Imago Anand

Viswanathan Anand ist eine Schach-Ikone, Großmeister, mehrfacher Weltmeister. Und aktuell in Bad Soden am Taunus gestrandet. Wie kam es dazu?

Viele Leute wissen das ja gar nicht, aber Bad Soden hat wirklich eine Menge zu bieten. Im beschaulichen 22.000-Seelen-Städtchen am Taunus gibt es malerische Natur im Neuen und im Alten Kurpark, diverse historische Kirchen und Türme, ein Hundertwasserhaus, ein Stadtmuseum sowie eine Stadtgalerie, eine Einkaufsstraße. Und einen Schachweltmeister.

Nein, wirklich. Gestatten: Viswanathan Anand, indischer Schachgroß- und Weltmeister aus Chennai, der, Corona sei Dank, aktuell in Bad Soden gestrandet ist und wegen des Flugverbots nicht mehr zurück in seine Heimat kann. "Ich war hier für ein Bundesligaspiel", so Anand. "Ich spiele beim OSG Baden-Baden, wohne aber in Bad Soden, wenn ich für Spiele in Deutschland bin. Als es mit der Corona-Krise richtig losging, wurden die Flüge nach Indien gecancelt, bevor ich einen bekommen konnte. Deswegen bin ich jetzt hier", so Anand.

"Bad Soden hat einen sehr guten Schachverein"

Dass es ihn ausgerechnet nach Bad Soden verschlagen hat, verwundert dabei nur auf den ersten Blick. "Ich bin über einen guten Freund hier gelandet, kenne die Stadt seit 25 Jahren", so Anand. "Bad Soden hat einen sehr guten Schachverein, die Bad Soden Chess Tigers, die ein wichtiges Schachzentrum haben", so Anand. Besagtes Zentrum ist ein renommierter Treffpunkt für Schach-Interessierte, es werden Training, Wettkämpfe und Seminare angeboten. Kein Wunder also, dass sich Anand in Hessen einen Zweitwohnsitz zugelegt hat.

Damit wohnt, ohne zu übertreiben, eine absolute Schach-Ikone im beschaulichen Bad Soden. Anand galt schon früh als Schach-Wunderkind und machte sich schnell daran, diesen Ruf zu bestätigen: jüngster indischer Meister jemals, jüngster indischer Nationalspieler jemals, jüngster indischer Großmeister jemals, zwölffacher Schnellschach-Weltmeister, zweifacher Schach-Weltpokalsieger, vierfacher Schachweltmeister, ein Titel, den er erst gegen Überwunderkind Magnus Carlsen verlor.

Sogar ein Komet ist nach ihm benannt

Folgerichtig ist Anand in seiner Heimat nicht weniger als ein Volksheld. Quasi sämtliche Orden, die einem in Indien verliehen werden können, hat das Schachgenie bekommen. Seinetwegen ist in einigen indischen Bundesstaaten Schach mittlerweile Schulfach, seit 2014 ist sogar ein Komet nach ihm benannt: (4538) Vishyanand.

Dumm nur, dass Anand von seiner Heimat aktuell in etwa so weit entfernt ist wie (4538) Vishyanand von der Erde. Die Reiserestriktionen gelten nach wie vor, entsprechend ist eine schnelle Heimkehr noch kein Thema. Das Familienleben mit Frau und Kind findet derzeit nur per Videotelefonie statt, "bis auf die Tatsache, dass ich nicht zuhause bin, unterscheidet sich mein Alltag in der Isolation aber nicht so sehr von dem davor. Viel Schach findet online statt, so trainiere und spiele ich und versuche, meine täglichen Routinen beizubehalten", so Anand. "Nebenan wohnt außerdem ein Freund vom Schachverein, den ich ab und an sehe. Natürlich gemäß des Social Distancing."

Charity mit der Schach-Nationalmannschaft

Um die ganz große Langeweile zu verhindern und zugleich etwas Gutes zu tun, hat Anand gemeinsam mit der indischen Schach-Nationalmannschaft in der Isolation sogar ein Online-Schach-Event auf die Beine gestellt. Im Internet konnten sich Amateurspieler gegen eine überschaubare Gebühr auf Spiele gegen den Großmeister und seine Teamkollegen bewerben, die Einnahmen gingen an einen Corona-Fonds. Gewonnen, so viel sei verraten, hat gegen Anand niemand.

Ein Ersatz für die echte, ganz große Bühne ist das freilich aber nicht. Weswegen auch Anand das Ende des Corona-Spuks herbeisehnt, um endlich nach Indien zu seiner Familie zu fliegen und dann irgendwann auch wieder anderen Schachgroßmeistern am Brett gegenüberzusitzen. "Wir müssen abwarten, wie sich die Situation um das Virus entwickelt", so Anand. Immerhin: Aushaltbar ist es in der Schachmetropole Bad Soden für den Großmeister allemal.