Landwirt Siegbert Ochsenschläger aus Biblis mit seinen Hühnern

Bundesagrarministerin Klöckner will das massenhafte Töten männlicher Küken ab 2022 verbieten. Landwirte aus Südhessen zeigen, dass sich das Aufziehen von Bruderhähnen lohnt - wenn die Verbraucher mitziehen.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bauer Ochsenschläger hat bei seinen Hühnern umgestellt und züchtet jetzt auch Hähne

Landwirt Siegbert Ochsenschläger aus Biblis mit seinen Hühnern
Ende des Audiobeitrags

Gegacker, Geflatter, Gekrähe. Für Landwirt Siegbert Ochsenschläger aus Biblis (Bergstraße) sind seine Hühner eine wahre Freude - und eben nicht nur die Hennen. Die jungen Hähne hätten nach rund fünf Monaten ihr optimales Gewicht erreicht, berichtet er. Bald kämen sie in in die hofeigene Schlachterei. Obwohl Ochsenschläger seit vielen Jahren Hühner hält, sind diese Hähne für ihn etwas Besonderes - es sind sogenannte Zweinutzungshühner.

Der Landwirt hat seine Haltung zu Hühnern geändert

Bisher hielt Ochsenschläger nur sogenannte Hybridhühner, die entweder viele Eier legen oder viel Fleisch ansetzen. Zweinutzungshühner können beides, aber nur mittelmäßig. Deshalb war der Bibliser Landwirt vor einem Jahr noch der Meinung: Die Haltung von Zweinutzungshühnern rechnet sich nicht.

Dass er nun trotzdem 150 Zweinutzungshennen und auch ihre Brüder auf dem Hof hat, begründet Ochsenschläger damit, dass er endlich unabhängig von der Industrie und den großen Lieferanten sei. "Ich habe nun mein eigenes Huhn und kann die Entwicklung mit vorantreiben, dass es Zweinutzungshühner gibt und keine Küken mehr geschreddert werden müssen", sagt er.

In der Brüterei werden jährlich zwölf Millionen Küken vergast

Wie die meisten Landwirte hat Ochsenschläger bisher seine Legehühner bereits als geschlüpfte Tiere gekauft. Ausgebrütet und aussortiert wurden die männlichen Küken in der Brüterei. In Hessen gibt es eine große Brüterei, die LSL Brüterei Rhein-Main in Schaafheim im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Nach Schätzungen der hessischen Beauftragten für Tierschutz werden dort etwa zwölf Millionen Küken jährlich getötet. Genaue Zahlen liegen auch im Umweltministerium nicht vor.

Die Tierschutzbeauftragte führt nach eigenen Angaben bereits Gespräche mit der Brüterei zur Anwendung der Hormonanalytik. Bei dieser Methode kann man am neunten Tag der Befruchtung das Geschlecht im Ei bestimmen. Ist das Küken männlich, wird das Ei nicht ausgebrütet. Es gibt dann keine Küken, die sogleich nach dem Schlüpfen massenhaft vergast werden.

Die Brüterei selbst schreibt auf Anfrage des hr: Sie nutze teilweise schon eine Früherkennungsmethode, um das Geschlecht des Kükens bereits im Ei zu erkennen.

Der Biobauer findet Geschlechtsbestimmung unethisch

Am Mittwoch legte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) einen Gesetzentwurf vor, wonach ab 2022 das millenfache Töten von männlichen Küken verboten sein soll. Stattdessen sollten Brütereien auf Methoden zur frühen Geschlechtsbestimmung verpflichtet werden.

Landwirt Alexander Kern, der den Hof am Mühlgrund in Mossautal (Odenwald) betreibt, findet auch die Früherkennung des Geschlechts im Ei ethisch fraglich. Als Bioland-Landwirt legt er Wert darauf, auch seine Hähne aufzuziehen und zu nutzen.

Die Aufzucht von Bruderhähnen breitet sich aus

Damit befinde sich Kern in guter Gesellschaft, sagt Michael Herdt vom Geflügelwirtschaftsverband Hessen: "Viele Biobetriebe in Hessen haben bereits auf Bruderhahnaufzucht umgestellt, einige wenige halten Zweinutzungsrassen."

Für größere Betriebe sei die Aufzucht der Bruderhähne aber eine Herausforderung, da dafür zusätzliche Stallkapazitäten nötig seien. Gleichzeitig sei die Nachfrage im Handel nach Eiern aus entsprechenden Programmen noch gering, sagt Herdt. Immerhin ist der Anteil der Bioeier an den verkauften Eiern zuletzt deutlich gestiegen. Herdt sagt: "Jede Alternative, die von den Marktpartnern im Handel akzeptiert und den damit verbundenen erheblichen Mehrkosten entsprechend vergütet wird, ist eine Alternative."

Der Verbraucher muss mehr für das Ei zahlen wollen

Klar ist: Die Brüder der Legehennen ebenfalls aufzuziehen, kostet Geld. Bauer Ochsenschläger hat ausgerechnet, dass er die Eier seiner Zweinutzungshühner rund fünf Cent teurer machen muss. Alexander Kern in Mossautal nimmt 60 Cent pro Ei - das ist selbst für ein Bioei ein stolzer Preis.

Kern begründet das zum einen damit, dass die Brüderhähne langsamer Fleisch ansetzten und deshalb länger gefüttert werden müssten. Um Hahnenkämpfe zu vermeiden, bräuchten sie großzügige Flächen. Zum anderen legten seine Zweinutzungshühner nur etwa 230 Eier im Jahr. Ein spezialisiertes Bio-Legehuhn schaffe 300 Eier, koste im Unterhalt aber das gleiche. Kern bietet inzwischen Hühner-Abos an. Für 160 Euro im Jahr gibt es wöchentlich Eier, am Ende der Saison das Huhn als Suppenhuhn und obendrein noch den geschlachteten Bruderhahn.

Siegbert Ochsenschläger setzt darauf, dass die Verbraucher vor allem seit der Corona-Krise und dem Skandal um vergammelte Wurst in der nordhessischen Fleischfabrik Wilke mehr auf Regionalität setzten: "Die Leute wollen wissen, wo es herkommt. Ich denke, dann sind sie auch bereit, ein paar Cent mehr für ein Ei auszugeben."

Sendung: hr-iNFO, 09.09.2020, 19.20 Uhr