Darmstadts Esportler
Die Esportler des SV Darmstadt 98 feiern ihren Sieg gegen Eintracht Franfurt. Bild © hessenschau.de

Die DFL führt eine virtuelle deutsche Meisterschaft ein, Hessenderby zwischen Frankfurt und Darmstadt inklusive. Ist das der Fußball der Zukunft?

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In der 91. Minute des Hessenderbys explodiert die Tribüne des Böllenfalltors. Ein paar kluge, schnelle Pässe der drückend überlegenen Lilien, ein platzierter Schuss und es steht 2:1 gegen die Eintracht. Torschütze @Luca_B3rna ballt die Faust, seine Mannschaftskameraden @El_Timmbo_SV98 @MittelTuerSV98 und @BlauWeisseLilie springen jubelnd von den alten Bölle-Sitzschalen auf, die in einem knapp 15 Quadratmeter großen Raum eines Sponsors zu einer Mini-Arena umfunktioniert worden sind. Langsam wird es Gewissheit bei den zwölf Zuschauern: Der Derbysieg gegen die Eintracht, er ist ganz nah.

@Luca_B3rna ist nicht etwa ein Neuzugang der Lilien-Zweitligamannschaft mit exotischem Namen, @Luca_B3rna heißt eigentlich Luca Bernhard, ist 19 Jahre alt, macht eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und zockt in seiner Freizeit so gern und so gut die Fußballsimulation Fifa 19, dass er nun für Darmstadt 98 in der neu gegründeten Virtual Bundesliga Club Championship antritt.

Neue Zielgruppen

22 deutsche Profiklubs ermitteln in dieser digitalen Bundesliga in einer knapp zwei Monate währenden Saison den Deutschen Klub-Meister in Fifa 19. Es ist ein Projekt der Deutschen Fußball Liga (DFL), die bereits seit 2012 eine virtuelle Bundesliga anbietet. Bislang aber richtete sich diese an Einzelspieler, im vergangenen Jahr ermittelten 150.000 Zocker den Deutschen Meister unter sich. Nun gibt es eine Art Schwesterwettbewerb, der sich explizit an die Profiklubs wendet, und deren beste zwölf Spieler dann gegen die besten zwölf Einzelspieler den Deutschen Meister ausspielen. Eine schöne, neue Fußballwelt.

"Bisher haben wir nur die Gamer angesprochen", sagt Dominik Hilpisch-Hahn, der als "Head of Licensing & eSport" den Bereich für die DFL verantwortet. Ziel sei es nun, die Gamer, die Vereine und auch die breite Masse anzusprechen. In Zukunft, so die Vision, richtet sich eSport nicht wie bisher ausschließlich an Gamer, sondern eben auch an ein potentielles Publikum, das die Spiele verfolgt. Zudem soll den Klubs eine neue professionelle Plattform geboten werden, um Content zu generieren und sich rund um den Globus präsentieren zu können.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found hr-Reporter Philipp Hofmeister über die virtuelle Bundesliga

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1,7 Milliarden Spiele mit Bundesligabeteiligung

Profitieren kann die DFL dabei von einer steigenden Attraktivität deutscher Fußballvereine in der virtuellen Welt, so Hilpisch-Hahn. "Vor einigen Jahren wurden 50 Prozent aller Spiele mit Bundesligisten in Deutschland gespielt. Mittlerweile ist das Verhältnis 32 zu 68 Prozent." In der Summe seien das knapp 1,7 Milliarden Spiele mit Bundesligabeteiligung in den jüngsten drei Versionen des Spiels weltweit gewesen, vor allem in den USA, Brasilien, England und Frankreich erfreuen sich deutsche Klubs großer Beliebtheit.

Kein Wunder, das bei einer globalen Perspektive mittlerweile viel Geld im eSport steckt, fast ist ein leichter Anflug von Goldgräberstimmung zu spüren. Wurde das VBL-Finale 2013 noch von lediglich 60.000 Menschen gestreamt, waren es 2017 bereits über eine Million. Im Vergleich zu anderen eSports-Events, die Stadien füllen und Preisgelder in Millionenhöhe ausschütten, sind die Zahlen derzeit noch verschwindend. Die Tendenz aber ist steigend, was sich auch an der raschen Professionalisierung ablesen lässt. So hat die DFL zwei TV-Partner gewonnen, die Livespiele sowie Highlight-Zusammenfassungen in einer Art eSportschau anbieten werden. Über genaue Zahlen schweigt die DFL, es sei aber ein "sehr positiver Abschluss gewesen", so Hilpisch-Hahn.

Spitzenspieler können vom Zocken leben

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Auch die Richtgrößen der Klubs sprechen für das steigende finanzielle Volumen in der einstigen Nerd-Sparte. So wendet der FC Schalke 04, zumindest im Bereich eSport noch eine Spitzenmannschaft, jährlich eine siebenstellige Summe für seine eSportler auf. Das liegt allerdings auch daran, dass Schalke auch andere Games bespielt. Viele Spitzenspieler können – Gehälter, Preisgelder und Sponsoren sei Dank – vom Zocken leben, auch wenn das knapp acht Stunden Training pro Tag bedeutet. Nur konsequent, dass die Top-Vereine ihren neuen Profis auch professionelle Bedingungen bieten. So können viele Spieler Sportpsychologen, Fitnesstrainer und Physiotherapeuten der Klubs in Anspruch nehmen. Wer möchte, kann  sich vom Verein sogar einen Ernährungsplan zusammenstellen lassen.

Die Philosophie der Klubs und vor allem auch das finanzielle Engagement fallen dabei sehr unterschiedlich aus. Geht man durch die Räumlichkeiten des SV Darmstadt 98 hat man eher den Eindruck, man sei auf einer freundlichen Lan-Party gelandet als auf einem Bundesligaspiel. Knapp zwei Dutzend Menschen stehen um Stehtische herum und essen Currywurst, eine Mitarbeiterin des Vereins bügelt noch hektisch Sponsorenwappen auf die Trikots der Spieler, die zusammenstehen wie die Schulfreunde, die sie wahrscheinlich auch sind, und die quasi aus dem Kinderzimmer in eine Bundesligaspieler-Existenz gestolpert sind. Ein wunderlicher Umstand, den die Anfang Zwanzigjährigen mit einer Mischung aus Stolz und Verschüchterung annehmen.

Virtuelles Derbyfeeling

Bei den Lilien lief der Auswahlprozess weniger professionell als bei anderen Klubs, den Verantwortlichen lag ein regionaler Aspekt der eSport-Abteilung am Herzen, weswegen ausschließlich Gamer aus der Region in einem Turnier am Böllenfalltor gecastet wurden. Vielleicht liegt es an dieser regionalen Verwurzelung, dass sich am Spieltag tatsächlich so etwas wie Derbystimmung in den Räumlichkeiten breitmacht. "Das Feeling ist überraschend echt", sagt Fabian Ortkamp, der bei Darmstadt den Bereich eSport verantwortet. "Als Darmstädter ist man natürlich heiß, wenn es gegen die Eintracht geht. Das überträgt sich bei mir auch auf den virtuellen Bereich."

Die Schnittstelle zwischen Profiklubs, Gamern und Fans, der sich die DFL verschreiben hat, wird an diesem Abend mit Leben gefüllt. Darüber hinaus geht es aber auch um nackte Marketingzwecke. Die Vereine haben die Möglichkeit, im Spiel eigene Bandenwerbung zu schalten. "Das Fifa-Spiel ist für uns ein Marketinginstrument", sagt DFL-Mann Hilpisch-Hahn unumwunden. Die Vereine können sich und ihre Werbepartner global präsentieren und direkt mit einer Zielgruppe agieren, die man ansonsten teils gar nicht erreichen würde. Hinzu kämen Synergieeffekte zwischen dem virtuellen und dem klassischen Fußball, wenn Kinder über die Konsole ein Interesse am Fußball entwickelten.

Heute steht unser erstes Saisonspiel der @eintrachtesport -Adlerträger in der @vbl_official an 🎮⚽️ Am Riederwald trifft die SGE auf den SV Darmstadt 98. Das ganze Duell im Livestream gibt es hier zu sehen: ▶️ https://t.co/mXrPv4PCUz #SGEsports

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Belegbar sind diese Synergieeffekte freilich nicht. Auch das Gegenteil wäre denkbar, nämlich dass sich die DFL gerade einen Konkurrenten im eigenen Hause heranzieht, der mittelfristig das Kernprodukt kannibalisiert, wenn niemand mehr kicken, sondern nur noch zocken geht. Auch in dieser Hinsicht wird die VBL Club Championship ein Testballon sein. Luca Barnhard alias @Luca_B3rna geht in seiner Freizeit auch gern auf den Fußballplatz, er spielt im Verein. Mittlerweile aber müsse er das ein oder andere Spiel absagen, um seinem Semi-Profitum an der Konsole nachzukommen.

Was sich indes auszahlt, das erste Spiel gewinnt er schließlich 3:1. Vielleicht wird in 100 Jahren in einer Vereinschronik der Darmstädter eSportler von @Luca_B3rna als dem ersten Torschützen in der eLilien-Geschichte zu lesen sein. Vielleicht aber verebbt die Goldgräberstimmung auch und Fußballsimulationen werden weiterhin im Schatten des großen Bruders stehen. "Für mich sind das zwei unterschiedliche Dinge", sagt ein junger Mann, der es knapp nicht in den Kader der Darmstädter eSportler geschafft hat und nun seinen Kumpels im letzten der drei Spiele gegen die Eintracht am Flachbild-TV in den Räumlichkeiten des Sponsors verfolgt.

Der Underdog siegt

Wenig später ist Schluss, der Schiedsrichter in der perfekt simulierten Fußballwelt, in der sogar die Lichter der Windkraftwerke auf einem Hügel jenseits des Böllenfalltors gleichmäßig blinken, pfeift pünktlich ab. Darmstadt ist als großer Underdog mit zwei Siegen in die Saison gestartet, die Spieler sind glücklich, verschwitzt und alle Theorie erst einmal wieder grau. Denn was zählt, ist schließlich an der Konsole.