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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Nach Listerien-Fund in Mittelhessen: Wohin wurde Fleisch geliefert?

Ahle Worscht

Nach einem Listerienfund im Lahn-Dill-Kreis ist eine Schlachterei vorübergehend geschlossen worden. Jetzt geht die Suche los: Wo könnte das keimbelastete Fleisch gelandet sein? Der Betrieb hat dutzende Metzger beliefert.

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Update: Schlachtbetrieb läuft wieder

Die Schlachterei hat ihren Betrieb inzwischen wieder aufgenommen. Proben, die nach der Reinigung und Desinfizierung des Betriebs entnommen wurden, seien negativ, teilte der Lahn-Dill-Kreis am Donnerstag mit. Man werde in den nächsten Wochen Rohwürste und Rohpökelwaren weiter untersuchen. Dieser Bericht wird nicht mehr aktualisiert.

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Ein Schlacht- und Zerlegebetrieb im mittelhessischen Dillenburg-Manderbach ist nach einem Listerienfund vorübergehend geschlossen worden. Anders als im Wilke-Skandal konnten bisher keine Listeriose-Erkrankungen oder gar Todesfälle mit dem jetzigen Fund in Verbindung gebracht werden. Doch die Behörden prüfen nun, in welcher Form möglicherweise belastetes Fleisch in Umlauf gekommen ist.

Fest steht: Der Schlachter aus dem Lahn-Dill-Kreis hat 39 Unternehmen in der Region mit Fleisch beliefert, darunter hauptsächlich Metzger, aber auch einen Supermarkt und vier Gastronomiebetriebe. Das Veterinäramt entdeckte die Keimbelastung, nachdem ein Metzger im nordrhein-westfälischen Siegen-Wittgenstein Listerien bei einer Eigenkontrolle gefunden hatte. Die Spur führte zurück zum Dillenburger Unternehmen.

Wieso dauerte es zwei Wochen vom Fund bis zur Schließung?

Von der Alarmierung durch den Metzger am 19. November hin zum Ortstermin und zur Beprobung und schließlich zur Schließung des Unternehmens am vergangenen Freitag zogen jedoch fast zwei Wochen ins Land. Das Veterinäramt begründet das damit, dass man zunächst einen Termin mit dem Landeslabor habe ausmachen müssen, das die Ergebnisse der Proben liefert. Außerdem habe man sich "kaum vorstellen können", dass der betreffende Schlachter Auslöser für den Listerienfund sein könnte, so Veterinäramtsleiter Giuseppe Bosco.

Denn: Der Betrieb genieße einen guten Ruf und sei "kein Ekelbetrieb", so der Veterinäramtsleiter. Der Schlachter habe bisher sogar freiwillig seine Produkte auf Listerien getestet – dabei sei noch nie etwas gefunden worden. Nachdem am Freitag die Untersuchungergebnisse aus dem Landeslabor vorgelegen hatten, sei der Betrieb sofort geschlossen und von Grund auf gereinigt worden.

Erst wenn die neuen Untersuchungsergebnisse Ende der Woche vorliegen und keine erhöhte Keimbelastung mehr festgestellt wird, kann der Schlachtbetrieb weitergehen.

Warum wird der Name des Unternehmens nicht genannt?

Das Veterinäramt will den Namen des Unternehmens nicht nennen und betont, dass die Auswirkungen des Falls nicht vergleichbar seien mit denen des Wilke-Skandals. Mit dem Betrieb aus Twistetal werden drei Todes- und 37 Krankheitsfälle in Verbindung gebracht. In ihrem Wilke-Abschlussbericht wirft Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Grüne) dem zuständigen Landkreis schwere Versäumnisse vor.

Im Falle des Dillenburger Unternehmens liegt die Sache anders. Der Betrieb habe "vollumfänglich mitgewirkt und damit die Arbeit unserer Behörde unterstützt", sagte Landrat Wolfgang Schuster (SPD).

Das Unternehmen habe laut Veterinäramt nur knapp über 1.000 "Großvieheinheiten" geschlachtet und zerlegt. Das entspricht jeweils 500 Kilogramm Lebendgewicht, also etwa einem ausgewachsenen Rind. Damit handle es sich um einen "eher kleinen Betrieb", so das Veterinäramt. Das Unternehmen ist offenbar regional gut vernetzt und auch in eine mit Landesmitteln unterstützte Initiative zur Förderung regionaler Wertschöpfungsketten eingebunden, die unter anderem das Ziel hat, die Weiterproduktion der Ahlen Worscht sicherzustellen.

Wo ist das belastete Fleisch gelandet?

Momentan gibt es keinen Produktrückruf, weil der Schlachter keine eigene Wurst hergestellt oder direkt vermarktet hat - und darüber hinaus noch unklar ist, ob überhaupt belastetet Fleisch in den Verkauf gelangt ist.

Deshalb geht nun die Suche danach los, wohin der Schlachter möglicherweise keimbelastetes Fleisch geliefert hat. Die weiterverarbeitenden Betriebe wurden zunächst einzeln kontaktiert und müssen nun beprobt werden – das kann laut Veterinäramt dauern, außerdem müssen nun die Behörden in mehreren Kreisen aktiv werden.

Laut Veterinäramt sind hessische Unternehmen in den Kreisen Lahn-Dill, Vogelsberg, Limburg-Weilburg, Marburg-Biedenkopf und Schwalm-Eder betroffen. Weil Manderbach direkt an der Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen liegt, sind auch die Unternehmen in Altenkirchen und Siegen-Wittgenstein betroffen. Die Verantwortung trägt überall des jeweilige Veterinäramt.

Wie häufig treten Listerien auf?

Seit Juli sind auf lebensmittelwarnung.de sieben öffentliche Listerien-Warnungen in Deutschland gelistet worden, darunter auch der Wilke-Rückruf. Öffentliche Produktrückrufe gibt es jedoch erst dann, wenn für die Behörden die Möglichkeit besteht, dass die verunreinigten Lebensmittel auch tatsächlich über die Ladentheke gewandert sind.

Wie häufig es darüber hinaus zu Listerienfunden kommt, darüber existieren keine landesweiten Daten. Das Hessische Umweltministerium teilte auf Anfrage mit, dass diese Befunde lediglich den einzelnen Kreisen vorlägen und nicht hessenweit erfasst würden.

Auch beim RP erhält man keine genauen Zahlen. Pressesprecher Christoph Süß erklärt, das Problem von Listerienbelastung an sich sei kein neues. Man sei derzeit aber "sensibler" dafür geworden. Relativ neu sei außerdem, dass man die Keimstämme durch neue Methoden nun so gut zu ihrer Quelle zurückverfolgen und Krankheitsfälle mit konkreten Unternehmen in Verbindung bringen könne.

Wann schaltet sich die Taskforce Lebensmittelsicherheit ein?

Für die Lebensmittelkontrollen sind grundsätzlich die einzelnen Landkreise zuständig. Die Kreise können zur Unterstützung bei der Aufklärung von lebensmittelbedingten Krankheitsausbrüchen eine formelle Anfrage bei der sogenannten Taskforce am Regierungspräsidium (RP) Darmstadt stellen.

Im Falle großer und kreisübergreifender Infektionsgeschehen koordiniert die Taskforce im Auftrag des Hessischen Verbraucherschutzministeriums die an der Aufklärung beteiligten Behörden, führt Ermittlungsergebnisse zusammen und wertet sie aus.

Was fordern Verbraucherschützer?

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch kritisiert, dass Verbraucher derzeit unzureichend über mögliche Belastungen bei Lebensmitteln informiert würden. Das liege auch an dem komplizierten System an behördlichen Verflechtungen bei der Lebensmittelüberwachung, erklärt Foodwatch-Sprecher Dario Sarmadi. Er sagt, dass derzeit bis zu 400 Behörden in die Aufklärung von Lebensmittelskandalen involviert seien. Foodwatch fordert deshalb eine unabhängige Kontrollbehörde auf Landesebene.

"Momentan liegt die Hauptverantwortung bei den Landkreisen, aber das Problem ist, dass Lebensmittel ja oft weit über die Kreisgrenzen hinaus geliefert werden", so Sarmadi. Außerdem stünden Landkreise vor potenziellen Interessenkonflikten, weil sie genau schauen müssten, was überwiegt: der Schutz der Verbraucher vor einer möglichen Belastung oder das wirtschaftliche Überleben eines lokalen Unternehmens.

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Das sind Listerien

Listerien sind stäbchenförmige Baktieren, die überall in der Umwelt vorkommen, aber sich besonders auf Lebensmitteln tierischen Ursprungs vermehren können. Bei starker Erhitzung sterben sie ab, doch beim Verzehr von rohen Produkten wie Salami, Räucherlachs oder Weichkäse können sie die Krankheit Listeriose verursachen. Die ist besonders für Schwangere und immungeschwächte Menschen gefährlich. Die Lebensmittel können beim Schlachten oder Melken verunreinigt werden oder auch bei der Weitervarbeitung durch mangelnde Hygiene in Räumen, auf Gerätschaften oder beim Personal. Erst wenn ein gewisser Grenzwert überschritten wird, greifen die Behörden ein. Fleischverarbeitende Betriebe wie Metzger müssen regelmäßig Eigenproben nehmen, Schlacht- und Zerlegebetriebe jedoch nicht. Nach einem Fund werden die entsprechenden Unternehmen zunächst grundgereinigt, bei groben Hygieneverstößen wird möglicherweise ein Bußgeld verhängt.

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