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zum Video Eröffnung Flugplatz Kassel-Calden vor 50 Jahren

hessenschu vom 11.07.2020

Im Sommer 1970 feierte der Verkehrslandeplatz in Calden seine Eröffnung. Heute kämpft der Standort mit Defiziten in Millionenhöhe und niedrigen Passagierzahlen. Ein Blick auf die Geschichte des Flugplatzes und seines umstrittenen Aufstiegs zum Regionalflughafen.

Manch einer mag es kaum glauben, doch der Flughafen in Calden (Kassel) feiert an diesem Samstag sein 50-jähriges Jubiläum. Denn die Ursprünge des heutigen Kassel Airport reichen zurück bis in den Sommer 1970: Am 11. Juli wurde der damalige Verkehrslandeplatz eingeweiht.

Nach nur einem Jahr Bauzeit und Kosten in Höhe von 22 Millionen Mark konnten die ersten Linienmaschinen starten. Vorerst blieb es bei innerdeutschen Zielen: München, Frankfurt, Düsseldorf. Gut zwanzig Jahre später, Anfang der 1990er Jahre, standen dann auch Verbindungen zu internationalen Ferienzielen auf dem Flugplan.

Schwierigkeiten schon in den Anfangsjahren

Der heutige Geschäftsführer des Kassel Airport, Lars Ernst, spricht anlässlich des runden Jubiläums von einer "sehr interessanten und spannenden Vergangenheit". Seit Jahren steht der defizitäre Flughafen in der Kritik. Der Blick in die Geschichte zeigt: Schon damals lief am Verkehrslandeplatz Calden nicht alles glatt. Wenige Jahre nach der Eröffnung sorgten fehlende Sicherheitssysteme für Probleme, die Landebahn war mit ihren 1.500 Metern zu kurz für größere Jets.

"Man hat dann auch gemerkt, dass die Rahmenbedingungen und die Anforderungen an einen Flughafen immer höher geworden sind und die damalige Infrastruktur diesen Anforderungen nicht mehr gerecht werden konnte", erklärt Ernst. Deswegen fiel im Jahr 1999 die Entscheidung, einen neuen Flughafen in Calden zu bauen. Während die Planungen anliefen, startete im Jahr 2002 eine Durststrecke für den bestehenden Flughafen. Der internationale touristische Flugbetrieb wurde eingestellt – und er blieb es, bis der neue Kassel Airport 2013 eröffnete.

Jahrelanger Widerstand blieb erfolglos

Von Anfang an formierte sich Widerstand gegen den Ausbau des Flugplatzes zum Regionalflughafen, an dem das Land Hessen mit 68 Prozent den größten Anteil hält. Neben den hohen Kosten befürchteten die Gegner vor allem eine Belastung für Mensch und Natur. Umstritten war auch, ob es in der Region überhaupt einen Bedarf dafür gab: Nur 80 Kilometer entfernt liegt der Flughafen Paderborn-Lippstadt, der ebenfalls internationale Ziele im Portfolio hat.

Die Ausbaugegner versuchten sich vor Gericht gegen den Ausbau zu wehren, doch aller Widerstand half am Ende nichts. Vierzehn Jahre lang wurde in Calden geplant und gebaut, die Kosten für den neuen Flughafen stiegen im Laufe der Zeit auf über 280 Millionen Euro.

Passagierzahlen weit unter Erwartungen

Bis heute reißt die Kritik am Kassel Airport nicht ab: Die Passagierzahlen sind niedrig, die Zuschüsse liegen in Millionenhöhe. Vor der Eröffnung hatte die Landesregierung auf mehr als 250.000 Passagiere pro Jahr gehofft. Doch selbst im bisherigen Spitzenjahr 2018 waren es gerade mal halb so viele, in den Jahren zuvor blieb die Zahl bei maximal 70.000. Zum Vergleich: Der nahegelegenen Flughafen Paderborn-Lippstadt zählte 2018 rund 736.000 Fluggäste. In manch einem Winter hob aus Kassel kein einziger Linienflieger ab, selbst in den Sommermonaten gibt es selten mehr als ein Dutzend internationale Verbindungen pro Woche.

Bei der kommerziellen Luftfahrt hinke man hinter den Erwartungen hinterher, gibt Flughafen-Chef Ernst zu. "Dann haben wir aber auch noch den Bereich der allgemeinen Luftfahrt, das ist auch ein wesentliches Standbein von uns. Da geht es um die Businessfliegerei, die Sport- und die Ausbildungsfliegerei." Daneben gebe es ein Industrie- und Gewerbegebiet mit vielen Arbeitsplätzen und nahmhaften ansässigen Unternehmen.

"Fass ohne Boden für den Steuerzahler"

Für den Bund der Steuerzahler Hessen ist und bleibt das Projekt bis heute ein "Fass ohne Boden" und eine Fehlentscheidung, wie es der Vorsitzende Joachim Papendick formuliert. "Man hätte die Warnungen ernstnehmen müssen. Es gab einfach keinen ausreichenden Bedarf für dieses Projekt, und man hätte es stoppen müssen." In den vergangenen Jahren musste das Land zum Teil mehr als sieben Millionen Euro beisteuern, um das Defizit des Flughafens auzugleichen.

Die hohen Verluste und die Frage nach Entwicklungsperspektiven standen 2017 im Fokus einer Evaluierung durch die Landesregierung. Die Bewertung sollte zeigen, ob es Chancen für den Regionalflughafen gibt – oder ihm die Rückstufung zu einem Verkehrslandeplatz droht. Das Fazit: Der Kassel Airport erfülle zwar nicht alle Erwartungen, aber er erfülle die Vorgaben zur Reduzierung der Gesamtbelastung für den hessischen Steuerzahler, so der damalige Finanzminister Thomas Schäfer (CDU). Sprich: Im Vergleich zum Jahr 2014 mit einem Defizit von 9,8 Millionen Euro hatten die Verluste abgenommen. Außerdem habe der Flughafen der Region wirtschaftlich viel gebracht.

Vorwürfe wegen Untreue, Vergabeverstöße, Baumängel

Neben den großen, strukturellen Problemen ereilten den Kassel Airport noch weitere Schwierigkeiten. Im Jahr 2016 ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen den damaligen Geschäftsführer Ralf Schustereder. Der Vorwurf: Er habe seinen Posten genutzt, um einer Freundin Vorteile bei der Einreise zu verschaffen. Auch die unzulässige Abrechnung von Reisekosten über den Flughafen stand im Raum. Die Ermittlungen wurden eingestellt.

Ebenfalls 2016 hatte der Landesrechnungshof schwere Verstöße bei der Vergabe von Aufträgen für den Umbau angemahnt. Um europaweite Ausschreibungen zu umgehen, seien Aufträge gestückelt worden. Zudem seien Bieter ohne Begründung ausgeschlossen und verbotene Nachverhandlungen geführt worden. Das Finanzministerium räumte Vergabefehler in drei Fällen ein, dabei soll es um ein Volumen von 1,9 Millionen Euro gegangen sein.

Zusätzlich sorgten auch noch Baumängel für Probleme: Nur dreieinhalb Jahre nach der Eröffnung zeigten tragende Holzteile tiefe Risse. Eine Gefahr bestand laut einer Sprecherin nicht, die Halle musste bis zum Beginn der Sanierungsarbeiten vorsorglich mit Stützen gesichert werden.

Kassel Calden Holzdecke

Blick in die Zukunft

Trotz der Kritik und roter Zahlen ist Lars Ernst von der Wichtigkeit des Flughafens überzeugt. "Kassel ist eine aufstrebende Stadt, die modern wird und am internationalen Leben teilhaben will. Und dazu gehört meiner Meinung nach auch ein internationaler Verkehrsflughafen." Monetär bewerten lasse sich das nicht, aber es sei wichtig für das Selbstverständnis der Region.

Eine Prognose für die nächsten 50 Jahre mag er nicht abgeben, einen Blick in die nähere Zukunft wagt Ernst aber: "Wir wollen im nächsten Jahr den touristischen Bereich wieder kräftigen und auf ein gewisses Niveau zurückführen, um in den Folgejahren eine Steigerung in dem Bereich vorzunehmen." Abhängig sei das natürlich von der Entwicklung der Corona-Pandemie.

Der Fokus liegt laut Ernst noch auf einem anderen Projekt: Die Start- und Landebahn des ursprünglichen Flughafens soll zum Gewerbegebiet umgewandelt werden und "luftfahrtaffine" Unternehmen anziehen. Mit Blick auf die Pläne mahnt der Bund der Steuerzahler Hessen zur sorgfältigen Prüfung: "Das muss entschieden werden auf Grundlage von realistischen Annahmen. Ich hoffe, dass man sich nicht wieder wie beim Neubau des Flughafens von Wunschdenken leiten lässt", sagt Joachim Papendick.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 11.07.2020, 19.30 Uhr