Geld kostet Geld: Als vor etwa fünf Jahren die ersten Banken von ihren Kunden Strafzinsen auf Guthaben gefordert haben, war das ein Tabubruch. Mittlerweile kassieren immer mehr Geldhäuser ab, auch in Hessen.

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Audioseite Banken geben Strafzinsen immer häufiger an Kleinsparer weiter

Ein Bündel Geldscheine liegt in einem Sparbuch
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In Deutschland verlangen mittlerweile knapp 370 Banken und Sparkassen von Privatkunden Strafzinsen, hat das Zinsportal Biallo ermittelt. Diese Strafzinsen, auch Minus- oder Negativzinsen genannt, berechnen die Geldhäuser vor allem für Guthaben auf Girokonten und oft auf Tagesgeldkonten, im Schnitt minus 0,5 Prozent. "Da sind gerade seit Beginn dieses Jahres etliche Banken dazu gekommen", stellt Biallo-Chefredakteur Sebastian Schick fest.

34 dieser Institute stammen aus Hessen. Dazu zählen große Häuser wie die Deutsche Bank und die Commerzbank und Direktbanken wie die ING. Aber auch viele Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind dabei, etwa die Frankfurter Sparkasse, die nassauische Sparkasse und die Volksbank Mittelhessen.

Domino-Effekt in der Bankenbranche

Mit diesen Strafzinsen geben die Banken eigenen Kosten an ihre Kunden weiter: Die Banken zahlen nämlich selbst solche Zinsen an die Europäische Zentralbank, wenn sie dort das überschüssige Geld ihrer Kunden parken. Allein im vergangenen Jahr wurden so laut Bundesbank insgesamt 2,7 Milliarden Euro fällig.

Die Kunden ihrerseits versuchen, die Kosten abzuwenden. Vor allem wohlhabende Kunden würden ihre Millionen immer häufiger zu Banken umschichten, die keine Strafzinsen verlangen, berichtet Denis Vollmer, Pressesprecher der Volksbank Mittelhessen. Geld, das man aber gar nicht haben wolle. Deshalb sehe man sich dazu gezwungen, selbst Strafzinsen einzuführen, obwohl man es nicht vorhatte. Das führt zu einem Domino-Effekt, ein Geldinstitut nach dem anderen zieht nach.

Die Freibeträge sinken zunehmend

Die Strafzinsen wurden zunächst erst bei hohen Summen über 500.000 Euro fällig. Doch mittlerweile sinken die Freibeträge, auf im Schnitt 100.000 Euro. Die Frankfurter Sparkasse etwa berechnet Minuszinsen bei ihrer Onlinetochter 1822direkt schon für Guthaben oberhalb von 50.000 Euro. Bisher seien von den insgesamt 800.000 Kunden etwa 40.000 betroffen. Wie viele es insgesamt in Hessen sind, ist offen.

Manche hessische Bank kassiert sogar ab 10.000 Euro auf dem Girokonto ab, etwa die Raiffeisenbank Biebergrund-Petersberg. "Das ist für den Ottonormalverbraucher ausreichend und zum Sparen sind Girokonten eigentlich nicht gedacht", erklärt Vorstand Hubertus Semmler. Man berate Kunden, wie sie das Geld anderweitig anlegen könnten, etwa auf dem Tagesgeldkonto, wo höhere Freibeträge gelten.

Banken knöpfen sich auch Bestandskunden vor

Minuszinsen können Banken von Kunden verlangen, die dort ein Konto neu eröffnen, von Bestandskunden aber nicht, wenn es in den bestehenden Verträgen nicht vorgesehen ist. Allerdings erlebt Katharina Lawrence von der Verbraucherzentrale Hessen immer häufiger, dass Banken diese etwa bei Filialbesuchen dazu auffordern, entsprechende Zusatzvereinbarungen zu unterschreiben und damit ebenfalls Strafzinsen zu akzeptieren. "In einem Fall sollte eine Kundin die sogar ab dem ersten Euro auf dem Girokonto zahlen", so Lawrence.

Wenn Kunden sich weigern, ist es in anderen Bundesländern bereits vorgekommen, dass Geldhäuser ihnen mit einer Kündigung drohen oder tatsächlich kündigen. Das ist erlaubt. In Hessen sind solche Fälle bislang nicht bekannt.

Strafzinsen Thema vor Gericht

Ob Strafzinsen wirklich zulässig sind, bleibt noch zu klären. Denn eigentlich verlangen Banken bereits Kontoführungsgebühren, damit dürften Dienstleistungen wie das Verwahren von Geld mit abgedeckt sein, argumentiert Verbraucherschützerin Lawrence. "Insofern wird hier für ein und dieselbe Sache zwei Mal Geld verlangt und das darf eigentlich nicht sein."

Genau darum geht es bei einem Verfahren vor dem Landgericht Leipzig, in den nächsten Monaten wird ein Urteil erwartet. Das dürften vermutlich auch Banker und Bankkunden aus Hessen mit Spannung erwarten.

Sendung: hr-iNFO, 08.04.2021, 14.47 Uhr