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Die deutsche Football-Saison 2020 hängt mehr denn je am seidenen Faden. Der Streit zwischen Verband und Clubs lässt vermuten: Es geht längst nicht mehr ums Sportliche. Vereine wie Frankfurt Universe stehen nun unter einem immensen Druck – juristisch wie moralisch.

Manch einem hessischen Football-Fan dürfte am Freitagabend das Smartphone aus der Hand gefallen sein. Über seine Kanäle in den sozialen Medien informierte Bundesligist Frankfurt Universe seine Anhängerschaft über die Planungen der Corona-Sondersaison 2020. Der Ton der Mitteilung: mindestens verwundert, in Teilen sogar rau.

Die geänderte Spielordnung, die der American Football Verband Deutschland (AFVD) als Ausrichter der German Football League (GFL) am Mittwoch an die Vereine verschickt hatte, habe bei der Universe "große Verwunderung" ausgelöst, "da der Inhalt und die Änderungen so im Vorfeld nicht kommuniziert wurden. Daher müssen wir diese Änderungen jetzt sehr intensiv in einem sehr kurzen Zeitraum aufarbeiten und prüfen." Enttäuschung bei Frankfurts Footballern – und das ist nur die Spitze des Eisbergs.

"Das Tischtuch ist zerschnitten"

"Das Tischtuch zwischen dem Verband und den Vereinen ist zerschnitten", sagt Geschäftsführer Alexander Korosek im Gespräch mit dem hr-sport. "Es gibt null Vertrauen mehr. Wie kann man das auf den Weg bringen, wenn sich alle Vereine für etwas anderes aussprechen?"

Rückblick: In den vergangenen Monaten haben der Verband und die 32 Clubs aus GFL sowie GFL 2 mehrfach um eine sinnvolle Durchführung des Spielbetriebs in beiden Ligen gerungen - trotz der Pandemie. In Videokonferenzen ging es vor allem um die Möglichkeit, dass Vereine ihre Teilnahme an der Saison aus wirtschaftlichen oder anderen Gründen zurückziehen können, ohne einen Lizenzentzug, Zwangsabstieg oder andere Sanktionen befürchten zu müssen.

Anfang Juli dann die Meldung: AFVD und Vereine sind sich einig, Spielmodus sowie insbesondere Ligaordnung können angepasst werden. Doch mit dieser Einigkeit ist es nun vorbei. Mit der neuen Ordnung hat der Verband seine Teams eiskalt überrascht.

"Die Punkte, die wir damals beschlossen haben, tauchen darin nicht mehr auf", erläutert Universe-Geschäftsführer Korosek. Eigentlich hatten sich die Verantwortlichen darauf verständigt, je nach behördlicher Verfügungslage und Möglichkeiten vor mindestens 5.000 Zuschauern pro Partie zu spielen, vor Saisonbeginn sechs Wochen lang unter Vollkontakt im Team trainieren zu können – und eben sicherzustellen, dass kein Verein bei Nichtantritt bestraft wird und seine Lizenz verliert.

Football-Fans sprechen von "Knebelvertrag"

Sicherheit für Frankfurt und Co. war das Ziel, doch der AFVD hat einen anderen Weg eingeschlagen. In einem gesonderten Formular fordert er seine Erst- und Zweitligisten nun sogar auf, ihn bei weiteren Änderungen prinzipiell von einer Haftung freizusprechen, auf Rechtsmittel zu verzichten und im Fall von Schadensersatzansprüchen als Gesamtschuldner aufzutreten.

"Soweit sind wir schon", sagt Korosek. "Das ist nicht mehr tragbar." In Kommentaren im Internet springen ihm Fans zur Seite, bezeichnen die "Sonderspielbedingungen Covid-19-Pandemie", die dem AFVD-Präsidium weitere Rechte einräumen, sogar als "Knebelvertrag".

Wie konnte sich Football-Deutschland so im Streit entzweien? Wie konnten die Auseinandersetzungen derart eskalieren? "Wir haben das Gefühl, dass der Verband kilometerweit von den Teams entfernt ist", macht Korosek seinem Ärger Luft – und spricht damit wohl nicht nur für die Universe, sondern auch für seine Kolleginnen und Kollegen. "Der Verband hat offenbar auf einmal festgestellt: Mit der freiwilligen Exit-Option haben wir bald keine Teams mehr, die noch spielen wollen."

Das ist nicht ganz falsch. Kurz nach der vorläufigen Einigung Anfang Juli hatten die Hildesheim Invaders und die Stuttgart Scorpions angekündigt, nicht an der GFL-Corona-Saison 2020 teilnehmen zu wollen. Doch Korosek sagt auch: "Es geht nicht mehr nur um Football, sondern um Geld und persönliche Einzelinteressen. Der heilige German Bowl soll mit Ach und Krach durchgeführt werden." Das Finale um die deutsche Meisterschaft ist das Highlight der Saison, mit der Arena im Frankfurter Stadtwald hatte das Endspiel zuletzt einen fixen und zudem prestigeträchtigen Austragungsort gefunden.

Universe und Co. bis zum 24. Juli unter Druck

Wie es nun weitergeht? "Wir haben die unglückliche Situation, dass wir bis zum 24. Juli melden müssen, ob wir an der Saison teilnehmen oder nicht", erklärt Korosek. "Melden wir uns nicht, dann geht die Ligaleitung davon aus, dass wir spielen. Der schwarze Peter liegt also wieder bei uns." Vor allem deshalb, weil die Clubs ihre Nichtteilnahme nun doch begründen müssen – und diese Begründung vom AFVD abgesegnet werden muss.

"Als ob die Wirtschaftlichkeit oder eine Pandemie nicht zählen würden", so der Universe-Geschäftsführer, der bis zum kommenden Freitag eng mit dem Anwalt des Clubs zusammenarbeiten wird. "Wir haben drei Möglichkeiten", listet Korosek auf. "Erstens: Unsere juristische Prüfung ist bis Ende der Woche erfolgreich. Zweitens: Wir hoffen, dass wir mit unserem Grund für eine Absage durchkommen. Oder drittens: Gegen jede moralische Verpflichtung treten wir mit unserem Team an." Denn eines ist zumindest auch den Frankfurter Footballern klar: Ende Juli einen Saisonstart im September zu garantieren, ist im Jahr 2020 völlig utopisch.

Universe-Manager über Football-Verband: "Kindergarten"

Zu groß ist das Fragezeichen, das hinter einer möglichen zweiten Coronawelle nach der Ferienzeit steht – hinzu kommen aktuelle wie künftige Verfügungslagen. "Es gibt keinen Anlass zu spielen, es widerspricht sogar der politischen Situation", sagt Korosek. "Stattdessen werden wir eventuell gezwungen, gegen unseren Willen an einem Spielbetrieb teilzunehmen." Das Vorgehen des Verbandes fasst der Universe-Geschäftsführer deshalb in nur einem einzigen Wort zusammen: "Kindergarten."