Eriksen Pöttgen

Der Zusammenbruch des dänischen Nationalspielers Christian Eriksen hat die Fußball-Welt geschockt. Dr. Klaus Pöttgen, langjähriger Teamarzt von Darmstadt 98, spricht über die Herzuntersuchungen im Fußball und wie sich Tragödien vermeiden lassen.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ex-Lilien-Arzt: "Eriksen wird wieder spielen können"

Dr Klaus Pöttgen Darmstadt
Ende des Audiobeitrags

Dr. Klaus Pöttgen betreute als Mannschaftsarzt die Profis der Lilien von 2011 bis 2016, seit 2014 die Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum. Außerdem fungierte er als Medizinischer Leiter des Iron Man Germany. Pöttgen arbeitet in Darmstadt und führt derzeit einen Teil der obligatorischen Medizinchecks für die anstehende Saison durch. Im Interview spricht er über tragische Todesfälle im Wasser, eine Rettung durch Erste Hilfe in der Bundesliga und eine mögliche Gefahr von Impfungen für Leistungssportler.

hessenschau.de: Dr. Klaus Pöttgen, am Samstag brach der dänische Nationalspieler Christian Eriksen im Spiel gegen Finnland auf dem Platz zusammen. Mussten Sie schon ähnliche Tragödien im Sport miterleben?

Dr. Klaus Pöttgen: Einen Todesfall auf dem Sportplatz habe ich noch nicht erlebt, aber bedauerlicherweise einen im Wasser während eines Triathlon-Wettkampfes. Statistisch gesehen sterben die Athleten vor allem im Wasser – das liegt am Stress nach dem Start, der fehlenden Möglichkeit einer Pause und an den Reizleitungssystemen im Herzen, die auf Wasser reagieren. Der Mann, der damals starb, war in der Staffel kurzfristig eingesprungen, und gerade einmal 55 Jahre alt. Doch er hatte – wie sich später herausstellte – einen Herzklappenfehler. Das war der tragische und leider zu oft auftretende Fall eines Athleten, der im Vorfeld nicht gut untersucht worden war.

hessenschau.de: Sie führen regelmäßig und aktuell wieder Medizinchecks mit den Fußball-Profis durch. Was passiert dabei genau?

Pöttgen: Wir haben klare Vorgaben vom DFB und erhalten entsprechende Bögen mit Infos über Anamnese, Impfungen, Position des Spielers oder ihre Spieljahre. Orthopäden und Internisten übernehmen jeweils ihren Teil des Checks. Es gibt den Ultraschall, eine Laboruntersuchung, bei uns noch zusätzlich einen Sehtest und die normale körperliche Untersuchung. Wir prüfen die Schilddrüse, Lunge und natürlich auch das Herz.  

hessenschau.de: Wie untersuchen Sie das Herz?

Pöttgen: Die Sportler machen ein Belastungs- und ein Ruhe-EKG. Wir schauen auf mögliche Reizleitungsstörungen, die bei jüngeren Menschen statistisch häufiger zum Herztod führen, oder auf Rhythmusstörungen, die manchmal erst unter Belastung auftreten. Im Ultraschall sehen wir dann, ob die Herzwände verdickt sind – das kommt häufiger bei Spielern von anderen Kontinenten vor. Bei älteren Menschen ab 35 Jahren kann ein plötzlicher Herztod aufgrund eines Klappenfehlers oder der Verkalkung der Arterien auftreten. Diese Checks laufen sehr genau ab.

hessenschau.de: Eriksen spielt in Italien, das für seine genauen Screenings auf Herzerkrankungen bei Leistungssportlern gerühmt wird.

Pöttgen: In Italien ist es vorgeschrieben, dass die Spieler solche Untersuchungen regelmäßig machen müssen. Das empfehlen wir auch, weil das Screening sehr, sehr wichtig ist. Ich betreue jedes Jahr 140 Jugendliche aus den Nachwuchsleistungszentren, bei denen ein EKG durchgeführt wird. So können wir die wesentlichen Punkte für eine Herzerkrankung ausschließen. Wir wollen auch bei den Startern vom Iron Man wissen, ob sie in dieser Hinsicht untersucht worden sind.

hessenschau.de: Was kann der Sport noch verbessern, um Herzattacken auszuschließen?

Pöttgen: Die Sicherungssysteme müssen funktionieren, das heißt: Ein Arzt und ein Defibrillator müssen in der Nähe sein. Insgesamt versuchen wir die Spieler und Trainer dazu zu bringen, dass sie an Reanimationsschulungen teilnehmen. Im Training ist noch nicht viel passiert, aber ich weiß von einem Bundesligisten, bei dem durch diese Schulung ein Mitarbeiter aus dem Staff gerettet worden ist. Ältere Co-Trainer oder Zeugwarte können so eine Herzattacke schließlich auch im normalen Tagesablauf erleiden – unabhängig von einer Überlastung. Allein dafür lohnt sich schon eine Auffrischung beim Thema Erste Hilfe.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ex-Lilien-Teamarzt: "Erste Hilfe hat in der Bundesliga schon Leben gerettet"

Dr Klaus Pöttgen Darmstadt
Ende des Audiobeitrags

hessenschau.de: Braucht es einen Leitfaden für Sportler, wie sie mit so einer Situation umgehen?

Pöttgen: Im Prinzip sollte man die ganz normalen Regeln beachten: die Atmung und Herzfunktionen kontrollieren, dann schauen, ob man mit der Reanimation beginnt. Wichtig ist mir vor allem die Vorsorge. Unser Kapitän bei Darmstadt 98 hatte eine Reizleitungsstörung und damit ein erhöhtes Risiko, auf dem Platz zusammenzubrechen (Fabian Holland musste 2017 wegen einer Herzrhythmus-Störung operiert werden, Anm. der Red.). Bei diesen Menschen besteht eine Extraleitung vom Vorhof in die Kammer, genau jene Bahn "zerstören" wir sozusagen. Allerdings muss man dann Folgeuntersuchungen durchführen, damit diese Bahnen nicht mehr auftreten. Wir müssen die Sportler überzeugen, die Vor- und Nachuntersuchungen mitzumachen.

hessenschau.de: Glauben Sie, dass Eriksen wieder auf den Platz zurückkehren kann?

Pöttgen: Er wird auf alle Fälle wieder spielen können, davon gehe ich aus. Die Ärzte werden die Ursache finden. Es muss nicht einmal ein krankhafter Befund vorliegen. Es gibt viele andere Gründe für einen Zusammenbruch. Nur als Beispiel: Medikamente und Schmerzmittel können ein erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Herztod auslösen. Deswegen raten wir auch dringend davon ab, Schmerzmittel im Sport unnötig einzunehmen. Das Risiko eines Herztodes steigt bei der Einnahme von Voltaren diclofenac um 50 Prozent, bei Ibuprofen um 35 Prozent. Wir müssen nun abwarten, was die genauen Ursachen bei Eriksen waren.

Weitere Informationen

Ergänzung

Nach dem Interview wurde bekannt, dass Eriksens Herzattacke von Herzrhythmusstörungen ausgelöst wurde. Der Däne bekommt einen sogenannten ICD-Defibrillator, eine Art Herzschrittmacher, eingesetzt. Der niederländische Nationalspieler Daley Blind und die deutsche Stabhochspringerin Katharina Bauer betreiben damit weiterhin Leistungssport.

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führte Ron Ulrich.