Szene vom Frankfurter Radrennen
Am 1. Mai findet wieder das beliebte Radrennen Eschborn-Frankfurt statt. Bild © Imago Images

Der Countdown läuft: Am 1. Mai steigt in und um Frankfurt das wichtigste deutsche Radrennen. Im Interview spricht hr- und ARD-Kommentator Florian Naß über den neuen Streckenverlauf, Lokalmatador John Degenkolb und den Stellenwert des beliebten Klassikers.

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Florian Naß

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kommentator Florian Naß über das Frankfurter Radrennen

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hessenschau.de: Neuer Streckenverlauf, neue Chancen – aber mit dem Norweger Alexander Kristoff ein altbekannter Top-Favorit. Warum wird die 58. Auflage des Frankfurter Radrennens eine der spannendsten überhaupt?

Florian Naß: Es ist kein Nachteil, dass die Strecke verkürzt wurde. Eine kürzere Strecke lässt mehr Fahrern eine Chance: Das gilt sowohl für Sprinter als auch für Ausreißer. Was mir an der neuen Strecke am besten gefällt, ist der Rundkurs am Main entlang. Frankfurts Herz wird richtig in Szene gesetzt, es geht nicht nur durch die Schluchten der Banken. Wenn dann noch schönes Wetter dazukommt, ist das eine geniale Werbung für die Stadt Frankfurt, die sich in den vergangenen Jahren sehr aufgehübscht hat. Ich weiß, wovon ich rede, ich bin Frankfurter (grinst).    

hessenschau.de: Wie hoch sind die Chancen, dass Kristoff Geschichte schreibt und dieses Rennen zum fünften Mal in Folge gewinnt?

Naß: Das hängt natürlich sehr von seiner Mannschaft ab. Bei Katusha-Alpecin war in der Vergangenheit alles auf ihn zugeschnitten, jetzt fährt er für das Team Emirates. Kristoff hat auf jeden Fall den Ehrgeiz, das Rennen zum fünften Mal in Folge zu gewinnen. Das hat bei einem klassischen Rennen noch keiner geschafft. Die Konkurrenz weiß aber, dass ihm das Rennen liegt – und wird sich an sein Hinterrad hängen. Favorit zu sein, das ist auch ein Fluch. Jeder hat ihn im Fokus.

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Das hr-fernsehen, hessenschau.de und die Sportschau im Ersten berichten am 1. Mai live vom Radrennen Eschborn-Frankfurt. Alle wichtigen Infos zu den Übertragungen finden Sie hier.

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hessenschau.de: Lokalmatador John Degenkolb aus Oberursel würde das Rennen zum ersten Mal seit 2011 auch ganz gerne mal wieder gewinnen. Ist die veränderte Strecke etwas für ihn?

Naß: Natürlich, aber: Er hat ja mehr erreicht als nur den Sieg im Jahr 2011. Ich kann die von den Radprofis selbst geprägte Aussage, der Zweite ist der erste Verlierer, überhaupt nicht leiden. Degenkolb ist auch Zweiter und Dritter geworden, hat also die Sammlung komplett und muss nichts mehr beweisen. Für ihn ist das aus mehreren Gründen ein besonderes Rennen. Er wohnt in Oberursel direkt an der Strecke, die Fahrer kommen an seiner Haustür vorbei. Außerdem war es damals sein erster wichtiger Profi-Erfolg, daran erinnert sich jeder gerne.

hessenschau.de: Die Strecke führt nicht mehr durch Bad Homburg, dafür aber gleich mehrmals durch die Frankfurter Innenstadt. Wie wird sich das auf den Rennverlauf auswirken?

Naß: Es geht viel schneller in die Berge, die Bergwertungen kommen früher. Das könnte zu einem schnelleren Rennen führen. Was Bad Homburg angeht, muss ich ganz ehrlich sagen, fehlen mir ein bisschen die Worte. Die Stadt Bad Homburg ist ausgestiegen, verfolgt aber offensichtlich im Hintergrund das Ziel, Tour-de-France-Stadt zu werden. Es gibt eine Bewerbung. Dann aber bei einem Rennen, das vom gleichen Veranstalter ausgerichtet wird, nicht dabei zu sein – das verstehe ich nicht, das finde ich sehr schade. Bad Homburg war eine große Kulisse. Es gab kaum einen anderen Ort, der so viele Zuschauer an den Streckenrand gebracht hat, wie Bad Homburg.

hessenschau.de: Sie sind seit vielen Jahren die deutsche Stimme des Radsports, begleiten unter anderem die Tour-de-France als Kommentator. Was macht das Rennen in Frankfurt für Sie besonders?

Naß: Ich bin Frankfurter, kenne dieses Rennen nicht nur als Sportberichterstatter – sondern auch als Kind. Ich bin in Hausen aufgewachsen, da führt die Strecke heute noch am Industriehof vorbei. Von daher habe ich eine sehr emotionale Bindung dazu, ich kenne im Prinzip jede Kurve, jeden Baum und jeden Strauch am Straßenrand (grinst). Trotzdem gibt es immer etwas Neues zu entdecken. Außerdem bin ich ein großer Freund von Tradition. Das Rennen wird zwar inzwischen von einer Agentur, die damit Geld verdienen will, ausgerichtet – aber auch dort wird mit viel Herzblut gearbeitet. Das alles macht den 1. Mai für mich zu einem Radsport-Feiertag mit einem sehr hohen Stellenwert.

hessenschau.de: Erstmals seit 2007 wird das Rennen (ab 14.45 Uhr) nicht nur im hr-fernsehen, sondern auch im Ersten übertragen. Was bedeutet das für den Stellenwert des Frankfurter Radklassikers?

Naß: Das ist eine richtige und wichtige Anerkennung, schließlich übertragen wir die Cyclassics Hamburg auch in der ARD. Beide Rennen stehen auf der gleichen Ebene. Außerdem ist es ein Zeichen der Ausweitung unseres Engagements für den Radsport in der ARD. Dadurch zeigen wir, dass es nicht nur die Tour de France gibt. In diesem Jahr haben wir damit begonnen, Paris-Roubaix wieder zu übertragen. Die Deutschland Tour werden wir zum zweiten Mal zeigen. Da ist es nur folgerichtig, dass man das bekannteste deutsche Radrennen auch im Ersten ausstrahlt.

Das Interview führte Patrick Stricker.