf dem Campus gelebt, da entsteht eine enge Gemeinschaft. Nach einer Pause will ich mit dem Master weitermachen, aber zeitlich etwas gestreckter. Ich will jetzt mehr in den Sport investieren.

hessenschau.de: Ein Abschluss mit Bestnote in Harvard im Mai, nun im Juni die Deutsche Meisterin. Hat Ihr Tag mehr als 24 Stunden?

Leider nicht. (lacht.) Durch Corona und die Online-Uni fiel es leichter, alles miteinander zu kombinieren. Ich habe zwei bis drei Mal am Tag trainiert, der Ablauf war in etwa: Training, Lernen, Training, Lernen, Schlafen. Das war schon ziemlich stressig und anstrengend, aber ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Denn auch wenn es Sport auf hohem Level war, hat er mir den Druck genommen und ich habe mich immer wieder darauf gefreut. Ich würde anderen Athleten auch raten, diese Doppelbelastung zu versuchen.

hessenschau.de: Warum?

Viele Sportler stehen vor der Wahl, ob sie sich für den Sport oder die Uni entscheiden. So trauert man vielleicht später einer Sache hinterher. Doch man kann auch beides kombinieren, wenn man vernünftig damit umgeht. Ich habe mir hohe Ziele gesetzt, aber ich muss dann auch damit klarkommen, wenn ich scheitere. Auf diese Art habe ich es zumindest probiert. Wichtig war mir die Herangehensweise: Ich kann auch mal eine Einheit weglassen oder eine Hausarbeit einen Tick schlechter abgeben, weil es am Ende auf das Wohlbefinden ankommt. Ein Abend auf der Couch bewirkt dann viel mehr, weil es mir insgesamt besser geht.

hessenschau.de: Die Olympia-Qualifikation haben Sie verpasst. Hing das mit Ihrer "Doppelbelastung" zusammen?

Es kann schon ein Einflussfaktor gewesen sein. Uni und Sport zusammen – das kann ein Risiko sein. Allerdings wollte ich in diesem Jahr endlich meinen Uni-Abschluss schaffen. Ich glaube auch, dass eher die Art der Qualifikation ein Problem für mich darstellte: Ich mag "richtige Wettkämpfe" mit Konkurrenten, Zuschauern, einer Startlinie und Zielbogen. Bei der Qualifikation ging es auf Zeit, die Distanzen waren sehr kurz im Vergleich zum normalen Triathlon. Sonst dauert er ein oder zwei Stunden, an diesem Tag nur 20 Minuten. So konnte ich meine Ausdauerstärke nicht ausspielen. Je länger die Strecke, desto besser werde ich normalerweise.

hessenschau.de: Haben Sie mal gedacht: "Ich hätte lieber getauscht: Olympia statt Meistertitel"?

Den Gedanken hatte ich, ja. Aber ich habe mich eher über die Art der Qualifikation an sich geärgert, nicht über meine Leistung. Ich habe mich schon gefragt, wie man Deutsche Meisterin werden und dann nicht zu Olympia fahren kann. Aber Vergangenes kann ich eh nicht ändern. Ich habe jetzt noch die EM- und WM-Quali und einen schönen Sommer. Und ich bin ja auch noch jung.

hessenschau.de: Wo genießen Sie nun den Sommer? In Harvard oder in Darmstadt?

Mit Harvard habe ich erst einmal abgeschlossen, dahin fliege ich nur noch einmal zur großen Abschlussfeier. Ich möchte hier in Darmstadt bleiben, wieder Eis essen und draußen Kaffee trinken. Die Normalität ist jetzt für mich etwas Besonderes, das möchte ich genießen.

Das Gespräch führte Ron Ulrich.