Seit 1968 gibt es das Burg Herzberg Festival: Hier erzählen die Menschen hinter den Kulissen davon, was es bedeutet, so ein Festival zu organisieren und was sich in all den Jahren verändert hat.

Die Macher:

  • Norbert "Mini" Geier ist Chef vor Ort auf dem Festival, wenn z.B. Regen und Matsch Probleme machen.
  • Wolfgang "wowo" Wortmann macht das Booking der Bands auf drei Bühnen.
  • Katja Schmirler kümmert sich um Kultur und die vielen kleinen Händler.
  • Gunther Lorz ist Pressesprecher des Festivals: Er hat einen Fulltime-Job.
  • Sofia Pfeffer ist seit einem Jahr frisch im Team; sie kümmert sich um die Verträge der Bands.

In seinem Jubiläumsbuch beschreibt der Journalist Frank Schäfer die "Kalle-Becker-Years", also die Jahre, in denen Initiator Kalle Becker das Festival organisierte, ausführlich: der anarchische Musik-Enthusiast bekam zwar tolle Musiker an den Start, hatte aber überall Schulden. Die Erben müssen die Suppe auslöffeln. In einem Interview von 2004 sagt Norbert "Mini" Geier, man müsse Wiedergutmachung am Namen des Festivals leisten. "Wir müssen den Namen wieder bekannt machen als faires Festival, wo man gerne hingeht und wo man weiß, dass das, was angekündigt wurde, auch erfüllt wird." Wir haben nachgefragt:

Warum hast Du damals diesen O-Ton gegeben?

Norbert "Mini" Geier: Wir mussten ja ganz vielen Leuten beweisen, dass wir sie auch bezahlen. Ganz viel mussten wir im Voraus bezahlen, damit die sicher gehen konnten, dass sie ihre Mieten kriegen und dass sie ihre Leistungen bezahlt bekommen, weil Kalle eben viele Leute im Regen hat stehen lassen und nicht mehr bezahlt hatte. Dann war für uns, als wir das wieder aufgenommen haben, erst mal die Pflicht, bares Geld hinzulegen, und dann bekamen wir die Leistung.

Wolfgang "wowo" Wortmann: Dieses Hippie-Sein heißt ja nicht, dass man vollkommen unverbindlich ist, sondern Hippie sein heißt ja auch, dass man so 'ne bestimmte Art von Wert, den muss man auch trotzdem einhalten. Man kann nicht Bands ankündigen, die man gar nicht gebucht hat, und einen Zeitplan veröffentlichen, den man nicht einhält. Das haben wir in dem Jahr versucht zu verändern und den Leuten das Vertrauen zu geben, dass wenn sie zu uns kommen, dass es dann auch so ist, wie wir versprochen haben!

Gunther Lorz: 2004 haben wir den Zeitplan auf T-Shirts gedruckt, um das zu zeigen! (lacht) Und den haben wir eingehalten!

Katja Schmirler: Wir kommen ja eher aus einem sozio-kulturellen Kontext. Bei uns ist es eben ganz wichtig, dass die Leute sich vertrauen und man einander glauben kann – das sind halt so ganz wichtige Sachen für uns, und so sind wir auch gestartet. Wiedergutmachung - für mich persönlich war das ja gar nicht der Grund. Also, ich wollte nichts wieder gut machen, ich wollte ein gutes Festival machen! Ich hatte nicht das Gefühl, ich muss irgendwas von irgendwem übernehmen und wieder gut machen.

Sofia Pfeffer: Ich bin ja noch nicht ganz so lange dabei, von daher ist das für mich ganz weit hinten – Wiedergutmachung. Aber: Für mich ist es einfach ein schönes Festival, wo die Leute gerne hingehen, und wir haben auch ganz viele junge Leute wieder da. Ich habe das Gefühl: Den Leuten gefällt's einfach!

Was war für Euch das Enttäuschendste, was die Arbeit mit Kalle Becker angeht?

Gunther Lorz: Es ist in der Branche nicht selten, dass Leute an Alkohol oder Drogen zugrunde gehen, und dieser Fall, der lag hier ja auch vor, und das war eine schwierige Situation, wenn sich jemand nicht mehr für sein Geschäft interessiert, sondern eigentlich mehr für seinen Konsum. Ich habe dann auch nach dem 2000er aufgehört, denn dann war es absehbar, dass das einen ganz falschen Weg nimmt, ich hatte dann auch Hausverbot (lacht).

Es war interessant, das mal mitzuerleben, diese ganze Geschichte. Es war damals eine ganz andere Festivalzeit: Die Festivals, die wir damals in den 90ern gemacht haben, würden heute, glaube ich, alle verboten werden (lacht). Die Sicherheitsbestimmungen von heute… Das Veranstalten hat mehr Spaß gemacht, weil man mehr machen konnte, man erinnere nur an das Faust-Konzert. Das sind alles Sachen, die sind heute völlig undenkbar. Aber das Festival-Veranstalten selbst hat mehr Spaß gemacht, weil man größere Freiheiten hatte. "Wild-West-Veranstalten", so kann man das bezeichnen.

Wolfgang "wowo" Wortmann: Auch als wir das Festival weitergemacht haben, war es für mich immer wichtig, den Kalle da oben nicht totzuschweigen. Ich habe auch von der Bühne, als Kalle gestorben ist, was gesagt und auch vorher schon, um ihm ein Denkmal zu setzen.

Durch diese Geschichte in dem Buch wird jetzt natürlich alles wieder aktualisiert und wieder von anderen Seiten beleuchtet. Ich glaube, der Kalle Becker, der war wie so ein Goldgräber. Das war jemand, der konnte auch Leute begeistern, der konnte auch mich begeistern, der hat viele Leute begeistert. Er hatte eine Idee, und die hat der mit Herzblut verteidigt! Ich kann mich noch erinnern, wie er das erste Mal von dem Burg Herzberg Festival erzählt hat, und ich habe gedacht: Irgend so eine Burg da im Vogelsberg – was soll das schon werden?

Alle Leute, die an dem Festival beteiligt waren, die hätten das nicht erlebt, wenn der Kalle Becker nicht so ein Verrückter gewesen wäre. das war ein Visionär auf eine gewisse Art und Weise, und der hat sein letztes Hemd gegeben, wenn es drum ging, aber er hat sich selber dabei vernichtet und anderen Leuten auch geschadet. Aber es können sich auch nicht alle hinstellen und sagen: Ich habe die Gefahr nicht auf mich zukommen sehen! Da muss man dann auch realistisch sein und fragen: Wo ist die Grenze?

Der Kalle schuldet mir keinen einzigen Euro. Das liegt vielleicht auch an unserer Haltung ihm gegenüber, aber er hat es geschafft zu sagen: Wir holen die Doors nach Fulda in den Museumshof. Wir haben alle gesagt: Du spinnst! Das war der chaotischste Tag meines Lebens, aber die Doors waren da!

Norbert "Mini" Geier: Ja, es sind immer private Kontakte gewesen, wo wir zusammengekommen sind. Ich habe im Kulturkeller gearbeitet, und er kommt zurück vom Festival, umarmt mich und sagte: Mini, jetzt bin ich der größte Festival-Veranstalter Deutschlands – nächstes Jahr hol ich die Stones. Das hat er auch wirklich geglaubt!

Gunther Lorz: Auch noch in Erinnerung geblieben ist, dass jedes Mal, wenn der Kalle auf die Bühne gekommen ist oder ein Interview geführt hat, dass man Rotz und Wasser geschwitzt hat und gehofft hat, dass er sich jetzt bitte nicht um Kopf und Kragen redet.

Norbert "Mini" Geier: Da sind Reiterstaffeln eingesetzt worden, berittene Trupps, die auf dem Gelände rumgeritten sind: Der Kalle hat auf der Bühne gestanden und erst mal die ganze Polizei beschimpft - die Staatsmacht usw., die Lakaien, die Obrigkeit! Da brauchte er sich nicht zu wundern, wenn er dann eine Hundertschaft als Polizei bekommen hat fürs Festival. Heute machen das zwanzig Leute.

Warum habt Ihr dann zusammen beschlossen: Jetzt machen wir das Festival wieder? Was waren die Startschwierigkeiten?

Norbert "Mini" Geyer: Wir sind überredet worden. Wir, das waren damals die Leute vom Kreutz, einem Kultur- und Kneipenzentrum in Fulda, die schon seit 1977 hier am Arbeiten waren – und wir wurden überredet von Andreas Schnell. Er war früher im Team des Herzbergs mit dabei und Gundula, die damalige Frau von Kalle, und Kalle. Die haben das als Trio gemacht und Andreas hat die Vorarbeit geleistet, hat den Bauern, die Gemeinde, hat sie alle wieder überreden können um eine Genehmigung, und dann kam er praktisch mit dem fertigen Konzept auf uns zu und sagte: "Wollt Ihr da nicht mit einsteigen?" Da hatte er schon 70 Prozent aller Bands gebucht und uns eigentlich total überrannt. Wir haben dann ja gesagt und sind eingestiegen. Und dann sind wir wirklich erst einmal voll auf dem Bauch gelandet, weil wir uns natürlich voll übernommen haben und viel zu viel Kosten ausgelöst hatten, und durch die Konkurrenz hatten wir auch nur ganz wenige Besucher: Wir hatten rund 2.500 Besucher und sind finanziell gang ganz groß baden gegangen.

Welches Jahr war das?

Norbert "Mini" Geier: Das war 2004. Wir hatten dann das Glück, dass wir an gute, nette Leute unsere Schulden verkaufen konnten, und dann sind Gesellschafter eingestiegen und haben diese Schulden übernommen. Dadurch kam die Herzberg-Gruppe, so wie sie heute existiert, erst zustande: mit Gunther, mit Elmar, mit Jens Vaupel vor Ort. Das war die neue solide Basis, die es dann auch tragfähig machte. Wir haben es wirklich geschafft, in zähem Kampf über Jahre, diese Schulden loszuwerden und dieses Festival jedes Jahr ein Stück weit besser zu machen.

Gunther Lorz: Wir haben es schon mal größer gemacht, und außerdem haben wir eine Kontinuität drin, dadurch dass wir seit zehn Jahren im selben Team an diesem Festival arbeiten, und das ist ein Wert an sich.

Wolfgang "wowo" Wortmann: Ich glaube, dass in dieser Phase das Kreuz-Kollektiv eine ganz entscheidende Rolle gespielt hat, Wir haben seit Jahrzehnten zusammengearbeitet, wir sind mit angetreten als Kollektiv, wir haben teilweise Wohnformen ausprobiert ohne eigenes Geld. Das Geld war immer allen, jeder hat sich so viel genommen, wie er gebraucht hat. Wir haben auch versucht, mit flachen Hierarchien zu arbeiten, und nachdem wir dann diese Schulden gemacht haben im ersten Jahr, waren wir als Gruppe aber stabil genug zu sagen: Das kann's nicht gewesen sein.

Katja Schmirler: Ich wäre gerne dabei gewesen, aber vielleicht war ich es ja, und meine Eltern haben mich da produziert.

Norbert "Mini" Geier: Ich war da gerade 15, da war es noch nicht so bekannt. Da hat man den Zugang noch nicht so gehabt. Ich bin in Wetzlar groß geworden, das ist ja gar nicht weit weg davon – 60, 70 Kilometer – aber, wie gesagt: Ich hätte auch gar nicht gedurft, nicht mit 15, ein Jahr später wäre das schon vielleicht anders gewesen.

Wolfgang "wowo" Wortmann: Fast habe ich das Gefühl, dass die Welt da noch in Ordnung war – dieses ganze Potential, das da dann zusammengekommen ist, hat das erst möglich gemacht. Wenn ich das so sehe, dann würde ich sagen: Das war schön, es wirkt überschaubar.

Norbert "Mini" Geier: Das schon, aber die Welt war gar nicht in Ordnung! Für uns Jugendliche damals, wir sind ja absichtlich gammeln gegangen. Wir haben uns auf Treppen in der Innenstadt gesetzt, um zu zeigen: Wir sind gegen euch! Wir machen nicht das, was ihr macht! Wir gehen nicht regelmäßig arbeiten. Wir haben das zwar nur am Wochenende gemacht, aber wir haben dieses Gammeltum ausgelebt. Vorher sind wir brav in die Schule gegangen oder in die Lehre, aber am Wochenende sind wir bewusst gammeln gegangen, um zu zeigen: Nee, wir sind nicht so wie Ihr!

Wart Ihr beeinflusst auch aus Berlin, von den Studenten?

Norbert "Mini" Geier: Ja, es gab ja auch Schüler-Demos in kleineren Städten. Überall wurde sich gewehrt gegen diese ganzen Mauern und Einengungen, ja, und wir wollten bewusst anders sein. Das ist einfach so gewesen, und da gehört auch dazu, sich so zu gebaren: sich einfach auf eine Wiese zu legen, Musik zu hören. Das kann man sich gar nicht vorstellen, aber das war ein Skandal, wenn jemand sich lange Haare wachsen ließ. Ich wurde zum Personalchef gerufen und der hat dann gesagt: Was sagen denn Ihre Eltern dazu? - als meine Haare über die Ohren gingen. Da war das ein Thema für den Personalrat.

Katja Schmirler: Das großartige an diesem Festival war ja auch, dass es auf dem platten Land war. Ich glaube diese Idee, wie es ja heute noch ist, es kommen Menschen aus der Stadt zusammen, wo ja die meisten Bewegungen auch schon ein bisschen weiter sind und Leute von dort. Und ich glaube, das ist auch ein großartiges Verdienst dieses Festivals, das da einfach auf so einer Burg Leute kommen, die auch aus der Nähe kommen, die noch an einem ganz anderen Punkt sind.

Wolfgang "wowo" Wortmann: Aber diese politische Aussage, die darf man ja auch nicht vergessen: Gammler, Hascher, Beatfans – Deutschland war ja zu dieser Zeit immer noch im Wiederaufbau, das heißt also: Alle Leute, die früher im Krieg waren, waren damit beschäftigt, Deutschland wiederaufzubauen, und dann gibt es eine Generation, die plötzlich sagt: Wir verweigern uns! Wir sind bei diesem Aufbau, den ihr macht, da sind wir nicht dabei! Wir wollen was anderes: Wir wollen mehr Freiheiten, wir wollen anders sein!

Katja Schmirler: Die 68er Generation ist doch eine ganz klare Reaktion darauf, dass die Eltern nicht mit ihren Kindern darüber gesprochen haben, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist, und das merkt man doch auch: Die haben das nicht gelernt, wirklich zu sprechen, das hat diese Generation einfach ausgemacht, und das ist auch das, wovon ich immer noch zehre – bis heute, dass die einfach gesagt haben: wenn mein Vater nicht mit mir spricht, dann sprechen wir eben untereinander und wollen es anders machen.

Gunther Lorz: Und das merkt man auch so ein bisschen bei der neuen Generation, die einfach gar nicht wertschätzt, welcher Kampf da stattgefunden hat, und die gefühlt jetzt wieder einen Schritt zurückgehen, weil sie gar nicht realisieren, wie wichtig der Kampf war, und dass auch sie davon profitieren.

Wolfgang "wowo" Wortmann: Ich glaube, dass man das so nicht sagen kann. Ich glaube, dass die jungen Menschen, die heute in dem Alter sind, eine viel schwierigere Ausgangsposition haben, weil der Gegner, also das, was 68 oder danach war, das war eine klare Struktur. Heute kann man sich dahin orientieren oder dahin. Deshalb glaube ich auch, dass dieses Festival immer wichtiger wird, eine Orientierung anzubieten überhaupt in dieser Zeit, in der es an allen Ecken auf der Welt auseinandergeht, nicht nur politisch, sondern auch Werteverlust, Medien etc. und da fehlt einfach eine Orientierung zum Mensch-Sein!

Was bedeutet den Organisatoren, den Machern, der Frieden?

Gunther Lorz: Also das friedliche da oben kommt zustande, indem sich jeder nicht so wichtig nimmt oder dass man dem anderen einfach mal zuhört, was so im Alltag relativ schwierig ist. Oben nimmt man sich Zeit, setzt sich zusammen, und dieses "peacige" – das ist halt 'ne Form der Kommunikation, die wir weitertragen möchten.

Katja Schmirler: Ich glaube, wichtig für Frieden ist, dass man die einzelnen Menschen wertschätzt. Ich glaube, das schaffen wir auf dem Festival. Ich glaube, was auch funktioniert – und das kann ich jetzt als Frau sagen – ist, wenn man sich die Kriege anguckt, wie sie passieren, dann sind das ja oft weiße alte Männer, die Kriege einfach auslösen, und ich glaube, wenn man das durchbricht und sagt: Die Menschen sind anders, die Gesellschaft ist eine andere, die Hautfarbe ist eine andere, und es sind Frauen, sich anzuschauen, was schön ist. Ich glaube, es gibt keine andere Möglichkeit als zu schauen, dass andere Leute an die Schaltstellen kommen.

Wolfgang "wowo" Wortmann: Ich glaube, wenn wir jetzt wieder da hoch kommen, dann entsteht da wieder eine andere Welt, und das ist eigentlich das, was wir leisten können in dieser Woche dieses Parallel-Universum, das bieten wir an und kreieren wir, und das kann was bewirken. Ich glaube nicht, dass wir die Welt damit friedlicher machen insgesamt, aber wir machen einige Menschen friedlicher.

Norbert "Mini" Geier: Es ist immerhin ein guter Anfang! Bei einigen Leuten diese Idee des anderen Zusammenlebens, des friedlichen Zusammenlebens , ja, bewusst zu machen! Ich denke, dass ist ein ganz gutes Beispiel für ganz viele Leute, die ganz bürgerlich sind oder von einer ganz anderen Ecke kommen – hoch zum Herzberg, zum ersten Mal, die sind nach paar Tagen geflashed, die sind verwandelt, die lernen auf einmal was ganz, ganz anderes, und kommen nach Hause und sagen: Ich weiß gar nicht, wo ich war, das war so toll! Rechtsanwälte, alle möglichen Leute haben uns das schon bestätigt, die aus einer ganz bürgerlichen Ecke kommen. Das ist ja nicht zu glauben, was ihr da macht!

Gunther Lorz: Ihr habt mein Leben verändert, diesen Satz – den kennen wir!

Wolfgang "wowo" Wortmann: Es gibt so ne schöne Geschichte von einem Typen – das war 2012 -, die mich so ein bisschen berührt hat, und zwar ist der gekommen – da war oben alles matschig auf der Fläche – kam da mit seinem Auto an, hatte Slipper an, weiße Socken, ein ganz normaler Typ, der ein Hotel hatte in Alsfeld, der gesagt hat: Ich fahr jetzt jeden Tag da hin und guck mir das an, oben an die Kasse eins – keiner hat mit ihm geredet, weil da wurde nicht mehr geredet, da wurde nur noch eine Kette angehängt vorne an das Auto, der wurde auf den Acker geschoben, und die Kette wurde wieder abgemacht. Das Auto ist eingesunken, er ist ausgestiegen, hat sich seine Schuhe versaut und kam runter ins Büro, um sich zu beschweren und hat gesagt, das ging doch nicht, er hätte ein Hotel in Alsfeld, er kommt nicht mehr weg. Ich konnte auch nicht richtig mit ihm unterhalten, ich habe nur zu ihm gesagt: Alter, ich gebe dir einen Tipp: Du bleibst einfach hier, du suchst dir irgendwo was zum Pennen, und am Montag fährst du wieder. Und am Sonntag, spät in der Nacht von Sonntag auf Montag, treffe ich ihn – nur noch Unterhose an, Beine vollgesaut, mittendrin, und er kommt auf mich zu, umarmt mich und sagt: Die beste Entscheidung meines Lebens!

Sofia Pfeffer: Als ich letztes Jahr zum ersten Mal dabei war als Veranstalterin habe ich das auch gemerkt: Es ist eine völlig andere Welt, und man vergisst irgendwie alles um einen herum. Das fördert vielleicht auch ein bisschen den Frieden, wenn man mal ein bisschen abschalten kann vom Alltag.

Norbert "Mini" Geier: Der Umgangstakt der Leute untereinander ist so sensationell – das kriege ich jedes Jahr von der Polizei und allen möglichen Leuten bestätigt – es gibt kein Fest, dass so groß ist, was so wenig an Gewalt auslöst: wenn da jemand einen anrempelt, dann heißt es: entschuldige bitte, tut mir leid. Und wenn jemand nicht mehr kann, dann wird ihm geholfen. Und diese Fürsorge untereinander und diese Rücksicht, auch ausgelöst durch die vielen Kinder, das bringt eine ganz besondere Stimmung auf den Berg.

Kraftfeld hat das einer genannt…

Norbert "Mini" Geier: Ja, da gibt’s ja viele. Einer sagt: Da droben ist ein Schamane, der sorgt gerade dafür, dass die Wolke da rüber zieht, Ich hab ihn gesehen, der ist am Arbeiten und das wird für bare Münze genommen und auch geglaubt – das ist dann wahr!

Genauso wahr wie der magische Moment 2004, als tausende Hippies auf dem Herzberg auf den Star warteten.

Norbert "Mini" Geier: Der sensationelle Stromausfall, als Eric Burdon spielen wollte und der Generator auf einmal kaputt war – wo dann mehrere Stunden in der Nacht Pause war, und wir mussten aufhören zu verkaufen, weil kein Licht mehr da war – bis dann sechs Stunden später ein Generator da war und Eric Burdon im Morgengrauen auf die Bühne ging.

Sendung: hr-fernsehen, "hessenschau", "50 Jahre Burg Herzberg Festival", 21.-27.07.2018