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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Streit im Rollstuhlbasketball

Böhme beim Wurf

Große Aufregung bei Rollstuhlbasketballern weltweit: Rund ein halbes Jahr vor Beginn der Paralympics in Tokio steht ausgerechnet ihre beliebte Sportart zur Disposition. Spieler des RSV Lahn-Dill sind verunsichert.

Kein Rollstuhlbasketball mehr bei einem der wichtigsten Turniere der Welt? Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hat das Aus für Tokio und für die Paralympics 2024 in Paris angedroht, sollte der Internationale Rollstuhlbasketballverband (IWBF) seine Regeln nicht an das Klassifizierungssystem des IPC anpassen.

Das IPC hatte seine Vorgaben bereits im Jahr 2015 geändert. Der Ausschluss für die Paralympics in Japan (25. August bis 6. September) ist nur durch die Umsetzung eines vom IPC verlangten Aktionsplans abzuwenden.

Bei Spielerinnen und Spielern in Hessen haben der Clinch zwischen den Verbänden und das drohende Paralympics-Aus für große Verunsicherung gesorgt – allen voran beim Bundesligisten RSV Lahn-Dill aus Wetzlar, dessen Team mit US-amerikanischen, australischen und vor allem vielen deutschen Nationalspielern gespickt ist.

"... dann ist das schön blöd"

Thomas Böhme, Spielmacher der Männer-Nationalmannschaft, befürchtet, dass die gesamte Vorbereitung umsonst gewesen sein könnte. "Man hat jetzt so lange auf das Ziel hingearbeitet, hat sich qualifiziert, hat alles hinten angestellt, Privatleben und alles Mögliche, und wenn dann jetzt so eine Nachricht kommt, dann ist das schön blöd", sagt er im Gespräch mit dem hr.

Seine Lahn-Dill-Kollegin Annabel Breuer, die bei den Paralympics 2012 Gold mit den deutschen Frauen gewonnen hatte, ergänzt: "Ich fände es sehr schade, wenn so etwas auf Kosten von uns Sportlern ausgetragen wird."

Das IPC will eine einheitliche Linie

Hintergrund des Streits: Das IPC will bei der Klassifizierung der Athletinnen und Athleten eine einheitliche Linie. Im Kern geht es um schon länger existierende Differenzen, wie Männer-Bundestrainer Nicolai Zeltinger aus Gießen erklärt: "Im Rollstuhlbasketball dürfen minimal Behinderte teilnehmen, da schaut aber das IPC kritisch drauf."

Nicolai Zeltinger

Die Klassifizierung des Behindertengrades funktioniert über ein Punktesystem: Für jeden einzelnen Akteur werden zwischen einem und 4,5 Punkten vergeben. Einen gibt es für den schwersten Behinderungsgrad, 4,5 für minimale Einschränkungen, beispielsweise für ein kaputtes Knie. Die Gesamtpunktzahl einer Mannschaft auf dem Feld darf nicht mehr als 14,5 betragen, dadurch soll ein fairer Wettkampf gewährleistet werden.

Unverständnis bei Bundestrainer Zeltinger

Nach dem Willen des IPC sollen Athletinnen und Athleten mit minimalen Einschränkungen, also jene, die bei der Klassifizierung 4,5 Punkte erhalten, nicht mehr an den Paralympics teilnehmen dürfen. Ein Ansatz, den Bundestrainer Zeltinger nicht nachvollziehen kann.

"Das IPC hat sich eigentlich selbst auf die Fahnen geschrieben, allen Menschen, die eine Einschränkung haben und nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen können, einen Zugang zu den Paralympics zu gewähren." Dass nun minimal Behinderte nicht dabei sein sollen, sei abstrus, das IPC gehe den falschen Weg. "Es steht doch eigentlich Inklusion dahinter, da soll man doch alle mitspielen lassen."

Betroffen wären vor allem die Center

Eine Folge eines möglichen Ausschlusses der Spielerinnen und Spieler mit hoher Punktzahl wäre, dass zahlreiche Mannschaften auf ihre Center verzichten müssten. In der deutschen Männer-Mannschaft wären davon drei Akteure betroffen, bei den Frauen sogar sechs.

"Das würde eine komplette Umstrukturierung innerhalb der Mannschaften bedeuten, da würden Spieler auf einmal Aufgabenbereiche bekommen, die sie noch nie erfüllt haben", befürchtet Bundestrainer Zeltinger. "Das wäre eine Katastrophe, eine deutliche Schwächung des Sports und auch eine unfaire Behandlung der Spieler."

Frist bis zum 29. Mai

Nationalspieler Böhme vom RSV Lahn-Dill erwartet einen Attraktionsverlust – nicht nur für das Rollstuhlbasketball, sondern auch für die Paralympics. "Rollstuhlbasketball ist eine der attraktivsten Sportarten und eine, die am meisten mediale Aufmerksamkeit hat."

Die hessischen Rollstuhlbasketballer hoffen deshalb auf eine schnelle Einigung, damit die Mannschaften in Tokio geschlossen an den Start gehen können. Das IPC hat dem internationalen Rollstuhlbasketballverband eine Frist bis zum 29. Mai gesetzt. Spätestens dann wird sich entscheiden, ob Rollstuhlbasketball wirklich aus dem paralympischen Programm verschwindet.