Ristau fährt auf der Pister hinter ihrem Guide Gerkau her.
Noemi Ristau (hinten) und ihr Guide Lucien Gerkau Bild © Imago

Mit zwei Prozent Sehkraft und 80 km/h die Piste runter: Das traut sich Noemi Ristau. Zusammen mit ihrem Guide Lucien Gerkau hat sich die Marburgerin für die Paralympics qualifiziert – und will gleich mehrere Medaillen holen.

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An der Wand in Noemi Ristaus WG-Zimmer hängt ein Zettel. In blau stehen darauf Dinge, die die Marburgerin gerne einmal machen würde. In rot solche, die sie unbedingt machen will – wie einen Tandem-Sprung. Ein "Must-Do" fehlt aber auf der Liste, obwohl es in Kürze wahr wird: Einmal an Paralympischen Spielen teilnehmen.

So richtig glauben kann es Ristau auch noch nicht. Gemeinsam mit ihrem Guide Lucien Gerkau wird sie Deutschland in Pyeongchang (9. – 18. März) vertreten. Das Ziel, das sich das Duo vor drei Jahren gesetzt hat, ist plötzlich Wirklichkeit geworden. Ristau und Gerkau werden bei den Spielen für Sportler mit Behinderung antreten – und zwar in allen fünf alpinen Disziplinen. Gerkau fährt dabei vorne weg, Ristau, die nur noch zwei Prozent Sehkraft besitzt, hinterher.

Fünf Disziplinen – fünf Mal Medaillen-Chance

"Noch geht es mit der Aufregung. Das kommt immer mal so zwischendurch und dann bin ich wieder ein, zwei Tage sehr aufgeregt", sagte die Athletin vor dem Abflug nach Südkorea. Sie ist gut drauf in ihrer erst zweiten Saison als Profi. Bei den Weltcup-Rennen in den vergangenen Wochen hat sie in sämtlichen Disziplinen – vom Slalom bis zur Abfahrt – auf dem Podium gestanden. "Das größte Ziel war eigentlich, überhaupt bei den Paralympics dabei zu sein. Aber durch die Weltcup-Rennen ist es jetzt schon so, dass ich gerne bei einigen Disziplinen auch eine Medaille holen würde."

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Rollstuhlcurling made in Hessen

Neben Ristau treten gleich vier Hessen beim Rollstuhlcurling für Deutschland an. Martin Schlitt, Heike Melchior, Wolf Meißner und Christiane Putzich kämpfen hier um die Medaillen.

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Ristau stand schon früh auf Skiern. Mit der Familie fuhr sie regelmäßig in den Ski-Urlaub. Als Teenager, mit 14 Jahren, bekam sie dann plötzlich eine Augenkrankheit. "Morbus Stargadt" heißt die und bedeutet: Das Sehzentrum fehlt, die Ränder sind verschwommen. "Das war am Anfang echt schwer. Ich musste die Schule wechseln und bin dann in Marburg auf die 'Blista' gegangen, eine Schule für Sehbehinderte. Dabei dachte ich zu Beginn immer: Ich bin doch gar nicht blind", erzählt die 26-Jährige.

"Bislang hat mein Guide mich noch nie irgendwo gegengefahren"

Zwei Prozent Sehkraft hat sie heute noch – und auf die legt Ristau Wert. Wenn sie in Marburg unterwegs ist, wo sie ihre Ausbildung zur Ergotherapeutin gemacht hat, dann ohne Blindenstock. Sie hat so ihre Tricks, wie sie sich in der Stadt orientiert: bunte Farben, Geländer oder Schilder. Diese Fähigkeit hilft ihr auch heute beim Skifahren, was erst einmal nur als Hobby begann. "Ich hab nach dem Abi ein soziales Jahr in Indien gemacht, und als ich wiederkam, wusste ich nicht, was ich in Deutschland anfangen soll. Ich habe dann getan, was mir schon immer Spaß gemacht hatte: Skifahren."

Gerkau und Ristau
Noemi Ristau (re.) und ihr Guide Lucien Gerkau Bild © Imago

Beim Skiclub Blau-Gelb Marburg fällt ihr Talent schnell auf. Hier lernt sie auch ihren heutigen Guide Gerkau kennen, ein ehemaliger Skirennfahrer. Das Duo versteht sich auf Anhieb gut – und das muss es auch. Bei Tempo 80 ist Vertrauen überlebenswichtig. Noemi Ristau muss sich bei jeder Abfahrt ganz auf die Anweisungen ihres Vordermanns verlassen, die er ihr über Headset gibt. "Bislang hat er mich noch nie irgendwo gegengefahren", sagt die Marburgerin lachend. "Ich vertraue ihm absolut."

Eine innere Landkarte, die mit Vollgas abgefahren wird

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hr-iNFO - Das Interview

Ein ausführliches Gespräch mit Noemi Ristau hören Sie am Freitag ab 19.30 Uhr in "hr-iNFO - Das Interview".

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Bis zu 30 Minuten verbringen die beiden vor jedem Rennen auf der Piste, um sich den Kurs ganz genau einzuprägen. Ristau legt sich dann eine innere Karte zurecht, die sie anschließend mit Vollgas abfährt, immer dem neongelben Trikot ihres Guides folgend. Und der sagt: "Man muss schon ganz schön schnell sein. Noemi gibt ordentlich Gas und dann reicht es nicht, wenn man freizeitmäßig vorne weg schwingt."

Bei ihren ersten Weltmeisterschaften im vergangenen Jahr in Tarvisio (Italien) haben die Beiden gleich Bronze im Slalom geholt. Jetzt steht das wohl größte Highlight im Leben eines jeden Athleten an. "Noemi spricht ja schon von mehreren Medaillen – also, ich wäre da auf jeden Fall dabei" unterstreicht Gerkau grinsend die Zielsetzung für Pyeongchang. Noemi Ristau sollte auf ihre "Must-Do"-Liste also auf jeden Fall noch das Wort "Medaille" setzen – und zwar in rot.

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Ristau bei den Paralympics:

  • Sa, 10.03.2018

01:30-04:30 Uhr MEZ - Abfahrt

  • So., 11.03.2018

01:30-05:00 Uhr MEZ - Super G

  • Di., 13.03.2018

07:00-09:00 Uhr MEZ - Kombination

  • Do., 15.03.2018

01:30-03:00 Uhr MEZ - 1. Lauf, Slalom
04:30 Uhr-05:30 Uhr MEZ - 2. Lauf, Slalom

  • So., 18.03.2018

01:30-03:00 Uhr MEZ - Riesenslalom

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