Spieler des EC Bad Nauheim

Finanzielle Sondermittel, zweigleisige Budget-Planung, Corona-Klauseln: Eishockey-Club EC Bad Nauheim kämpft gegen die wirtschaftlichen Folgen der globalen Krise. Geschäftsführer Andreas Ortwein hat vor allem ein Datum Ende Mai im Blick.

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Andreas Ortwein weiß genau, mit welchen Worten er die aktuelle Situation beschreiben will. "Es ist ein gespenstisches Gefühl", sagt der Geschäftsführer von Eishockey-Zweitligist EC Bad Nauheim im Gespräch mit dem hr-sport. "Zu dieser Jahreszeit will jeder Sport erleben, egal in welcher Liga. Es ist ganz bitter fürs Eishockey, dass diese Spiele in diesem Jahr nicht stattfinden können."

Diese Spiele – damit meint Ortwein die Play-offs, die es 2020 in der Deutschen Eishockey Liga (DEL), der DEL2 sowie den Oberligen schlicht und ergreifend nicht gibt. Die schönste Zeit des Jahres für Fans, für Spieler und für Clubs: abgesagt. Zum vielleicht noch bestmöglichen Zeitpunkt, nämlich kurz nach dem Ende der Hauptrunde, hatten die Verantwortlichen die Notbremse gezogen und die Saison abgebrochen. Die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen der Coronavirus-Krise, sie sollten das deutsche Eishockey nicht schon Mitte März in die Knie zwingen.

Coronavirus-Krise trifft den EC Bad Nauheim hart

Der EC Bad Nauheim wäre nach dem Aus in den Pre-Play-offs zwar nicht im Viertelfinale der DEL2-Endrunde vertreten gewesen, der Stillstand des öffentlichen Lebens trifft den Zweitligisten trotzdem hart: Der Club betreibt schließlich nicht nur Sport, sondern ist gleichzeitig auch noch Stadiongastronom. "Das heißt: Wir leben auch von den gastronomischen Einnahmen des gesamten Stadionbetriebs", erläutert Ortwein.

Tagungen, Veranstaltungen, der öffentliche Eislauf, Feierlichkeiten, die Saisonabschlussfeier – allesamt Anlässe, die durch die politischen Maßnahmen zur Corona-Eindämmung auf Eis gelegt sind. Hinzu kommen Ausfälle im Fanartikel-Verkauf. Den dadurch entstandenen Fehlbetrag im mittleren fünfstelligen Bereich haben die Gesellschafter im Aufsichtsrat durch die Bereitstellung zusätzlicher Mittel bereits aufgefangen.

Ortwein: "Wie verhalten sich unsere Sponsoren?"

"Das ist aber erst einmal nur der kurzfristige Ausfall", betont der Geschäftsführer. Was sich in den kommenden Wochen und Monaten noch ergibt: völlig offen. "Die wichtigste Frage ist: Wie verhalten sich unsere Sponsoren – inwieweit verlieren wir wichtige Geldgeber? Das Gleiche gilt für Dauerkarteninhaber, die Menschen da draußen sind natürlich auch verunsichert." Das Allerschlimmste, sagt Ortwein, wäre, wenn die Saison im September überhaupt nicht starten könnte. "Das würde einen ganz anderen wirtschaftlichen Schaden mit sich bringen."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ortwein: "Das Allerschlimmste wäre, wenn die Saison nicht starten könnte"

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Mindestens genauso gruselig ist die Vorstellung von Geisterspielen, die sich im Eishockey allerdings fast erübrigt. Anders als im Fußball, wo Spiele ohne Zuschauer in den Augen mancher Virologen bis ins Jahr 2021 hinein die Regel sein könnten und wo Profi-Clubs zu einem Großteil von Fernsehgeldern leben, sind im Eishockey die Einnahmen durch Eintrittsgelder essentiell. Ortwein sagt: "Ein Spielbetrieb ohne Zuschauer ist wirtschaftlich absolut nicht denkbar."

EC Bad Nauheim plant mit zwei Budgets

Um auf möglichst viele Eventualitäten vorbereitet zu sein, plant der EC Bad Nauheim momentan zweigleisig. Genauer gesagt: mit zwei unterschiedlichen Budgets. Einem, der unter möglichst gewöhnlichen Umständen greift, und einem Krisen-Budget. Am 24. Mai müssen die Wetterauer wie alle anderen DEL2-Clubs ihre Unterlagen für die Lizenzierung einreichen. "Dann müssen wir eine Entscheidung treffen, mit welchen Rahmenbedingungen wir die nächste Saison angehen", erklärt der Geschäftsführer der Roten Teufel.

"Wenn bis dahin noch keine Klarheit herrscht, in welchem Zeitfenster die Dinge wieder normal laufen, wird sicherlich das konservative und reduzierte Budget Anwendung finden müssen. Wenn selbst die Adler Mannheim, die ja ein Stück weit als der FC Bayern des deutschen Eishockeys anzusehen sind, Vorsicht walten lassen – ich denke, das sagt alles aus." Adler-Gesellschafter Daniel Hopp hatte am Wochenende im Mannheimer Morgen infolge der Corona-Krise einen Transferstopp für den Deutschen Meister von 2019 angekündigt.

Hannu Järvenpää beerbt Christof Kreutzer als ECN-Trainer

Auch in Bad Nauheim befinden sich Ortwein und sein Team trotz aller wirtschaftlicher und finanzieller Herausforderungen in den sportlichen Planungen der kommenden Saison. Mit Tomás Schmidt steht seit ein paar Tagen der erste Neuzugang fest, auf der Trainerposition wird Hannu Järvenpää die Nachfolge von Christof Kreutzer antreten. Und weiter?

"Normalerweise stellt man in den Monaten März, April und Mai sein Team zusammen. Das wird in diesem Jahr sicherlich stark zeitverzögert der Fall sein", sagt Ortwein. "Wir werden aktuell sicher nicht einen vollständigen Kader verpflichten, weil wir nicht wissen, welche wirtschaftlichen Auswirkungen noch auf uns warten." Während der Krise setzt der ECN in Verträgen auf eine Corona-Klausel, die es dem Club erlaubt, Vereinbarungen im Fall der Fälle aufzuschieben oder gar aufzulösen.

"Unabdingbar, um das wirtschaftliche Überleben hinzubekommen"

"Das ist sicherlich keine einfache Situation für den Sportler, der sich Sorgen und Gedanken macht. Es geht um seinen Arbeitsplatz, darum, wie er seine Familie ernährt", weiß Geschäftsführer Andreas Ortwein. "Aber für die Clubs ist es unabdingbar, um überhaupt das wirtschaftliche Überleben hinzubekommen." Clubs, zu denen eben auch der EC Bad Nauheim gehört.