Timo Boll

Das vergangene Jahr war auch für Timo Boll nicht einfach. Der Tischtennis-Profi kämpft vor seinen sechsten Olympischen Spielen wie so häufig mit seinem Körper, denkt aber trotzdem noch nicht an ein Karriereende.

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Timo Boll
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Der stets gut gelaunte Timo Boll kann seine Sorgenfalten nicht verbergen. "Das letzte Jahr war nicht einfach für mich", sagt der Odenwälder. Das Gesicht des europäischen Tischtennis hat vor Olympia mal wieder zu kämpfen - mit seinem Alter, seinen Verletzungen und seiner Olympia-Form vor den Spielen in Tokio. "Ich bin zwar heiß im Training und gebe Gas, das ist nicht das Problem. Mit Blick auf Olympia fehlt einem aber ein bisschen das Feeling", sagt der 40-Jährige.

Der Karriereweg des zurückhaltenden Hessen ist mit Erfolgen gepflastert, doch trotz eindeutiger Warnsignale seines Körpers denkt der ewige Boll nicht ans Aufhören. Zweieinhalb Monate vor seinen sechsten Olympischen Spielen arbeitet der Fahnenträger von Rio akribisch am Comeback, damit er in Tokio den letzten Mosaikstein in seiner Bilderbuch-Karriere setzen kann.

Was noch fehlt in der Sammlung

"Ich habe den Ehrgeiz und den Anspruch, dort weit zu kommen und in einer Form zu spielen, dass ich auch im Einzel um Medaillen kämpfen kann", sagte Boll. Und genau das ist es, was dem Rekord-Europameister in seiner Titelsammlung noch fehlt: eine olympische Einzelmedaille. Um in Tokio aber überhaupt wettbewerbsfähig zu sein, muss Boll seine Belastung permanent dosieren.

Wie so oft setzte der frühere Weltranglistenerste vor Olympia bei vielen internationalen Turniere aus, seit eineinhalb Jahren ist Boll überhaupt nicht mehr geflogen. Einzig in der Bundesliga spielte er regelmäßig für Rekordmeister Borussia Düsseldorf. "Ich habe zwar die meisten meiner Spiele gewonnen, aber ich habe schon gewusst: Das ist nicht der Timo Boll, der ich an der Platte sein möchte."

Odenwald als Rückzugsort

Nicht erst seit der Corona-Pandemie zieht sich der Topspin-Experte häufig in den heimischen Odenwald zurück, um seinen geschundenen Rücken wieder in Gang zu kriegen. Dort hat er einen eigens konzipierten Tischtennis-Roboter zur Verfügung, außerdem schaut unter anderem Patrick Franziska ab und zu vorbei. In den Trainingsduellen mit seinem Nationalmannschaftskollegen "habe ich gespürt, dass ich von Einheit zu Einheit besser werde".

In seiner internationalen Abwesenheit hat sich mit Dimitrij Ovtcharov ein anderer deutscher Top-Spieler in der Weltrangliste am Altmeister vorbeigeschoben. Bei einem Trainingslager im Mai in Düsseldorf werden die beiden seit langer Zeit "endlich mal wieder" zusammen trainieren können. "Vorher wollte ich ihm das gar nicht zumuten", sagte Boll müde lächelnd, "weil ich mir damit wahrscheinlich mehr Schaden zugefügt hätte".

Karriereende? Nein danke

Bolls Devise für Olympia in Tokio ist klar: Wie 2016 in Rio, als er die Mannschaft trotz eines herausgesprungenen Nackenwirbels zur Bronzemedaille führte, soll es im Team-Wettkampf wieder eine Medaille werden. "Im Einzel muss viel zusammenkommen - die Auslosung, die Kondition und die Tagesform", erklärte Boll, der in Japan "sehr harte" Wettkämpfe erwartet: "Aber wenn ich teilnehme, will ich auch gut spielen."

Auch nach 19 Jahren in der Weltspitze hat Boll immer noch nicht genug. Sein Karriereende will er nicht planen: "Ich werde solange weiterspielen, wie mir die Sache Freude macht und solange mich mein Körper trägt." Dass die übernächsten Spiele in Paris durch die Corona-Verschiebung von Tokio "nur" noch drei Jahre entfernt sind, ist Boll nicht entgangen: "Wenn ich in drei Jahren noch in der Form bin, dass ich in die Mannschaft gehöre, warum nicht?"