Symbolbild: Muslimisches Grab auf einem Friedhof

Begräbnisse ohne Sarg sind seit 2013 in Hessen erlaubt, dennoch lassen sich verhältnismäßig wenige Muslime im Leichentuch bestatten. Dafür gibt es durchaus Gründe.

Auf dem Neuen Friedhof in Gießen reiht sich ein Grab an das andere: Muslime, Christen, Atheisten und Juden werden hier beerdigt. Seit den 1990er Jahren gibt es ein eigenes Grabfeld für Muslime - ausgerichtet nach Osten. Muslime können so nach islamischem Ritus mit Blick gen Mekka ihre letzte Ruhestätte finden.

Was nicht zu sehen ist: Manche der hier Beerdigten sind nicht in einem Sarg, sondern in einem Leichentuch bestattet. Denn nicht nur die Ausrichtung gen Mekka spielt in der gelebten islamischen Kultur und Religion eine große Rolle, sondern auch das Begräbnis ohne Sarg.

Sarglose Bestattungen seit 2013 möglich

Sarglos auf hessischen Friedhöfen beerdigt werden - das ist grundsätzlich seit März 2013 möglich. Mit Änderung des Hessischen Friedhofs- und Bestattungsgesetzes ist es Gemeindevorständen nun möglich, aus religiösen Gründen eine sarglose Bestattung zu genehmigen, mit voriger Anhörung des zuständigen Gesundheitsamtes.

Während einige Städte in Hessen wie Rüsselsheim bereits noch im gleichen Jahr die kommunale Friedhofssatzung umschrieben und den Weg für eine Bestattung im Leichentuch ebneten, folgten andere hessische Städte wie Offenbach und Bad Homburg erst im Jahr 2016.

Doch ist ein enormer Aufschwung in der Nachfrage wider Erwarten vorerst ausgeblieben, wie eine hessenschau.de -Umfrage unter großen hessischen Kommunen zeigt.

Nachfrage niedriger als erwartet

Diese Entwicklung zeigt sich auch in Gießen. "Sarglose Bestattungen sind seit der Gesetzesänderung im Jahr 2013 möglich, werden jedoch nur selten nachgefragt. Der anfangs allgemein erwartete Boom ist ausgeblieben", sagt Claudia Boje von der Stadt.

Eine Statistik über sarglose Bestattungen werde nicht geführt. Schätzungsweise finde maximal ein Viertel der islamischen Bestattungen als Leichentuch-Begräbnis statt.

In Fulda bislang noch kein Antrag

Ähnliches zeigt sich auch in anderen größeren Kommunen Hessens. Zwar sind alle Städte auf eine sarglose Bestattung vorbereitet, die Nachfrage hält sich bisher dennoch in Grenzen. Während in Frankfurt zwischen Januar und Dezember 104 muslimische Beerdigungen stattfanden, gab es insgesamt seit der Ermöglichung eines sarglosen Begräbnisses im Jahr 2014 erst 212 sarglose Bestattungen.

Zur Einordnung: Insgesamt hat es in diesem Jahr bis Anfang Dezember 3.929 Erd- und Urnenbestattungen auf allen Frankfurter Friedhöfen gegeben.

So sieht die Nachfrage in anderen Kommunen Hessens aus:

  • Wiesbaden: 2019 hat es in der Landeshauptstadt bisher 15 Bestattungen nach islamischem Ritus gegeben, zwei davon im Leichentuch.
  • Offenbach: 10 bis 15 Bestattungen finden laut Stadt im Jahr ohne Sarg statt. 2019 wurden bis Dezember insgesamt 34 muslimische Bürger bestattet - im Sarg und im Leichentuch.
  • Darmstadt: 2019 fanden bis Dezember 24 islamische Begräbnisse statt. Seitdem sarglose Bestattungen im Jahr 2013 möglich sind, hat es davon jedoch nur 33 gegeben.
  • Kassel: Schätzungsweise gibt es laut Stadt fünf sarglose Beerdigungen pro Jahr. Zwischen Januar und Dezember wurden 43 islamische Beerdigungen vorgenommen.
  • Hanau: Jede zweite islamische Bestattung sei in Hanau ein Begräbnis im Leichentuch. Insgesamt habe es in der Stadt 2019 bis Dezember 18 islamische Beerdigungen gegeben.
  • Fulda: Bislang wurde noch kein Antrag auf eine sarglose Bestattung gestellt. Islamische Begräbnisse gebe es in Fulda dennoch: Im Jahr 2019 bis Dezember waren es insgesamt neun.

Noch viele Überführungen ins Ausland

Warum sind die Zahlen so gering? Said Barkan, Landesverbandsvorsitzender Hessens des Zentralrats für Muslime in Deutschland, hat folgende Erklärung: "Viele der ersten Generation gehen von uns. Diese sind sehr stark mit ihren jeweiligen Heimaten und sogar Dörfern verbunden. Sie wünschen sich in aller Regel eine Beisetzung in ihrer Heimat."

Dieser Wunsch sei wohl auch noch bei Muslimen in der zweiten Generation von Menschen mit Migrationshintergrund stark vorhanden: "Vermutlich wird sich dies bei der dritten Generation, für die dann die vierte Generation die Verantwortung der Beisetzung übernehmen wird, überwiegend anders darstellen und die Beisetzungen hier in Hessen die Regel sein."

Ein weiterer Punkt: Nicht alle Muslime lassen sich rituell-islamisch beerdigen.

Gießen plant weitere muslimische Grabstätten

Barkan vermutet, dass die Zahlen muslimischer Bestattungen und insbesondere die Nachfrage nach sarglosen Begräbnissen in Hessen zukünftig steigen werden. Davon gehen auch die Städte aus.

Die Stadt Gießen plant bereits eine Erweiterung des muslimischen Grabfelds auf dem Neuen Friedhof. In drei bis vier Jahren können Verstorbene, egal ob im Sarg oder im Tuch, dann auch dort ihre letzte Ruhestätte finden.