Tina Hermann im Eiskanal
Tina Hermann Bild © picture-alliance/dpa

Die Medaille in einem dramatischen Wettkampf denkbar knapp verpasst und trotzdem nicht unzufrieden: Hessens Skeletoni Tina Hermann erlebt bei Olympia ein Wechselbad der Gefühle – und eine lange Partynacht.

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Tina Hermann ist müde. Die Tage im Olymp des Sports haben viel von ihr verlangt, vor allem aber die vergangene Nacht, die irgendwie nicht enden wollte. Klar, da war der Wettkampf am späten Abend in Pyeongchang. Aber da war ja auch noch alles, was danach kam: Party, feiern, Party, feiern. Ungefähr in dieser Reihenfolge.

Hermann und das deutsche Skeleton-Team hatten das wahrgemacht, was sie direkt nach dem Rennen versprachen: "Wir lassen es krachen." Zwar hatte Hermann, als es in Südkorea wieder hell wurde, noch immer keine Medaille um den Hals baumeln, ihr fünfter Platz schimmerte dann aber schon längst in einem anderen Licht.

Glücklich oder grausam

Mit Olympischen Spielen ist das ja ohnehin so eine Sache. Irgendwie hat es den Anschein, dass sich die Emotionen dieser Welt vier Jahre lang wie ein Gewitter zusammenbrauen, um sich dann in einem einzigen Schlag zu entladen. Olympische Spiele können alles sein. Glücklich oder grausam. Oder beides. Manchmal sogar gleichzeitig.

Tina Hermann hat genau das erfahren. Mit 25 Jahren war sie zum ersten Mal dabei, hat alles aufgesogen, was der Mythos so hergibt: das Leben im Olympischen Dorf, die Eröffnungsfeier, die anderen Wettbewerbe. Ein Traum ging in Erfüllung. Plötzlich war er da, dieser Moment, für den sie so viele Opfer gebracht hat. Mit zwölf Jahren ist sie damals von zu Hause ausgezogen, weit weg von Eschenburg-Hirzenhain (Lahn-Dill-Kreis) auf ein Sportinternat in die Alpen.

Perfektionistisch, gewissenhaft, genervt

Der Spitzensport hat Hermann früh erwachsen gemacht, er hat sie zur Perfektion getrimmt. Hermann tüftelt ständig an ihrem Schlitten, sie ist so gewissenhaft, dass sie mit ihrem Ordnungsfimmel manchmal sogar den eigenen Trainer nervt. Das alles hat sich mit den Tagen von Pyeongchang ausgezahlt. Olympia, ein Glücksmoment.

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Und doch steht am Ende der Spiele ein fünfter Platz. Bei Olympia geht es ums Dabeisein, na klar. Einerseits. Andererseits sind die Spiele brutal. In Erinnerung bleiben nur die Medaillen, fünfte Plätze werden schnell vergessen. Genau darüber hatte sich Hermann am Abend vor ihren beiden finalen Läufen Gedanken gemacht, sie wurde im Olympischen Dorf von den deutschen Rodlern in den Arm genommen und getröstet.

"Das war einfach richtig schlecht"

Den zweiten Lauf hatte sie zuvor in den Sand gesetzt, der Rückstand war groß, es sah nicht gut aus. "Das war einfach richtig schlecht. Ein Ausrutscher", erzählt Hermann. Aber sie wollte nicht lange grübeln. "Von da an war mein Motto: Alles oder nichts." Es wurde irgendwas dazwischen.

Denn Hermann überzeugte am zweiten Tag, sie zauberte zwei perfekte Durchgänge in den Eiskanal. Aber es reichte nicht für eine Medaille – um die Winzigkeit von acht Hundertstel. Olympia kann so grausam sein. Nicht nur für Hermann. Der Rodler Felix Loch hat nach vier langen Fahrten auf den letzten Metern noch Gold verloren, die Österreicherin Janine Flock ereilte in Hermanns Konkurrenz das gleiche Schicksal. Beide saßen lange im Ziel und kämpften mit den Tränen. Bei Tina Hermann war das anders.

Hermann freut sich für Teamkollegin Lölling

Der Wettbewerb war zwei Stunden rum und der südkoreanische Uhrzeiger weit über Mitternacht geklettert, als sie auf dem beigen Sofa im ARD-Studio saß. Von Enttäuschung keine Spur. Die 25-Jährige wirkte gelöst und aufgeräumt. Alles wie immer. Sie lachte, freute sich über die Silbermedaille von Teamkollegin Jacqueline Lölling. Auch das ist Hermann, Perfektionistin und Sonnenschein in einem.

Auch Anna Fernstädt, der zweiten Hessin, dürfte es ähnlich ergangen sein. Zu Beginn der Saison gehörte die 21-Jährige noch nicht einmal zum Weltcupteam, in Südkorea knabberte Fernstädt dann völlig überraschend vier Läufe lang an Edelmetall. Am Ende blinkte Rang sechs in der Wertung auf und es wurde deutlich, wie viel Druck selbst von einer Athletin abfällt, die eigentlich gar keinen Druck hatte.

"Es ist so viel Anspannung von mir abgefallen", sagte Fernstädt, in Groß-Umstadt aufgewachsen. Und ja, "irgendwie freue ich mich jetzt, dass ich es hinter mir habe". Damit meinte sie natürlich nur den Wettkampf. Die lange Partynacht stand da ja noch bevor.

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