Ein Blick auf das grüne Ski-Gebiet von Willingen
Willingen ohne Schnee - an dieses Bild von Nordhessens Skistandort muss man sich wohl gewöhnen. Bild © Imago

Kaum noch Schnee und weiter steigende Temperaturen: Dem hessischen Winter geht es immer mehr an den Kragen. Mit fatalen Folgen für den Skisport.

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Schneemangel

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Diesmal ist alles anders. Es ist grün. Und es ist still. Keine Skispringer, keine Zuschauer, kein Schnee, kein Weltcup. Am vergangenen Wochenende stand sie ein wenig trostlos rum, die Schanze in Titisee-Neustadt im tiefsten Schwarzwald. Eigentlich hätten hier die Skispringer ihre dritte Weltcup-Station austragen sollen, doch schon Tage zuvor winkten die Veranstalter ab: zu warm. Selbst eine Präparation mit Kunstschnee aus Skihallen erschien ihnen unmöglich. Der Wintersport kapituliert ein erstes Mal vor steigenden Temperaturen und fehlendem Schnee. Herzlich willkommen, Klimawandel!

Athleten formieren sich

Stephan Leyhe, Hessens Vorzeigespringer aus Willingen, hat sich vor der Kamera postiert. Er will, wie so viele seiner Wintersportkollegen, eine Botschaft loswerden. Es geht um abgesagte Weltcups wie in Titisee-Neustadt, um den Klimawandel, um die Zukunft einer ganzen Sportart. Deshalb fordert Leyhe in den sozialen Medien auf, man solle sich nachhaltig verhalten. Er selbst mache das auch. Alte Skier, Schuhe, Bindungen werfe er nicht einfach weg, sondern verschenke es an den Nachwuchs.

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Thema im heimspiel!

Der Wintersport im Zeichen des Klimawandels ist auch Thema im heimspiel! am Montagabend. Ab 23.15 Uhr ist unter anderem Wilhelm Saure, Präsident des Skiclub Willingen, zu Gast.

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Dass nicht nur Leyhe, sondern so ziemlich alle deutschen Wintersportstars dem Aufruf eines Sponsors gefolgt sind und unter dem Hashtag "Winterfans" in dieser Saison immer wieder auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam machen, verdeutlicht den Ernst der Lage. Dem Wintersport in Deutschland droht das Aus – und Hessen wird es zuerst treffen.

Willingen besonders stark betroffen

Willingen im Upland ist der hessische Winterstandort schlechthin. Hier findet jedes Jahr der Skisprung-Weltcup statt, hier hat nicht nur Leyhe, sondern auch der ehemalige Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle zum ersten Mal auf Skiern gestanden. Wer sich aber die Entwicklung der Wetteraufzeichnung der vergangenen Jahrzehnte anschaut, der muss für die Region Willingen dramatische Schlussfolgerungen ziehen. In den vergangenen Jahren hat man dort durchschnittlich nur noch um die 30 Schneetage bekommen. Anfang der 60er Jahre waren es noch fast doppelt so viele.

Der Winter hat sich halbiert – und es kommt noch schlimmer. Denn nicht nur die Schneetage werden weniger, auch die Temperatur steigt an. In den vergangenen 60 Jahren ist der Jahresmittelwert in Willingen um fast zwei Grad nach oben geklettert – diverse Schwankungen inbegriffen. Das geht aus Daten des Deutschen Wetterdiensts hervor. Das macht generell auch die Herstellung von Kunstschnee schwieriger. Schneereiche Winter wie der vergangene seien auch fortan möglich, sagt Heike Hübener vom Hessischen Landesamt für Naturschutz. "Aber es werden weniger."

Im zweiten wichtigen hessischen Skigebiet, der Rhön, zeigt eine einfache Zukunftsprojektion, dass auch dort Schnee bald die Ausnahme sein wird. Sollten die globalen Klimaziele auch weiterhin nicht erreicht werden und sich die Erderwärmung fortsetzen, herrschten schon in 60 Jahren auf der Wasserkuppe ähnliche klimatische Bedingungen wie im australischen Melbourne. Ein Wetter für Surfer, nicht für Skifahrer.

Umstellungen und Nachwuchssorgen

Einige Sportarten versuchen mit veränderten Wettkampfformaten den nahenden Tod zumindest ein paar Jahre hinauszuzögern. Der alpine Rennsport zum Beispiel tendiert zu kurzen Formaten. Ein kleiner Stadtslalom in Stockholm mit künstlichem Schneehügel. Das geht. Viele andere Sachen nicht mehr.

Besonders hart wird es die Mittelgebirge wie eben die Rhön und oder die Region rund um Willingen treffen. Schon jetzt laufen viele Lifte nicht mehr, schon jetzt müssen Skiclubs dicht machen. Denn: kein Schnee bedeutet auch kein Nachwuchs. Und kein Nachwuchs bedeutet auch kein Wintersport. Grün und still ist es dann nicht nur in Titisee-Neustadt.