MMA-Kämpfer Daniel Weichel

Daniel Weichel ist Deutschlands bester MMA-Kämpfer. Im Interview spricht der Frankfurter über seine Karriere, das Gefühl, K.o. zu gehen - und gibt tiefe Einblicke in den harten Kampf vor dem Wiegen.

Mixed Martial Arts ist eine Sportart, die auch in Deutschland an Popularität gewinnt. In den USA locken die beiden großen Promoter UFC und Bellator mit der Kombination verschiedener Kampfsportarten hunderttausende Zuschauer vor die TV-Bildschirme.

Der Frankfurter Daniel Weichel ist seit Jahren eine fest Größe der Szene. Zuletzt hätte er eigentlich in einem Turnier um ein Rekordpreisgeld von einer Million Euro kämpfen sollen, bevor die Corona-Pandemie alle Pläne stoppte. Im Interview gibt der 35-Jährige nun Einblicke in die aufstrebende und gleichzeitig gerade in Deutschland oft scharf kritisierte Sportart.

hessenschau.de: Herr Weichel, wegen Corona kann fast jeder Sportler derzeit von abgesagten Events berichten. Aber bei Ihnen war das schon sehr speziell. Ihr Kampf am 13. März wurde erst wenige Stunden vorher abgesagt. Wie kam es dazu und wie sind Sie damit umgegangen?

Weichel: Das war eine komische Situation. Wir waren mit dem Team schon in den USA, Vorbereitung und Weight Cut waren abgeschlossen. Zu dem Zeitpunkt war bereits klar, dass der Event ohne Publikum sein wird. Nach dem Frühstück, auf dem Weg zum Trainingsraum, gab es das erste Gerücht - kurz danach war es offiziell. Das war vier Stunden vor dem Start. Mir sind dann viele Dinge durch den Kopf gegangen. Da wurde schon deutlich, dass das Leben auf eine Art spielen kann, die man nicht geplant hat. Wir denken oft, das ist uns bewusst. Aber in so Situationen begreift man erst, dass eine gewisse Kontrolle eine Illusion ist.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Weichel über die Absage seines letzten Events

MMA-Kämpfer Daniel Weichel
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hessenschau.de: Für Sie als Kämpfer war diese späte Entscheidung bitter, weil Sie davor ja schon den Weight Cut hinter sich bringen mussten. Sie müssen ja vor jedem Kampf ein Maximalgewicht erreichen. Viele sprechen da vom "Kampf vor dem Kampf". Wie läuft das im Detail ab?

Weichel: Das Gewichtmachen spielt eine wichtige Rolle, wobei ich den größten Teil davon genieße. Aber klar, in der letzten Woche geht es an die Substanz. Konkret sieht das so aus: Mein normales Gewicht ist um die 73 Kilo. Mit meiner Diät komm ich bis zur letzten Woche auf 70 runter. Gewogen wird einen Tag vor dem Event, da darf ich bei einem WM-Kampf maximal 65,8 haben.

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„Dafür gibt es in der letzten Woche nur noch ein kleines Müsli zum Frühstück, eine kleine Portion Eier und eine halbe Avocado am Mittag und Abends einen Gemüsesaft.“ Zitat von Weichel über den Weight-Cut
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Dafür gibt es in der letzten Woche nur noch ein kleines Müsli zum Frühstück, eine kleine Portion Eier und eine halbe Avocado am Mittag und Abends einen Gemüsesaft. Zudem wird der Wasserhaushalt beeinflusst. Ich trinke acht Liter täglich und halbiere das vier Tage vor der Waage. Dann trinke ich die letzten 24 Stunden nur noch nach Bedarf. Dadurch entwässere ich und spül den Körper durch. Nebenbei wird natürlich trainiert. Das letzte Kilo wird in der Badewanne am Tag der Waage rausgeschwitzt.

hessenschau.de: Und wenn Sie am nächsten Tag in den Käfig steigen, wie viel Gewicht haben Sie dann wieder?

Weichel: Ich habe dann wieder so 72 Kilo. Das kommt daher, dass der größte Teil Wasser ist. Nach der Waage führe ich meinen Körper mit einfacher Kost und viel Flüssigkeit wieder ran.

hessenschau.de: Das klingt ja fast nach einer Wissenschaft. Haben Sie einen Experten im Team?

Weichel: Ich habe Leute, die mich beraten, aber ich habe das über die Jahre gelernt. Ich esse etwa kaum Fleisch in der Vorbereitung, weil ich gemerkt habe, dass das für mich gut funktioniert. Mir hilft auch, dass ich die Diät unterteile. Wenn man fünf, sechs Kilo kurz vor dem Kampf über die Sauna machen muss, ist das einfach eine extreme Strapaze.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Weichel über den Kampf gegen die Waage

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hessenschau.de: Sie haben es angesprochen, Sie haben schon einige Erfahrung gesammelt, sind einer der deutschen Pioniere. Wie wird man eigentlich MMA-Kämpfer, besonders im Jahr 2001?

Weichel: Ich habe mit Jiu Jitsu angefangen, das ist ein Stand-Boden-Kampf ohne Schläge und Tritte. Darüber bin ich dann auf Videos gestoßen, in denen Jiu-Jitsu-Kämpfer in den Anfängen von MMA oft deutlich schwererer Gegner mit Leichtigkeit besiegt haben. Das hat mich fasziniert und so bin ich zum MMA gekommen. Dann habe ich meinen ersten Amateur-Kampf in Holland gemacht und gewonnen. Das war einfach atemberaubend und da stand für mich fest: Das will ich machen.

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Unter Mixed Martial Arts versteht man eine Kombination verschiedener klassischer Kampfsportarten. Die Athleten kämpfen dabei sowohl im Stehen als auch am Boden und dürfen auch den Ellbogen oder das Knie zum Schlagen nutzen. Trotzdem gibt es klare Regeln, verboten sind etwa Schläge auf den Hinterkopf oder in den Genitalbereich.

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hessenschau.de: Daraus wurde eine lange Karriere – was sind die Highlights bisher?

Weichel: Auf jeden Fall der M1-Titel im Jahr 2011 in Moskau. Da habe ich vor 22.000 Zuschauern und Wladimir Putin in der ersten Reihe durch K.o. in der ersten Runde gewonnen. Das war natürlich ein Highlight. Danach begann meine Karriere bei Bellator, da habe ich ein 100.000-Dollar-Turnier gewonnen. Und jetzt stehe ich mitten im nächsten Highlight, dem Millionen-Dollar-Turnier.

hessenschau.de: Neben den Höhepunkten gab es auch Rückschläge. 2015 hatten Sie Bellator-Weltmeister Patricio Freire am Rande einer Niederlage. Es wäre die Krönung Ihrer Karriere gewesen – und dann gingen Sie durch einen perfekten Konter K.o. Wie geht man mit so einer Niederlage um?

Weichel: So einen Kampf schwingt natürlich lange nach, vor allem mit diesem Verlauf. Ich war so kurz davor, den Titel zu holen und dann klappt das doch nicht. Im Nachhinein blicke ich so darauf, dass ich nach der Performance sagen kann, ich bin eines der besten Federgewichte der Welt. Was mich diesen Kampf gekostet hat, war mein eigener Fehler. Es hat nicht der andere etwas besonders gut gemacht, sondern ich etwas falsch. Jetzt kann ich im Turnier wieder auf ihn treffen, da kann ich es besser machen.

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„Beim K.o. feht eine Sequenz von ein, zwei Sekunden. Da merkt man: Ups – da ist was so gelaufen, wie es nicht laufen sollte.“ Zitat von MMA-Kämpfer Weichel
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hessenschau.de: Gehen wir noch einmal auf diesen Moment ein. Auch wenn es etwas komisch klingt, aber wie ist es eigentlich, K.o. zu gehen? Die meisten Menschen kennen das Gefühl ja nicht...

Weichel: Ich kann mich an die Situation noch gut erinnern. Man ist sehr fokussiert und dann ist man einfach ganz kurz weg. So eine Sequenz von ein, zwei Sekunden fehlt. Dann war ich wieder da und hab gemerkt: Ups – da ist was so gelaufen, wie es nicht laufen sollte. Aber man versucht dann so schnell wie möglich den Fokus wieder herzustellen. Im MMA ist der Kampf ja nach einem Niederschlag nicht unterbrochen. Aber der Ringrichter ging dazwischen und dann realisiert man - okay, ich habe verloren.

hessenschau.de: Blicken wir mal auf abseits des Ringes. Wenn Sie privat nach Ihrem Beruf gefragt werden, was sagen Sie dann? Ich bin Käfigkämpfer?

Weichel: Nein. Ich sage, ich bin MMA-Kämpfer.

hessenschau.de: Und wie sind die Reaktionen darauf?

Weichel: Die meisten Leute sind sehr interessiert und aufgeschlossen. Der Sport ist in den letzten Jahren populärer geworden und das Interesse ist extrem gewachsen.

hessenschau.de: Trotzdem ist die Kritik an MMA gerade in Deutschland weiter groß. Wie gehen Sie mit Menschen um, die sagen, Ihr Sport sei zu brutal und gehöre verboten?

Weichel: Ich stoße glücklicherweise immer weniger auf diese Art von Kritik. Ich wüsste auch nicht, aus welchem Grund man den Sport verbieten sollte. MMA setzt sich aus einer Kombination aller bekannten Kampfsportarten zusammen, was den Sport ebenso facettenreich wie anspruchsvoll macht. Es gibt ein ausführliches Regelwerk wie in jeder anderen Sportart, das die Gesundheit der Athleten schützt.

hessenschau.de: Der Sport ist im Vormarsch, aber trotzdem in Deutschland noch eine Randsportart. Wie gut können Sie davon leben?

Weichel: Im Laufe der Zeit hat sich bei mir ein professionelles Umfeld entwickelt und meine Karriere hat sich sehr gefestigt. Dadurch ging es in Richtung Weltspitze und ab dann konnte ich gut davon leben. Ich sehe es als Privileg an, das machen zu können, was ich liebe. Jetzt stehe ich eben mitten im Millionen-Dollar-Turnier. Das ist noch einmal eine Möglichkeit, mich finanziell abzusichern. Das, was jetzt noch vor mir liegt, ist genau so, wie ich es mir wünsche.

hessenschau.de: Als MMA-Kämpfer müssen Sie ja wegen Ihrer Fähigkeiten abseits des Rings besonders aufpassen, nicht in Streits zu geraten. Gab es da je eine Situation, wo Sie sich zurückhalten mussten?

Weichel: Eigentlich überhaupt nicht. Im privaten Umfeld oder öffentlichen Leben wurde ich noch nie mit einer solchen Situation konfrontiert. Ich weiß nicht, ob das eine Art Ausstrahlung ist, aber ich hatte da noch nie Probleme. Das ist bei mir sehr getrennt, der Sport an sich und das öffentliche Leben.

Das Gespräch führte Philip Schmid.