Stephan Leyhe

Zuschauen statt Skispringen: Stephan Leyhe sieht die Vierschanzentournee 2020 aus anderer Perspektive. Im Interview blickt der Willinger auf ein turbulentes Jahr zurück und spricht über seine schwere Verletzung.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Leyhe: "Bis zur Verletzung war es sportlich ein sehr gutes Jahr"

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Für Stephan Leyhe war 2020 ein turbulentes Jahr – und das nicht nur wegen der Corona-Pandemie. Nach seinem Sieg beim Heimweltcup in Willingen im Februar stoppte ihn nur wenige Wochen später ein Kreuzbandriss. Es folgten das Saisonaus und viele neue Erfahrungen für den Nordhessen. Ob es deshalb diesen Winter mehr Plätzchen gibt und wie Leyhe die Vierschanzentournee verfolgt? Die Antworten im Interview.

hessenschau.de: Freud und Leid liegen nah beieinander das haben Sie im Sommer im hessenschau.de-Interview gesagt, als wir über 2020 gesprochen haben. Fällt so auch Ihr Fazit für das gesamte Jahr aus?

Stephan Leyhe: Es war ein sehr lehrreiches Jahr. Bis zur Verletzung lief es sportlich sehr gut. Dann war ich aber gezwungen, umzudenken, meinen Körper noch einmal anders kennenzulernen. Ich habe im Sommer Sportarten gemacht, für die ich sonst keine Zeit hatte. Das hat viel Spaß gemacht und ich habe gemerkt: Es gibt auch noch andere Sachen als Skispringen. Mein Ziel ist es aber, die Verletzung zu vergessen und wieder so zu springen wie vorher.

hessenschau.de: Was war Ihr erster Gedanke als Sie sich im März verletzt haben? Haben Sie sofort realisiert, dass da richtig was kaputt ist?

Leyhe: Ich habe bei der Landung gespürt, wie mein Knie weggesackt ist und ich das Bein gar nicht mehr halten konnte meist ist das ein Schutzmechanismus bei einer schlimmen Verletzung. Ich habe das dann schon geahnt, war aber im ersten Moment noch so voller Adrenalin, dass ich das noch gar nicht richtig realisiert habe. Ich hatte aber auch danach nie diesen gewaltigen Tiefpunkt, den man nach so einer Verletzung haben kann. Natürlich ist es schade, dass ich diesen Winter nicht dabei bin, aber ich bin optimistisch, dass ich stark zurückkommen werde.

Stephan Leyhe

hessenschau.de: Was überwiegt aktuell die Enttäuschung oder doch Erleichterung, dass Sie das Knie ganz in Ruhe wieder aufbauen können?

Leyhe: Ich trauere der Saison nicht nach ich kann die Situation ja ohnehin nicht ändern. Ich bin noch nicht so weit, dass ich springen kann, deshalb kann ich das besser ertragen. Aber wenn ich vor dem Fernseher sitze, dann juckt es in den Füßen und ich würde schon gerne von einer kleinen Schanze springen. Aber ich muss mir die Zeit nehmen, damit ich dem Knie wieder vertrauen kann. Wichtig ist aber, dass ich das Gefühl aus dem vergangenen Winter nicht verliere.

hessenschau.de: Wie ist Ihr Kontakt ins Team?

Leyhe: Ich bin immer noch ein Teil des Teams aber in diesem Winter ist es sehr speziell. Jede fremde Person, die in diese Blase reinkommt, birgt eine potenzielle Gefahr, deshalb kann ich die Jungs nicht einfach besuchen. Dieses Risiko will ich nicht eingehen. Aber wir haben natürlich trotzdem Kontakt eben übers Handy.

hessenschau.de: Was ist in diesem Winter anders für Sie gibt es das eine oder andere Plätzchen mehr als in einem Weltcup-Winter?

Leyhe: Es ist ein bisschen bitter. Ich bin verletzt und habe Zeit, ich hätte also auf Konzerte gehen oder nach Norwegen fahren können, um Polarlichter anzuschauen, aber das ist aktuell nicht möglich. Und was die Plätzchen angeht, da bin ich in diesem Jahr genauso diszipliniert wie sonst.

hessenschau.de: Haben Sie vom Sieg in Willingen im Februar in den vergangenen Monaten noch gezehrt?

Leyhe: Auf jeden Fall. Ich weiß nicht, wie ich nach der Verletzung zurückkomme besser, oder ob es vielleicht nie mehr so gut wird. Den Weltcupsieg, und dann auch noch zuhause, den habe ich aber erreicht. Ich bin extrem froh, dass ich das geschafft habe. Es ist aber auch das Ziel, da wieder hinzukommen.

hessenschau.de: Die Vierschanzentournee oder Willingen ohne Zuschauer: Sie haben gesagt, das ist schwer vorstellbar. Jetzt kommt es aber genau so. Was fehlt da am meisten?

Leyhe: Es fehlt das "oooh" (lacht). Natürlich springen wir auch sonst an Orten, wo wenige Zuschauer sind. Aber wenn wir in Deutschland springen, dann ist immer viel los. Das Remmidemmi pusht uns Springer, um vielleicht noch fünf oder zehn Prozent mehr rauszuholen. Das wird jetzt die Kunst, den Sieg auch in einem leeren Stadion so extrem zu wollen und die Prozentpunkte ganz allein rauszuholen. Ich mache mir bei den Routiniers keine Sorgen. Für die deutschen Skispringer ist es aber eine besondere Situation, gerade in Oberstdorf oder in Garmisch in ein leeres Stadion zu springen. Das fühlt sich an wie ein aufgewertetes Training. Aber am Ende ist es immer noch die Vierschanzentournee.

hessenschau.de: Wie verfolgen Sie die Springen der Vierschanzentournee?

Leyhe: Natürlich am Fernseher es ist Wahnsinn, wie viel Wintersport da läuft. Und Skispringen ist natürlich mein Highlight. Natürlich habe ich ein weinendes Auge, dass ich nicht dabei bin, aber: Ich kann noch nicht springen, das tröstet mich. Bis jetzt habe ich auch vom Sofa aus noch keinen Telemark gemacht.

hessenschau.de: Blicken wir auf das Jahr 2021. Was wünschen Sie sich?

Leyhe: Ich wünsche mir, dass die Reha weiter so gut vorangeht und dass ich wieder ganz normal meinem Sport nachgehen kann. Und natürlich, dass die Gesamtsituation wieder besser wird, ich meine Familie wieder ohne Abstand treffen und auch meiner Oma nicht mehr nur am Fenster winken kann und die Normalität zurückkehrt.

hessenschau.de: Und dann vielleicht ein Willingen-Sieger 2022 Stephan Leyhe - mit Fans?

Leyhe: 2022 ist noch weit weg, aber man soll sich ja Ziele stecken. Wir haben ein starkes Team, da muss ich wieder Anschluss finden, und dann sprechen wir da nächstes Jahr um diese Zeit noch einmal drüber.

hessenschau.de: Das machen wir.

Das Gespräch führte Ann-Kathrin Rose.