Kinder in Sandbach (Odenwald) beim Fußball-Training.

Das Infektionsschutzgesetz des Bundes sorgt bei den hessischen Vereinen seit einer Woche für Verwirrung. Wer ein Training für Kinder und Jugendliche anbieten will, rätselt oft über die Vorgaben oder scheitert am Organisationsaufwand. Der Landessportbund hat eine klare Forderung.

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Für Kinder unter 14 gilt seit der so genannten Bundesnotbremse: Training nur draußen, kontaktlos und maximal zu fünft. Außerdem muss der Übungsleiter oder die Übungsleiterin der Kinder einen anerkannten negativen Test vorlegen können. Klingt eindeutig? Beim Blick in die Vorgaben des Gesetzes kommen Fragen auf: Reicht ein Selbsttest? Sind mehrere Fünfer-Gruppen auf einem Sportplatz zulässig? Und was bedeutet eigentlich "mit Vollendung des 14. Lebensjahres"?

"Die Bundesnotbremse ist ohne Auslegungshinweise gekommen. Uns fehlt eine Gebrauchsanweisung. Und das führt zu einer sehr großen Verwirrung. Und dort wo Menschen verwirrt sind, da tun sie häufig lieber gar nichts, als dass sie etwas Falsches tun", sagt Juliane Kuhlmann, die Vizepräsidentin für Kinder- und Jugendsport des Landessportbundes Hessen, im Gespräch mit dem hr-sport.

Unscharfe Formulierungen und Kommunalverfügungen

Für die ehrenamtlich geführten Vereine sei es schwierig, mit den Regelungen Schritt zu halten. Das habe lange funktioniert – bis zum Infektionsschutzgesetz des Bundes. "Es gibt bei den Begriffen eine große Unschärfe. Und das sorgt dafür, dass man unsicher wird", beschreibt Kuhlmann das Problem der Vereine. Um dem entgegenzuwirken hat der Landessportbund auf seiner Homepage eine Liste mit Antworten zu den häufigsten Fragen veröffentlicht. Ähnliche Leitlinien sind unter anderem auch beim Hessischen Fußballverband zu finden.

Allgemeingültige Lösungen kann der Landessportbund aber nicht geben, da die Vereine auch die Kommunalverfügungen beachten müssen. Mit diesen können Kommunen entscheiden, ob sie Sportplätze sperren oder die Regeln bezüglich des Sports auf kommunaler Ebene noch verschärfen. So entsteht in Hessen trotz der einheitlichen Bundesnotbremse ein Regel-Flickenteppich für die Vereine.

So ist die Lage in den Vereinen

Die Reaktion bei den Vereinen fällt unterschiedlich aus. Der KSV Baunatal beispielsweise kann angesichts der Unsicherheit, des Aufwands und der örtlichen Gegebenheiten keinen Kinder- und Jugendsport anbieten. "Wir hatten diese Woche ein ziemliches Chaos bei der gemeinsamen Regelauslegung mit der Kommune. Die Stadt hat die Regeln erst selbst interpretiert, aber völlig anders als später das Gesundheitsamt", erzählt der Vorsitzende Timo Gerhold.

Mittlerweile gebe es klare Regeln. Die allerdings machen es dem Verein nahezu unmöglich, Training anzubieten: "Bei den Übungsleitern muss für jedes Training eine offizielle Testbescheinigung vorliegen, Selbsttests reichen nicht. Der Aufwand ist extrem. Die meisten Übungsleiter arbeiten ehrenamtlich und müssten vor jedem Training dafür eine Stunde investieren", berichtet Gerhold. Zudem sei die Auswahl der fünf Kinder, die pro Trainingsgruppe können dürften, bei einer Gesamtanzahl von 2500 Kindern und Jugendlichen im Verein sehr schwer.

Beim kleineren Verein TV Hausen aus dem Kreis Offenbach hingegen finden auch nach der Bundesnotbremse sämtliche Trainings für Kinder und Jugendliche statt. "Wir sind mit unserem großen Außengelände in einer glücklichen Lage. Da können mehrere Fünfergruppen trainieren. Bei den Tanzgruppen wird die Musik ein bisschen lauter gedreht, beim Fußball Parcours aufgebaut und Geschicklichkeit trainiert", schildert Vorsitzende Heike Lehnert.

Landessportbund mit klarer Forderung

Der stark eigeschränkte Vereinssport ist für Kuhlmann langfristig keine Option. Sie fordert: "Sport im Freien sollte für alle möglich sein. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Aerosolforscher deuten darauf hin, dass Sport im Freien unbedenklich ist." Und - bis die Bundesnotbremse griff war das in Hessen für Kinder unter 14 Jahren möglich.

"Ich kritisiere, dass man - obwohl man immer wieder sagt, wie wichtig Sport, Bewegung und Spiel für Kinder ist - dann trotzdem auch draußen diese Einschränkung wieder einführt." Die Lösung würde für den Landessportbund so aussehen, dass mit Hygienekonzepten der Vereine Mannschaftssport im Freien wieder erlaubt sein sollte.

Wunsch vs. Risiko

Fraglich ist, ob sich mit Konzepten bei Kindern und Jugendlichen wirklich der Kontakt auf und neben dem Sportplatz verhindern lässt. Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Inzidenz in Kassel, Offenbach und dem Landkreis Werra- bei Kindern zwischen fünf und 14 Jahren über dem Wert von 300 liegt. "Ich erkenne den Ernst der Situation, und dass man etwas tun muss", sagt auch Kuhlmann. An der Forderung nach Vereinssport im Freien ändere dies aber nichts.