Die App regyonal

Der große Erfolg von Amazon und Co. hat ein Sterben der Innenstädte in Gang gesetzt. Ein junges Start-up aus Hessen möchte deshalb den regionalen Handel unterstützen. Mit einer neuen App, die das Einkaufserlebnis einfacher gestalten soll. Ist das zukunftsfähig?

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Audioseite Hessische App soll für Schwung im Einzelhandel sorgen

regyonal Gründer Daniel Gal
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Der Online-Handel boomt - Unternehmen wie Amazon und Zalando generieren große Umsätze. Immer mehr Kunden bestellen online und vermeiden den Weg in die Innenstädte. Corona verstärkt das Ganze. "Die Kunden kommen nicht mehr in gewohnter Zahl in die Stadtzentren", sagt Stefan Genth, Geschäftführer des Handelsverband Deutschland (HDE). Der Einzelhandel sterbe weiter aus.

"Die Einzelhändler haben wirklich zu kämpfen mit dem großen Amazon", sagt Daniel Gal aus Hungen (Gießen). Er möchte den Einzelhandel in der Region wieder stärken und hat deshalb die App regyonal gegründet.

So funktioniert die App

In der App oder im Web können die Kunden selbst frei eingeben, was sie suchen, zum Beispiel ein Memory für Kinder, ein Ladekabel oder Wanderschuhe. Auf der anderen Seite klingeln die Handys der Händler, die diese Suchanfrage erhalten. Wenn sie diese annehmen, können sie mit dem Kunden direkt in Kontakt treten - per Telefon- oder Videoanruf.

So kommt ein Beratungsgespräch zustande, in dem sich der Kunde zeigen lassen kann, was der Händler vorrätig hat und ob er ein Produkt kaufen möchte. Dieses kann er dann reservieren und im Laden abholen. Ein paar Händler bieten auch einen Lieferdienst an. Wenn der Kunde keines der Produkte haben möchte, kann er es ablehnen und eine neue Suchanfrage stellen.

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Zunächst sucht die App in einem Umkreis von zehn Kilometern nach Händlern. Dieser wird bei Bedarf auf 20 oder 50 Kilometer erweitert. Aktuell nehmen über 400 Händler und Dienstleister teil. Sie sind vor allem aus Mittelhessen und dem Wetteraukreis. Neben Friseuren, Gärtnereien und Autohäusern gibt es Dekoläden, Möbelhäuser und Elektronikmärkte.

Diese Idee steckt dahinter

Für Gründer Daniel Gal ist es wichtig, die Leute wieder zum Einkaufen in die Innenstädte zu bewegen. "Wir wollen zehn Prozent der Online-Einkäufe wieder in den Einzelhandel bringen." Wichtig sei ihm dabei auch der Aspekt der Nachhaltigkeit. Dieser sei im Online-Handel oft nicht gegeben. "Eine mögliche Nutzergruppe sind sicherlich Leute, die nachhaltig und regional vor Ort einkaufen möchten", sagt der 33 Jahre alte Gründer.

Online suchen, regional kaufen. Das sei eine völlig neue Form des Einkaufens. "Wir sind gespannt, wie das funktioniert", sagt Gal. Die App soll am 6. Dezember in die Stores von Apple und Google Play kommen. Registrieren können sich Händler aus ganz Deutschland. Erste Anfragen aus anderen Bundesländern gebe es bereits.

Die Händler können sich vorerst ein Bild machen. Bis Ostern soll die App für alle kostenlos sein. Ab dann sollen die Verkäufer ungefähr einen Euro pro angenommenem Anruf bezahlen. Dieser Preis sei aber abhängig von Branche und Marge. So würden Elektronikmärkte beispielsweise einen höheren Preis zahlen als Blumenhändler.

Das sagen die Händler

Eine Händlerin ist Andrea Steinbrenner. Sie führt das Brautmodengeschäft SchillerGalerie in Nidda (Wetterau). "Es ist eine ganz andere Zeit. Alles geht über Facebook und Instagram", sagt Steinbrenner. Das Thema Digitalisierung sei für den Einzelhandel enorm wichtig.

Sie hofft mithilfe der App mehr Umsatz generieren zu können. "Wir können eine Verbindung zum Kunden aufbauen." Der Kunde könne sich mithilfe der App einen ersten Eindruck von Geschäft und Sortiment machen. Das sei gerade bei Brautmoden wichtig. "Sie können sagen: Die Person und der Laden sind mir sympathisch", sagt Steinbrenner.

Neue App als Puzzleteil?

Auch Arno Jung hofft, dass durch die App mehr Leute auf seinen Laden aufmerksam werden. Er leitet das Schreibwarengeschäft Papier + Strich in Gießen. "Ja, wir haben das Problem: Wir haben mächtige Konkurrenz durch Internethändler", sagt Jung. Man solle sich als Geschäft aber nicht darauf ausruhen und seine eigenen Versäumnisse beiseite schieben.

Im stationären Einzelhandel komme es auf Sortiment, Dekoration und die Freundlichkeit der Mitarbeiter an. "Das sind meine Hausaufgaben. Es braucht aber auch Netzwerke." Deshalb freue er sich über neue, digitale Lösungen. "Das ist ein Puzzle und regyonal kann ein Puzzleteil sein", sagt Jung.

Viele Händler reagieren positiv auf die neue App, sagt Gründer Daniel Gal. Andere wiederum stehen dem kritisch gegenüber: "Wir haben auch Einzelhändler erlebt, die sagen: Der Einzelhandel stirbt doch eh." Andere Händler hätten schlechte Erfahrungen mit eigenen Online-Shops gemacht: "Die bringen nicht das Verständnis auf, dass wir etwas Neues und Anderes sind."

Das meint die Expertin

Monika Schuhmacher, Professorin an der Justus-Liebig-Universität in Gießen beschäftigt sich vor allem mit Innovations- und Gründungsmanagement. Sie sagt, dass es viel zu wenig Plattformen in Deutschland gebe, gerade für den Einzelhandel. "Ich habe gedacht: Wie cool, dass mal einer eine Plattform macht", sagt Schuhmacher. Positiv sieht sie, dass die App einfach und schnell ist - für Kunden und Händler.

Dennoch gebe es Nachholbedarf. Schuhmacher glaubt, dass die Gründer zu schnell, zu viel wollen. Über 150 Kategorien sind, ihrer Meinung nach, nicht geeignet für den Anfang. Sie würde die App zunächst auf wenige Kategorien beschränken. "Sie müssen sich erstmal eine Nische raussuchen, das testen und schauen, wie kommt das an."

Wichtig sei es nämlich, viele Händler im Umkreis zu haben. "Wenn der Kunde eine Anfrage stellt und es kommt nichts, dann kommt der nie wieder zurück", sagt Schuhmacher. Deshalb glaubt sie, dass es sinnvoller wäre, die App zunächst nur für eine bestimmte Gruppe von Händlern zu öffnen. Wenn die App erfolgreich sei, kämen die anderen Händler von alleine und Produktgruppen und Orte könnten mit aufgenommen werden.