Nachdem der Verband ihren Trainer gefeuert hat, sieht Skeleton-Weltmeisterin Tina Hermann ihre Karriere in Gefahr. Ein Zoff um Hausverbote, einen brisanten Brief und barsche Worte.

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dpa Hermann Skeleton
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Tina Hermann sitzt im Gras. Hier, auf diesem grünen Hügel in Hirzenhain, wo sie als kleines Mädchen einst mit dem Wintersport begann, scheint die Welt noch in Ordnung. Die Sonne strahlt, der Skilift über ihr steht still, Vögel zwitschern – doch die Idylle täuscht. In Hermann brodelt es.

Für die dreifache Weltmeisterin im Skeleton geht es um ihre Karriere, es geht um ihr großes Ziel, Gold bei Olympischen Spielen, und um all das, was sie sich mühsam aufgebaut hat. Der Grund: Der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) hat ihren Trainer Dirk Matschenz gefeuert und ihm obendrein verboten, viele wichtige Trainingsstätten aufzusuchen. Eine Zusammenarbeit scheint für Hermann unter diesen Umständen kaum möglich.

"Einfach nur geheult"

"Diese Entscheidung hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen", erzählt die 28-Jährige. Kurz nach ihrem dritten Weltmeistertitel im Februar in Altenberg sei ihr die Entlassung ihres Trainers mitgeteilt worden. Hermann sagte sofort sämtliche Feierlichkeiten ab, wollte auch an ihrem Geburtstag niemanden empfangen. "Ich habe mich zurückgezogen und einfach nur geheult."

Nun muss man wissen, dass Trainer im Skeleton etwas ganz anderes sind als zum Beispiel im Fußball. Wer sich mit 120 km/h kopfüber den Eiskanal hinunterstürzt, muss größtes Vertrauen in seinen Trainer haben, der die Fahrlinie vorgibt und sich um das Material kümmert. Trainer und Sportler im Skeleton sind ständige Tüftler an ihren Schlitten, schrauben, schweißen, schleifen. Mit dieser Akribie arbeiten Hermann und Matschenz seit zehn Jahren zusammen, er hat sie zu dem geformt, was sie heute ist: die erfolgreichste deutsche Skeleton-Pilotin aller Zeiten.

Kritik am Coach - außer von Hermann

Doch als Bundestrainer hatte Matschenz zuletzt auch eine schwierige Doppelfunktion – einigen Athleten hat das offenbar nicht gepasst. Nach Informationen des hr-sports landete direkt nach der überaus erfolgreichen Weltmeisterschaft ein Schreiben beim Verband, in dem Sportler einen barschen Führungsstil von Matschenz kritisierten und seine Absetzung forderten. Unterzeichnet von allen WM-Startern – mit Ausnahme Tina Hermann. Der Verband reagierte, entließ Matschenz und verbietet ihm nun, wichtige Trainingsstätten wie den Kraftraum zu betreten. Auch in die Werkstatt darf er nur unter Aufsicht. Man wolle weitere Konflikte vermeiden, sagt Verbandsvorstand Thomas Schwab.

Für Hermann ist diese Entscheidung nicht nachvollziehbar. "Ich möchte einfach nur in Ruhe mit dem Trainer trainieren, dem ich vertraue und der aus meiner Sicht keinen Fehler gemacht hat. Stattdessen werden mir Hürden in den Weg gestellt. Ich fühle mich vom Verband verlassen." Ausgerechnet die Weltmeisterin stehe nun de facto ohne Coach da – und das in der sensiblen Phase vor Olympia 2022.

Reißleine und das große Schweigen

Verbandsboss Schwab kann den Ärger seiner besten Sportlerin "vollumfänglich nachvollziehen. Das ist ein harter Schlag für die Tina. Aber wenn es in der Zusammenarbeit mit Athleten zu große Probleme gibt, dann muss ein Verband auch die Reißleine ziehen können – und das haben wir im Fall Dirk Matschenz getan."

Nicht wenige vermuten hinter der Entlassung auch einen Konflikt der unterschiedlichen Stützpunkte von Hermann am Königssee und ihrer großen Konkurrentin Jacqueline Lölling in Winterberg. Hermann jedenfalls ist verärgert, dass niemand aus dem Team mit ihr vorab darüber gesprochen habe. "Wir laufen uns den gesamten Winter über den Weg, wir haben teilweise gemeinsame Zimmer. Das hätte man doch wie erwachsene Menschen regeln können."

Hermann als Verliererin

Auch Matschenz beklagt gegenüber dem hr-sport, dass es keine echte Gelegenheit zu einer Aussprache gegeben habe. "Ich bin von der gesamten Sache mehr als enttäuscht." Verbandsboss Schwab hingegen sagt, Matschenz habe sehr wohl um die Probleme gewusst und es sei keine Besserung eingetreten. Um was genau es dabei ging, darüber schweigen beide Seiten.

Die große Verliererin scheint nun Tina Hermann zu sein. Sollte der Verband ihr nicht doch noch einen intensiveren Austausch mit Matschenz ermöglichen, dann könne dies sogar das Ende ihrer Karriere bedeuten. "Natürlich möchte ich nicht aufhören", sagt Hermann, "aber wenn mir weiter so viele Steine in den Weg gelegt werden, dann kann der menschliche Körper auch irgendwann nicht mehr und man verliert den Spaß bei der Sache."