Foto von Fahrradfahrerinnen und Radfahrern verschmolzen mit grafischen Elementen der Auswertungsdiagramme.

Baunatal ist Klassenprimus, Frankfurt hat seine Hausaufgaben gemacht, Wiesbaden sorgt im ADFC-Fahrradklima-Test für eine echte Überraschung. Ein Überblick über Hessens Fahrradstädte - und die, die es noch werden wollen.

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hsk
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Die aktuellen Zahlen präsentierte der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) am Dienstag. Für den Fahrradklima-Test 2020 sind im vergangenen Herbst insgesamt mehr als 225.000 Menschen bundesweit befragt worden. Dabei wurden 1.024 Städte und Gemeinden in verschiedenen Größenklassen bewertet, 109 davon in Hessen.

Baunatal, der kleine Riese

In Sachen Radfahrerfreundlichkeit ist Baunatal (Kassel) bei den Städten bis 50.000 Einwohnern unschlagbar. Hessen- und bundesweit belegt Baunatal den ersten Platz unter 415 Städten seiner Kategorie.

Grafische Verortung der Städte nach Fahrradfreundlichkeit auf einer Hessenkarte.

Baunatals Bürgermeisterin Silke Engler (SPD) weiß, warum ihre Stadt so gut abschneidet. Seit 2006 sorgt eine ehrenamtliche Rad-Projektgruppe dafür, dass Lücken im Verkehrsnetz geschlossen, Radwege saniert, Feldwege befestigt und Bordsteine abgesenkt werden. Die Rad-Direktroute nach Kassel, mit Unterführung am Bahnhof, ist auf Baunataler Seite fertig. Für diese Maßnahmen nutzte die Stadt auch Fördermittel vom Land für Nahmobilität. Durch den ansässigen Automobilhersteller VW bleibe Baunatal zwar eine Autostadt, da die meisten der rund 17.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit dem Auto führen, räumt Engler ein. Jedoch verfolge sie das Ziel: Bis 2030 sollen acht bis elf Prozent von ihnen mit dem Fahrrad fahren.

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Was ist der Fahrradklima-Test?

Der Fahrradklima-Test ist laut ADFC die weltweit größte Befragung zum Radfahrklima. Die Umfrage wurde im Herbst 2020 zum neunten Mal durchgeführt. Radfahrer bewerteten folgende Kategorien: Fahrrad- und Verkehrsklima, Stellenwert des Radverkehrs, Sicherheit sowie Komfort beim Radfahren, Infrastruktur und Radverkehrsnetz. Dabei wurden Noten von 1 bis 6 vergeben.

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Keinen Plan und keine Verbesserung

Schlusslicht der hessischen Städte bis 50.000 Einwohner ist Bad Hersfeld. Hier ist die Verkehrsführung fahrradunfreundlicher geworden. Schmale oder gar keine Radwege an Hauptverkehrsstraßen und problematische Ampelkreuzungen seien einige der Gründe, erklärt Martin Engel, stellvertretender Vorsitzender des ADFC-Kreisverbandes Hersfeld-Rotenburg/Schwalm-Eder.

Eigentlich habe Bad Hersfeld 2015 auch ein Radverkehrskonzept in Auftrag gegeben. Das sei allerdings auch nur eine Bestandsaufnahme gewesen, sagt Engel: "Also keine Umsetzungsplanung, keine Maßnahmen-Priorisierung. Da sind viele kleine Mängel schon benannt worden und die schlummern alle seit Jahren unerledigt vor sich hin. Man weiß es eigentlich, aber man sieht keine Veränderung."

Stets bemüht - Marburg überholt Rüsselsheim

Bei den Städten bis 100.000 Einwohnern hat Marburg sich auf den ersten Platz hochgestrampelt. Hier haben sich seit 2016 vor allem die Punkte Infrastruktur und Ampelschaltung verbessert. Das betrifft beispielsweise die Fahrradzone im Campusviertel, die seit Ende vorigen Jahres besteht und durch große Piktogramme auf dem Asphalt und Schilder gekennzeichnet ist. Autos dürfen hier zwar noch fahren, Fahrräder haben allerdings Vorfahrt und bestimmen die Geschwindigkeit.

Die Verbesserung im Punkt Ampelschaltung kommt wohl durch die App Si-Bike, mit der man sich an manchen Ampeln eine grüne Welle verschaffen kann. Sogar eine Eins vor dem Komma in der Tabelle des ADFC gab es für die öffentlichen Fahrräder. Hier hat Marburg die blau-weißen Stadträder von Nextbike aufgestockt und bietet allen Radfahrern 30 Minuten kostenlos an. Für die Top Ten auf Bundesebene (Platz 14 von 110) hat das alles noch nicht gereicht, aber für den ersten Platz in der eigenen Kategorie der Landeswertung.

Vom letzten Platz in die Top 10 - Wiesbaden holt auf

Sehr viel Veränderung gibt es in Wiesbaden. Die Landeshauptstadt ist in diesem Jahr so etwas wie der Underdog. Vom letzten Platz der Kategorie bis 500.000 Einwohner hat man es jetzt bundesweit auf Rang 7 (von 26) geschafft. Lobenswert, aber trotzdem ausbaufähig, sagt Dirk Vielmeyer von der Bürgerinitiative Fahrrad-Botschaft. Dass sich jetzt etwas tue, das sei vor allem dem Wiesbadener Verkehrsdezernenten Andreas Kowol (Grüne) zu verdanken. Endlich werde das Fahrradnetz weiter vervollständigt und sei bereits um Welten besser als vor ein paar Jahren.

Lobend hebt Vielmeyer die vielen neuen Fahrradabstellplätze und die Umweltspur hervor. Diese sei für Fahrräder gedacht und dürfe auch von Linienbussen genutzt werden. Das sei der Kompromiss, um trotz Platzmangels alle Verkehrsteilnehmer zu berücksichtigen. Verbessern müsse sich vor allem die Stimmung auf der Straße, also der Umgang zwischen Auto- und Radfahrern. Die meisten Menschen würden ja ohnehin viele Verkehrsmittel nutzen. "Ich freue mich aber, dass wir jetzt Aufholer sind", sagt Vielmeyer.

Grafische Auflistung der Städte nach Fahrradfreundlichkeit im Bundesvergleich.

Frankfurt bundesweit auf Platz 3

Als einzige Großstadt Hessens in ihrer Kategorie ist es für Frankfurt zugegebenermaßen nicht sehr schwer, regional den ersten Platz zu machen. Bundesweit schafft Frankfurt es allerdings auch aufs Treppchen - hinter Bremen und Hannover. Eine große Bestätigung für Verkehrsdezernent und Stadtrat Klaus Oesterling (SPD): "Wir haben ja nicht nur die Wege gemacht, sondern letztes Jahr auch 4.800 Fahrradständer aufgestellt und Kreuzungen sicherer gestaltet." Über 20 Kilometer neue Fahrradwege wurden angelegt.

Für Autos bleiben beispielsweise auf der Friedberger Landstraße nur noch zwei Spuren, statt vier. Ein positiver Nebeneffekt sei, dass nun auch ein Teil der Radfahrer, die vorher auf dem Gehweg gefahren sind, jetzt auf den roten Wegen fahre. "Es bringt also auch den Fußgängern was", so Oesterling.

Dass die Gesamtbewertung trotzdem nur bei 3,72 und damit maximal befriedigend ist, könnte auf die noch vorhandenen Lücken zurückzuführen sein. Immer wieder gebe es Stellen wie zwischen Friedberger Platz und Mainufer, an denen bis zu 300 Meter Radweg fehlten, räumt Oesterling ein: "Da muss man dann einen Umweg von 200 Metern fahren, das halte ich für Quatsch."

Trend zum autofreien Stadtkern

Alexander Breit vom Radentscheid Frankfurt freut sich ebenfalls über die Fortschritte. Es seien jedoch nur erste Schritte. "Ein Tropfen auf den heißen Stein. Man braucht eigentlich ein durchgängiges Radwegenetz in der gesamten Stadt." Die bereits umgesetzten Maßnahmen müssten außerdem noch verstärkt werden. Beispielsweise an der Friedberger Landstraße. Hier gebe es nun zwar Markierungen, aber noch keine baulichen Veränderungen.

Auch aus Sicht des Verkehrsdezernenten sollen weitere Schritte folgen. Der Trend insgesamt bewege sich zum autofreien Stadtkern. Zehntausende Autos, wie beispielsweise am Eschenheimer Tor, seien allein wegen Lärm und Abgasen nicht mehr urban, sondern menschenfeindlich. Es gehe hier aber definitiv nicht um Autofeindlichkeit, betont Oesterling: "Aber hier im Stadtkern von Frankfurt, wo wir einen gut ausgebauten ÖPNV haben, wo wir entsprechende Radwege haben und die Entfernungen kurz sind, da hat das Auto nach meiner Auffassung keine Zukunft mehr."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 16.03.2021, 19.30 Uhr

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25 Kommentare

  • das große Problem, ist unser eingeschränktes Fahrnetzt, wir möchten alle eine Mobilität, ob als Fahrrad-, Autofahrer oder Fußgänger, wir möchten alle volle Geschäfte, wollen alle schnellstmögliche Lieferung frei Haus und möchten als Autofahrer ein Parkplatzt, wenn die möchtegern Grünen Autofreie Innenstädte haben wollen, würde ich Vorschlagen, alles nach aussen verlegen und die Innenstädte zu Grünanlagen zu verwandeln, nein dies ist absolutes Wunschdenken

  • Radweg am Main ist sehr holprig, ebenso der Weg zur Hohen Straße. Ein Stück wurde nicht asphaltiert.

  • Ich bitte um Sorgfalt bei der Berechnung der Ergebnissen.

    Aus meinem Wohnort gibt es vielen Punkten, die ich nicht nachvollziehen kann.
    Nach weiterer Suche im Bericht habe ich gesehen, dass die Befragung an Radfahrern gestellt wurde in September bis November 2020. Dafür haben 66 ( ! ) Leute eine Antwort gegeben.
    Für eine Stadt mit mehr als 20 000 Einwohner heißt das, eine gezielte Gruppe wurde befragt ( wie sieht mit einer ähnlichen Befragung der Autofahrer und Fußgänger zum selben Thema aus?), und aus der Meinung von 0,3 der Bevölkerung der Stadt ist ein Bericht gemacht worden, was das Bild von einer Stadt prägt.
    Und es gilt für mehrere Städte in Hessen !

    Statistisch gesehen ist es zweifelhaft, und kann nicht als repräsentativ gelten. Dafür ist es in den Medien groß geschrieben worden. Es bedarf mehr Untersuchung und Vorsicht bei der Durchführung, Berichterstattung, und Kommentierung.
    Vielen Dank

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