Tony Martin will in Großbritannien einen Platz auf dem Treppchen ergattern.

Die Glanzzeit im Einzelzeitfahren liegt schon länger hinter Tony Martin. Der WM-Kurs und die Streckenlänge in der britischen Grafschaft Yorkshire sind aber etwas für den einstigen Dominator, wenn da nicht die Schmerzen im Brustkorb wären.

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Tony Martin ist augenblicklich für sich selbst eine Art Wundertüte. "Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung", sagt der viermalige Zeitfahr-Weltmeister bei der Frage nach den Medaillenchancen für seine Paradedisziplin am Mittwoch. Der meist eher wellige WM-Kurs in der Grafschaft Yorkshire, die Streckenlänge von über 50 Kilometern - eigentlich wie für den Eschborner gemacht.

Martin hat weiterhin Schmerzen im Brustkorb

Der schwere Sturz bei der Spanien-Rundfahrt aber hat doch größeren Einfluss als erhofft. Der Brustkorb schmerzt knapp zwei Wochen nach dem harten Crash mit einer wild aussehenden Platzwunde mal mehr, mal weniger. Die Probleme bei der Atmung unter hoher Belastung könnten ihn entscheidend limitieren. "Es hängt einfach viel dran, wie sich der Körper einstellen kann. Es ist möglich, dass ich am Mittwoch aufstehe und sage, ich fühle mich super. Es kann auch sein, dass ich von der Startrampe weg sage, das ist nicht mein Tag", erklärt Martin.

Der 34-Jährige weiß selbst, dass seine allerbeste Zeit hinter ihm liegt, als er zwischen 2011 und 2013 drei seiner vier WM-Titel herausfuhr. Dennoch hofft er auf günstige Umstände, denn eine Distanz wie die 54 Kilometer zwischen Northallerton und Harrogate ist inzwischen unüblich und bevorzugt seine Fähigkeit, ein gleichmäßig hohes Tempo ausdauernd durchzustehen. "Je länger es ist, desto mehr kann ich meinen Dieselmotor ausspielen", sagt Martin.

Viermaliger Weltmeister peilt eine Medaille an

Es geht ihm da ähnlich wie dem Kölner Nils Politt, der wegen des Ausfalls von Maximilian Schachmann als zweiter Deutscher die Einzelzeitfahr-WM in Angriff nimmt. "So ein langes Zeitfahren ist ganz neu für mich, aber ich bin auch mehr der Diesel", sagt der Roubaix-Zweite, der einen Platz unter den besten Zehn anpeilt: "Alles darüber hinaus wäre super."

Martin tickt nach wie vor anders, nur den Kampf um die Medaillen findet er aufgrund seiner erfolgreichen Vita reizvoll. "Wenn man viermal Weltmeister war, freut man sich nicht über Top 10", sagt er, wenngleich damit bei dieser WM auch ein wichtiges Ziel verbunden wäre: Eine Top-10-Platzierung garantiert dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) nächstes Jahr im olympischen Zeitfahren von Tokio einen zweiten Startplatz.

"Wunderkind" Evenepoel im Blickpunkt

Als Favorit geht nach Martins Ansicht der australische Titelverteidiger Rohan Dennis ins Rennen, obwohl der seit seinem geräuschvollen Ausstieg bei der Tour de France nur trainieren konnte. Dezimiert ist die Zahl die Sieganwärter durch das Fehlen des Niederländers Tom Dumoulin (verletzt) sowie der Briten Chris Froome (verletzt) und Geraint Thomas (Formschwäche).

So rückt neben dem Dänen Kasper Asgreen, dem Slowenen Primoz Roglic, Martins Teamkollege bei der Equipe Jumbo-Visma und Vuelta-Gewinner, auch Belgiens Wunderkind Remco Evenepoel in den Fokus. Der 19-Jährige holte dieses Jahr bereits den Zeitfahr-EM-Titel, und Politt sagt: "Ich traue ihm alles zu." Martin hält Evenepoel "wahrscheinlich für den neuen Eddy Merckx, anders kann ich mir das nicht vorstellen."