Tina Hermann

Tina Hermann aus Hirzenhain ist die erfolgreichste deutsche Skeleton-Pilotin aller Zeiten. Bei der WM kann sie nun zum vierten Mal Gold für Deutschland gewinnen – und das, obwohl sie eigentlich gar nicht mehr zum Team gehört. Eine skurrile Geschichte.

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dpa Hermann Skeleton
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Von außen erkennt man es nicht. Tina Hermann trägt den gleichen Rennanzug, den alle tragen. Sie spricht dieselbe Sprache, die alle sprechen. Und hinter ihrem Namen stehen die gleichen drei Buchstaben, die bei allen stehen: GER. Team Germany. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Immer dann, wenn Tina Hermann nicht mehr am Eiskanal auftaucht, hat sie mit der deutschen Mannschaft nämlich gar nichts mehr zu tun. Sie schläft in anderen Hotels, hat einen anderen Trainer, fährt einen anderen Schlitten. In Wirklichkeit ist die dreifache Weltmeisterin ihr eigenes Team. Kürzel: HER. Team Hermann.

Streit um den Trainer

Die 28-Jährige hat das nicht gewollt, und wenn sie so über ihre Situation spricht, dann ist ihr die Traurigkeit in der Stimme anzumerken. Trotzdem sei diese eigenartige Konstellation nun "die beste Lösung für alle. Wir können es jetzt eh nicht mehr ändern".

Der Hintergrund: ein handfester Streit im deutschen Skeleton. Der Verband hatte im vergangenen Frühjahr überraschend Bundestrainer Dirk Matschenz gefeuert, der zwar erfolgreich, bei den Athleten aber nicht sonderlich beliebt gewesen ist, was auch daran lag, dass Matschenz von Anfang an eine Doppelrolle hatte. Einerseits Bundestrainer, andererseits Heimtrainer von Tina Hermann. Und genau darin liegt das Problem: Hermann möchte nun weiterhin mit Matschenz trainieren, schließlich hat er sie zur Weltmeisterin geformt, sie vertraut ihm. Bei lebensgefährlichen Geschwindigkeiten von bis zu 140 km/h ist der Trainer, verantwortlich für Schlitten und Fahrlinie, die sensibelste Stelle im System. Hermanns Wunsch ist deshalb verständlich.

Ein Kompromiss, aber auch eine Lösung?

Der Verband allerdings möchte genau das nicht, man fürchtet um die Weitergabe von geheimen Material-Informationen, schließlich ist Matschenz mittlerweile im Trainerstab der Russen. Auch das leuchtet ein.

Als sich im Sommer kein Kompromiss andeutete, stand sogar Hermanns Karriere auf dem Spiel. Ohne eine einvernehmliche Lösung hätte sie wohl hingeworfen. So aber kommt es nun zu der skurrilen Situation, dass Hermann bei der WM in Altenberg zwar Gold für Deutschland holen könnte, obwohl sie de facto gar nicht mehr im Team ist. Ihr Schlitten steht bei ihr im Hotelzimmer. Ihre Fahrten analysiert sie mit Matschenz.

Kopfmensch in der Krise?

Hermann, in Hirzenhain im Lahn-Dill-Kreis aufgewachsen, ist ein sehr feinfühliger Mensch und so überrascht es nicht, dass der Streit nicht spurlos an ihr vorübergegangen ist. "Ich bin ein Kopfmensch und mache mir darüber noch immer viele Gedanken", sagt sie dem hr-sport. "Ich habe in diese Saison noch nicht das vollständige Selbstvertrauen mitnehmen können."

Weitere Informationen

Zeitplan WM in Altenberg

Donnerstag, 11.02. – 1. und 2. Lauf Skeleton mit Tina Hermann
Freitag, 12.02. – 3. und 4. Lauf Skeleton mit Tina Hermann
Samstag, 13.02. – 1. und 2. Lauf Monobob mit Kim Kalicki
Samstag, 13.02. – Skeleton-Mixed mit Tina Hermann
Sonntag, 14.02. – 3. und 4. Lauf Monobob mit Kim Kalicki

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Das spiegelt sich bislang auch sportlich wider. Zwar beendete Hermann den Gesamtweltcup auf Platz zwei, die Saison an sich war allerdings ein einziges Wellental; Beispiel Königssee. Erster Lauf: grandiose Fahrt, Bahnrekord. Zweiter Lauf: völlig verpatzt, Absturz auf Platz zehn. "Der Kopf", sagt Hermann, "ist im Moment mein größtes Problem".

Hoffen auf eine Medaille

Eine Medaille in Altenberg, wo sie vergangenes Jahr Weltmeisterin wurde, wäre in dieser Situation natürlich eine Genugtuung. Möglich ist das allemal, wenngleich die Konkurrenz stark ist. "Es können viele vorne mitfahren", sagt Hermann. Sollte sie es allerdings aufs Treppchen schaffen, müssten die Veranstalter wohl zwei Medaillen gleichzeitig notieren. Eine für Team Deutschland – und eine für Team Hermann.