Eine Krankenschwester in einem Krankenhaus.

Schon bevor der neue Eigentümer da war, demonstrierten die Angestellten der Uniklinik Gießen und Marburg. Denn Asklepios hat als Arbeitgeber einen zweifelhaften Ruf. Aber wo liegen die Probleme tatsächlich? Mitarbeiter an hessischen Asklepios-Kliniken erzählen.

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Die Besitzerin des Uniklinikums Gießen und Marburg (UKGM) hat einen neuen Eigentümer: Die Rhön Klinikum AG gehört dem Hamburger Asklepios-Konzern. Der hatte im Februar allen Rhön-Aktionären angeboten, ihre Anteile zu kaufen, am Montagabend endete die Zeichnungsfrist. Wie groß der Asklepios-Anteil an Rhön nun genau ist, wird in den nächsten Tagen bekannt, Mitte Juni waren es aber schon über 83 Prozent. Für Asklepios ein großer Schritt: Rhön könne im Bereich Spitzenmedizin der wichtigste Teilkonzern der Asklepios-Gruppe werden, sagt der Konzern, mit dem UKGM als "medizinischem Leuchtturm, von dem auch Asklepios viel lernen kann".

Dass Asklepios die Mehrheit an Rhön bekommt, war schon seit Februar klar. Und seitdem machen sich die Beschäftigten am UKGM Sorgen. Am Samstag demonstrierten sie in Marburg gegen den neuen Eigentümer. Asklepios eile kein guter Ruf voraus, berichtet Klaus Hanschur, Betriebsratsvorsitzender am UKGM: "Wir haben gehört, dass Asklepios nicht tariftreu ist, dass Asklepios enormen Druck auf die Beschäftigten ausübt und dass Asklepios unzuverlässig ist."

Nachfragen bei den Asklepios-Beschäftigten selbst an verschiedenen hessischen Häusern zeigen, dass diese aktuell vor allem mit fünf Themenfeldern ihre Probleme haben. Diese sind:

Allerdings, auch das betonen Asklepios-Mitarbeiter wie zum Beispiel der Anästhesiepfleger und Betriebsrat der Klinik in Lich (Gießen), Jürgen Bremer: Schwierig sei es vor allem für die Beschäftigten, nicht für die Patienten. "Das Patientenwohl ist nicht in Gefahr. Wir machen eine gute Medizin."

Mitbestimmung: Teile und herrsche

Durchgängig kritisieren Beschäftigte, dass Asklepios die Möglichkeiten zur Mitbestimmung stark einschränke, mit einem einfachen Mittel: Die Mitarbeiter werden nicht beim Krankenhaus direkt angestellt, sondern bei konzerneigenen Servicegesellschaften.

Klaus Bölling, Vorsitzender des Betriebsrats der Schwalm-Eder-Kliniken.

So berichtet Klaus Bölling, Betriebsratsvorsitzender an den Asklepios Schwalm-Eder-Kliniken und zweiter stellvertretender Vorsitzender des Konzernbetriebsrats: "Das ist Asklepios-weite Konzernpolitik und betrifft zum Beispiel Bereiche wie Labore, Reinigung, Küche, Pforte. Damit will der Konzern größere Verbände und vor allem Betriebsräte vermeiden." Der Konzern bilde kleine Einheiten - im Bereich Haustechnik zum Beispiel seien es nur neun Beschäftigte, "die haben einen Betriebsrat ohne Freistellung". Zuvor habe die der Gesamtbetriebsrat mitvertreten, der sie jetzt nur noch beraten könne.

Asklepios erklärt dagegen: Grund für die vielen Tochtergesellschaften sei, dass diese "über sehr spezielles Know-How" verfügten, zum Beispiel im Bereich Reinigungstechniken. "Das kann ein lokales Krankenhausmanagement gar nicht aufbringen." Zudem sei das Vorgehen "in der Branche Standard und wird auch von öffentlichen Kliniken betrieben". Mitbestimmung werde in den Tochtergesellschaften "wie üblich durchgeführt". Und es sei klares Ziel der Führungskräfte, "kooperativ und situationsgerecht zu führen".

Tarifpolitik: Warum nicht mit Verdi?

Betriebsratschef Bölling aus Schwalmstadt klagt: "Asklepios weigert sich vehement, mit Verdi in Tarifverhandlungen zu treten." Seit 2007, als der Konzern das dortige Klinikum übernommen hat, sei das ein Thema - und nicht nur dort, wie ein offener Brief des Konzernbetriebsrats an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vom Dezember zeigt. Stattdessen, so Bölling, schließe der Konzern über den Arbeitgeberverband Verträge mit der Gewerkschaft DHV, der das Landesarbeitsgericht Hamburg vor kurzem erst die Tariffähigkeit abgesprochen hat. Diese Verträge seien für die Beschäftigten "dermaßen unsittlich, dass eine Gewerkschaft das einfach nicht tut."

Jürgen Bremer, Betriebsrat der Asklepios-Klinik in Lich.

Auch Jürgen Bremer, Betriebsrat im Klinikum Lich, ist unzufrieden mit der DHV: "Die macht Tarifverträge, die nicht den Willen der Mitarbeiter abbilden", sagt er. Er wisse auch von niemandem im Betrieb, der dort Mitglied sei. Asklepios scheue aber einen Verhandlungspartner auf Augenhöhe. Seit 1978 arbeitet er als Pfleger in Lich, hat also auch die Privatisierung 2000 miterlebt. "Tariflich ist es für die Pfleger seither sehr viel schlechter geworden." Zum Beispiel habe der Konzern auch das Gehalt aller Mitarbeiter mit altem Vertrag eingefroren.

Man führe selbst keine eigenen Tarifverhandlungen in Hessen, erklärt Asklepios, das mache der Arbeitgeberverband. Der DHV-Vertrag gelte daher nicht nur für die Asklepios-, sondern für alle beteiligten privaten Kliniken in Hessen. "Darüber hinaus hat Asklepios an anderen Standorten (Hamburg, Brandenburg, Weissenfels, Stadtroda etc.) sehr wohl Haustarifverträge mit Verdi abgeschlossen." Und was die Mitarbeiter mit eingefrorenem Gehalt betreffe, so stünde ihnen frei, in den dynamischen Tarifvertrag zu wechseln. Der Konzern versichert, dass alle Tarifverträge am UKGM bestehen blieben.

Gehalt: Die Sache mit der freien Wirtschaft ...

Was ist der Maßstab für das richtige Gehalt? Für Klaus Bönning aus Schwalmstadt ganz klar der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD). Und wenn man den zum Maßstab nehme, dann verdiene etwa ein Krankenpflegehelfer bei Asklepios über 900 Euro weniger. Aber nicht nur im Vergleich zum TVöD schneide Asklepios schlecht ab, sagt Jürgen Bremer aus Lich: "Zwischen den Gehältern bei uns und der Uniklinik liegen zum Beispiel bei Laborassistenten, Röntgenassistenten oder Verwaltungsangestellten im Lauf der Entwicklungsstufen mehrere hundert Euro."

Ein Arzt, der nicht namentlich genannt werden will, kritisiert außerdem: "Seit einigen Wochen müssen die Ärzte im Bereitschaftsdienst eigentlich durchgängig im Haus sein. Ansonsten schafft man es Corona-bedingt nicht mehr, sich rechtzeitig einzukleiden." Das werde immer noch als Bereitschaft vergütet, Beschwerden würden ignoriert.

Demonstranten mit Transparent gegen Asklepios.

Asklepios versteht sich dagegen eher als Opfer. Denn der TVöD werde "vorrangig aus politischen Motiven geschlossen", und zwar für öffentliche und damit meist nicht insolvenzfähige Arbeitgeber, die damit aber überfordert seien. Das sei ein Grund, "warum viele Krankenhäuser in Deutschland rote Zahlen schreiben" - Defizite, die dann mit Steuergeld ausgeglichen würden. Asklepios dagegen müsse nachhaltig wirtschaften und könne den TVöD daher nicht einfach übernehmen.

Der Maßstab seien "die marktüblichen Preise in der jeweiligen Region", teilt der Konzern mit und erklärt, ohne auf die konkreten Zahlen einzugehen: Wären die Entgelte tatsächlich so schlecht wie behauptet, hätte man im Jahr 2019 wohl kaum 800 neue Stellen in Deutschland schaffen können, und das auch noch in Zeiten des Fachkräftemangels.

Arbeitsbedingungen: Viel mehr Patienten, aber kaum mehr Leute

50 Prozent mehr Fälle, aber nur sieben bis acht Prozent mehr Leute - so beziffert Jürgen Bremer den Notstand. In letzter Zeit habe sich die Situation aber etwas entspannt. Sein Kollege Bölling sagt, die "massive Verdichtung" führe zu einer hohen Fluktuation. Die Leute seien auf der Suche, "wo finde ich erträgliche Arbeitsbedingungen zu erträglichem Lohn?"

Die Zahl der Patienten sei tatsächlich gestiegen, sagt Asklepios: "Gleichzeitig ist aber die Anzahl an Tagen, die ein Patient im Krankenhaus liegt, um mehrere Tage gesunken." Und gerade Asklepios habe in den vergangenen Jahren doppelt so viele Mitarbeiter eingestellt wie der Branchendurchschnitt.

Am Thema Pflegekräftemangel sei man dran. Der Konzern verweist etwa auf seine Pflegeschule auf den Philippinen oder ein ähnliches Projekt in Mexiko. Man rekrutiere auch Pflegekräfte in Serbien und in Indien. "So wollen wir bis zum Ende des Jahres alle freien Stellen besetzt haben." Und "gerade auch im UKGM" wolle man künftig zusätzliche Stellen schaffen, insbesondere im Bereich Intensiv-Pflege.

Der Konzern: Volles Haus reicht angeblich nicht

Eine Mitarbeiterin einer Asklepios-Klinik klagt: "Die Klinik ist voll, wir haben Arbeit ohne Ende, aber ständig heißt es, wir wirtschaften am Plan vorbei und Ziele würden nicht erreicht." Asklepios sei nun mal ein gewinnorientiertes Unternehmen, "da wird abgeschöpft, was abzuschöpfen geht". Ein Arzt erklärt: "Bestimmte obere Berufsgruppen bekommen Zielvereinbarungen, die nötigen sie dazu, an jeder Stelle zu sparen. Fortbildungen werden gekürzt oder nicht genehmigt oder es werden Überstunden gestrichen."

Manche Gesprächspartner loben die Geschäftsführer vor Ort ("geben sich Mühe"), andere wie Jürgen Bremer sagen: "Wir erleben einen relativ autoritären Führungsstil." Diesen Vorwurf weist Asklepios zurück. Man habe "eines der besten Nachwuchsführungskräfteprogramme der Branche" mit einem "detaillierten Kompetenzprofil", aus dem sich auch Haltungsgrundsätze ergäben.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 04.07.2020, 19.30 Uhr