Jochen Wollmert

Bis Sonntag läuft die Abstimmung für den besten Para-Sportler des Jahrzehnts. Unter den Kandidaten ist auch Deutschlands bester Tischtennisspieler Jochen Wollmert von den TSF Heuchelheim.

Was ihn von Tischtennis-Kollegen ohne Handicap wie Timo Boll unterscheidet: "Ich würde mal sagen die Titel", lacht er. "Nein, Spaß bei Seite. Ich glaube, dass ich genau weiß, worauf es ankommt. Das weiß Timo sicherlich auch, aber ich konnte in den wichtigen Partien fast immer mein bestes Tischtennis abrufen."

"Außerdem versuche ich, egal wie es steht, dem Gegner immer mein Spiel aufzudrücken. Selbst bei 9:10 nehme ich lieber in Kauf, den Fehler selber zu machen, als dass der Gegner zum Beispiel einen Fehler macht."

Medaillen müssen schon in den Keller

Ein bisschen Glück gehöre natürlich auch immer dazu, sagt er. Aber die Fans - bei den Paralympischen Spielen bis zu 8.000 - treiben ihn dazu, "immer nochmal ein paar Prozent mehr bei mir herauszukitzeln."

In seiner Karriere hat der 55-Jährige schon so viele Medaillen gesammelt, dass manche es nicht mehr in seine Wohnung geschafft haben, sondern in Kisten verstaut im Keller liegen. Sieben Mal war er bei den Paralympics dabei, fünf Mal nacheinander stand er im Finale, drei Mal holte er Gold. Dazu kommen noch Welt- und Europameister-Titel.

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Hauptberuflich arbeitet Wollmert Vollzeit als Pressesprecher für eine große Krankenversicherung: "Man braucht ein gutes Zeitmanagement, eine sehr verständnisvolle Frau, generell eine Familie, die meinen Sport mitgeht. Mein Jahr, wenn ich jetzt zum Beispiel an 2021 denke, ist bereits jetzt schon durchgeplant. Das heißt: Beruf, Zeit mit der Familie und Trainingsmaßnahmen stehen jetzt bereits vom 1. Januar bis 31. Dezember fest."

Endgültig qualifiziert für die Paralympics nächstes Jahr ist er zwar noch nicht, seine Chancen stehen aber gut. Es wären seine achten Spiele. Neben Medaillen hat er seit seinen ersten Paralympics 1992 auch schon zwei Mal einen Fair-Play-Preis bekommen. Unter anderem hat er 2012 dafür gesorgt, dass eine Schiedsrichterentscheidung zu Gunsten seines Gegners korrigiert wird. Ist ihm Fair Play wichtiger als gewinnen?

Para-Sport: Vorteil Hessen

"Ein klares Ja. Zu gewinnen und dabei ein Geschmäckle zu haben, ist für mich nicht vorstellbar. In London war mir in der Situation aber auch wichtig, dass nicht über längere Zeit über den Punkt diskutiert wird. Der gegnerische Trainer war nämlich aufgrund der Schiedsrichterentscheidung ziemlich ungehalten, und ich wollte den Fokus auf dem Spiel haben."

Privat lebt der 55-Jährige in Nordrhein-Westfalen, hat sich sportlich vor einiger Zeit aber für Hessen und die TSF Heuchelheim entschieden. "Leider wurde in NRW mehr Wert auf die jüngeren Spieler gelegt. Die älteren, erfolgreichen, wurden bei Trainingsmaßnahmen eher außen vorgelassen. Die TSF Heuchelheim mit dem Paralympischen Trainingsstützpunkt, bei dem ich auch immer mal wieder trainiere, sowie der hessische Behinderten- und Rehabilitationssportverband haben mich deutlich stärker werden lassen."

Wachsendes Interesse und wachsende Berichterstattung

Das Tischtennis-Ass hat seit seiner Geburt versteifte Hand- und Fußgelenke. Trotzdem spielt er sowohl Regel- als auch Behindertensport. Was ihn besonders freut: Dass der Behindertensport immer mehr die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient.

"Die Paralympics sind nach den Olympischen Spielen und der Fußball-Weltmeisterschaft die drittgrößte Sportveranstaltung auf der Welt. Die vollen Stadien, die immer besser werdende Berichterstattung, auch im TV, haben dazu beigetragen, dass das Interesse in der Öffentlichkeit ständig größer wird."