Jonas Rutsch quält sich in den Alpen

Für Jonas Rutsch ist sein Debüt bei der Tour de France vor allem eines: schmerzhaft. Der 23-Jährige zeigt dennoch, warum er für sein Team so wichtig ist und wie sich das Training im Odenwald in den französischen Alpen auszahlt.

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Jonas Rutsch
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Sein Gesicht gequält, nass vom strömenden Regen, die Augen fokussiert. "Ich hatte den Ruhetag immer im Blick bei der gestrigen Etappe der Tour de France", schrieb Jonas Rutsch am Montag auf Instagram. Der Ruhetag, er dürfte nach seiner ersten Woche bei der Tour gerade recht kommen für den 23 Jahre alten Radprofi aus dem Odenwald. Denn es war alles andere als eine einfache Woche – und das nicht erst am Sonntag beim ebenso kalten wie nassen Alpen-Finale von Tignes.

"Mehr als das halbe Feld lag schon einmal auf dem Boden", hatte es Nils Politt vom deutschen Team Bora-hansgrohe schon nach der dritten Etappe zusammengefasst. Die Gründe: heftige Stürze, schwere Verletzungen und das Aus von Topstars wie Caleb Ewan. Und auch Rutsch hat es erwischt. Beim Sturz von Primoz Roglic konnte er nicht mehr ausweichen, stürzte über den Lenker und mit der Schulter auf den Asphalt. Die Schulter sprang raus und wieder rein, so erzählte es Rutsch später. Er setzte sich kurz auf die Straße, atmete durch und fuhr tatsächlich weiter.

Schmerz lass nach

Mit Schmerzen absolvierte er die nächsten Etappen, das Schlüsselbein zwar nicht gebrochen, aber lädiert – besonders beim Zeitfahren, wo viel Gewicht auf den Schultern liegt, schmerzhaft. Zwar gehören Schmerzen bei der Tour irgendwie dazu, für den Odenwälder aber scheint das zum Dauerzustand zu werden. Denn schon in die Frankreich-Rundfahrt war Rutsch nach seinem Sturz bei der Tour de Suisse mit einer gebrochenen Rippe gegangen, hatte sich vor dem Start aber durchchecken lassen und dann betont: "Ich kann mit 100 Prozent in die Tour gehen."

Dass sich das schon nach wenigen Tagen und seinem Sturz ändern sollte, das konnte der 23-Jährige nicht erahnen. Rutsch aber macht das Beste aus dieser Ausgangslage und dürfte am Sonntag, auf der neunten, der bisher härtesten Etappe der Tour, auch all die überrascht haben, die sein Tour-Debüt nicht auf dem Zettel hatten. Im strömenden Regen und bei Temperaturen um die acht Grad Celsius trotzte der Erbacher allen Widerständen, war lange Teil der Gruppe um Top-Star Tadej Pogacar, den Mann im gelben Trikot, und damit wichtiger Helfer für Rigoberto Uran, den Kapitän seines Teams EF Education-Nippo.

Schinderei in den Alpen

"Es war sehr hart. Aber natürlich genießt man, das ist auch eine Art und Weise, weil es einfach ein schönes Gefühl ist, wenn sich die ganze Schinderei auszahlt", sagte Rutsch dann im Ziel. Die Tour – sie bleibt auch nach der ersten harten Woche ein Traum für den jungen Profi. "Ich bin sehr, sehr stolz und froh, dass ich hier sein darf und hoffe, dass ich meinen Platz, den ich jetzt im Team habe, bis zum Ende der Rundfahrt rechtfertigen kann."

Dafür aber wird Rutsch erneut über seine Grenzen gehen müssen, vielleicht ja sogar mal in einer Ausreißergruppe. Der nächste Ruhetag steht übrigens am Montag in einer Woche an – bis dahin aber gibt es noch mehr als eine Etappe mit ganz viel "Schinderei".