Schwimmerin Sarah Köhler
Sarah Köhler hofft auf eine EM-Medaille. Bild © picture-alliance/dpa

Sie ist Hessens größte Goldhoffnung bei den European Championships: Sarah Köhler aus Bruchköbel. Gleich viermal hat die Schwimmerin in Glasgow die Chance auf den EM-Titel – und auf ordentlich Gänsehaut.

Videobeitrag
hs

Video

zum Video EM-Serie: Schwimmerin

Ende des Videobeitrags

Sarah Köhler ist die Letzte. Mal wieder. Noch vor wenigen Minuten schwappten die Wellen durch das Becken, es war laut, es herrschte Gewusel an Land und im Wasser. Doch jetzt ist es still. Keine Trillerpfeife. Keine Rufe. Nur dieses monotone Grundrauschen, das jedes Hallenbad so an sich hat – und leichtes Plätschern auf Bahn acht. Dort krault Sarah Köhler noch immer von Beckenrand zu Beckenrand, seit über zwei Stunden. Am frühen Morgen, als der Rest der deutschen Nationalmannschaft noch beim Frühstück auf der Terrasse saß, da sprang sie zum ersten Mal an diesem Tag vom Startblock. Jetzt ist sie noch immer da.

Professionalität schon im Alter von neun Jahren

Klar, die 24-Jährige schwimmt über die lange Strecke, sie muss größere Umfänge trainieren als andere. Aber dennoch: Wer sich umhört unter Trainern, egal ob zu Beginn ihrer Karriere und gerade jetzt, der stößt immer wieder auf dieses eine Wort: Fleiß. Eine Eigenschaft, die sich nun auszahlen könnte, wenn Köhler bei den Europameisterschaften in Glasgow gleich mehrfach nach einer Goldmedaille greift.

Weitere Informationen

Mini-Olympia

Die European Championships finden in diesem Jahr zum ersten Mal statt. In Glasgow und Berlin kämpfen Athleten aus verschiedenen Sportarten vom 02. – 12. August um die EM-Titel. Mit der Zusammenlegung wollen die Verbände mehr Aufmerksamkeit generieren, die Europameisterschaften sollen zu einer Art kontinentalem Mini-Olympia werden. Mit dabei sind Leichtathletik, Schwimmen, Turnen, Rudern, Golf, Radsport und Triathlon. Neben Sarah Köhler (Schwimmen) haben Caro Schäfer (Siebenkampf), Gesa Krause (Hindernis), John Degenkolb (Rad) und Nico Merget (Ruder-Vierer) die wohl größten Chancen auf hessisches EM-Gold.

Ende der weiteren Informationen

Ihr erster Trainer, Götz Barth, erinnert sich noch gut daran, dass die kleine Sarah im Alter von gerade mal neun Jahren schon "hoch hinaus wollte", wie er sagt. "Man hat das an ihrem Trainingseifer gesehen – sie wollte besser sein als alle anderen."

Aus dem Heidelberger Becken nach Glasgow

Videobeitrag
spovifr

Video

zum Video Gold für Köhler über 800 Meter

Ende des Videobeitrags

Nun zieht Köhler am Olympiastützpunkt in Heidelberg ihre Bahnen. Früher nannte man diese Form des Trainings oft ein wenig despektierlich "Kacheln zählen" – sollte dem wirklich so sein, Köhler wäre wohl bei einer Zahl kurz vor Unendlich angelangt. Darauf angesprochen grinst sie nur, achwas, alles kein Problem. Köhler versteht es, ihren Ehrgeiz mit Offenheit zu kombinieren, sie ist nicht verbissen, nicht verkrampft. Im Gegenteil. Spaß muss sein – aber ohne den Fokus zu verlieren. "Natürlich wäre es ein Traum, Europameisterin zu werden", sagt sie. "Aber es ist auch ein wichtiger Baustein auf dem Weg nach Tokio." Dort finden in zwei Jahren die Olympischen Spiele statt, dem ordnet die Schwimmerin der SG Frankfurt alles unter.

Glasgow ist nun eine wichtige Standortbestimmung. Den EM-Titel auf der Kurzbahn hat Köhler in diesem Jahr schon eingeheimst, Gold auf der deutlich wichtigeren Langbahn wäre der vorläufige Höhepunkt ihrer Karriere. "Wenn ich daran denke, bekomme ich jetzt schon Gänsehaut. Ich würde mich riesig freuen und ausflippen", so Köhler. Sie geht über die 400 Meter, 800 Meter und 1.500 Meter Freistil an den Start – überall wenigstens mit Medaillenchancen, wenn nicht sogar als Favoritin auf Gold. Außerdem startet sie mit ihrem Freund Florian Wellbrock auch in der Freiwasser-Staffel. "Aber deshalb mache ich mir keinen Druck. Ich denke noch immer, dass ich die kleine 16-Jährige bin, die irgendwo in der Ecke steht und nicht beachtet wird."

Köhler soll den Fluch besiegen

Ganz so ist es natürlich nicht. Nachdem der deutsche Schwimmsport gleich bei zwei Olympischen Spielen in Folge medaillenlose Debakel erlebt hat, der Ton rauer geworden und in Henning Lambertz mal wieder ein Bundestrainer ordentlich unter Druck geraten ist, lastet viel Verantwortung auf Sportlern wie Köhler. Ihre Medaillen könnten für Ruhe sorgen.

Weitere Informationen

Startzeiten Sarah Köhler

800 Meter Freistil: Samstag, 04. August (18 Uhr).
1.500 Meter Freistil: Dienstag, 07. August (17.30 Uhr).
400 Meter Freistil: Donnerstag, 09. August (18.50 Uhr).
Freiwasser-Staffel: Samstag, 11. August (12 Uhr).

Ende der weiteren Informationen

Doch Köhler vertritt als Athletensprecherin auch klare Positionen. Die Änderung, dass die EM-Normen in diesem Jahr schon früh geschwommen werden mussten, findet sie gut. Die Kommunikation zwischen Bundestrainer, Stützpunkten und Athleten indes könnte besser sein.

Köhler hat einst mit dem Schwimmen angefangen, weil sie mit neun Jahren zum Bademeister in ihrem Heimatort Bruchköbel lief und ihn fragte, ob sie an einem Tag gleich alle Abzeichen machen könne. Also Freischwimmer, Fadenschwimmer und Gold. Daraufhin hat ihr Vater sie im Schwimmverein angemeldet. Fleißig war Sarah Köhler eben schon immer.