Förster Christian Korff lehnt sich an einen großen Stapel mit Baumstämmen

Nach Dürre, Stürmen und Borkenkäfern setzt jetzt die Corona-Krise den Wäldern zu. Weil die heimische Forstwirtschaft global vernetzt ist, fehlen Abnehmer und Arbeiter. Immerhin wird das Holz für Toilettenpapier nicht knapp.

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"Wir sind sowieso schon seit zweieinhalb Jahren im Katastrophenmodus", sagt Christian Korff. "Und jetzt kommen die Corona-Maßnahmen noch dazu." Der Förster aus dem Marburger Stadtteil Bauerbach steht in seinem Waldrevier auf den Lahnbergen und zeigt auf einen riesigen Stapel mit dicken Fichtenstämmen. Unmengen davon seien in den letzten Jahren angefallen. Das Problem dabei, sagt Korff: Er werde das Holz immer schwerer los.

Die Holzstapel sind das Ergebnis einer Verkettung ungünstiger Umstände: Nach langen Trockenperioden legten Stürme ganze Felder in den Wäldern frei, vor allem Fichten kamen mit der Dürre schlecht klar. Weil das ganz Mitteleuropa betraf, können die Sägewerke das viele Holz nicht mehr verarbeiten. Die Fichtenpreise sind im Keller. "Der Wiederverkauf bringt kaum noch die Selbstkosten rein", sagt Korff.

Das Holz einfach liegen lassen, ist im Wirtschaftswald auch keine Lösung. Totholz zieht den Borkenkäfer an, und wenn der umgeht, müssen noch mehr Bäume gefällt werden.

Der verwundete Wald leidet - auch unter mehr Müllhaufen

Der ohnehin schon verwundete Wald leidet nun aufgrund der Corona-Pandemie noch mehr. Auch die heimische Forstwirtschaft ist global vernetzt: Das Überangebot an Fichtenholz ging zuletzt oft containerweise zum Dumpingpreis nach China. Weil aktuell der Lkw-Verkehr stockt und es in den Häfen von Hamburg und Rotterdam kaum noch Frachtschiffe nach Fernost gibt, fällt dieser Markt weg.

Unweit der Holzstapel zeigt Revierförster Korff auf einen anderen Haufen. Er besteht aus Backsteinen und zerfetzten Plastikplanen. Auch das beobachtet der Förster momentan zunehmend: Kofferraumladungen mit Astschnitt oder Hänger voller Bauschutt werden in den Wald geschüttet.

Das Problem gab es vorher schon, nun hat es sich verschärft, wie Korff berichtet: "Es gibt da offenbar eine Korrelation zwischen Frühjahrsputz und Entsorgungswillen." Dass derzeit viele Wertstoffhöfe und Kompostierungsanlagen geschlossen sind, spiele vermutlich auch eine Rolle.

Es gibt genug Holz für Toilettenpapier

Auch Michael Gerst, der Landesbetriebsleiter von HessenForst, spricht von einer sehr kritischen Phase: "Die Situation ist durchwachsen, um im Bilde zu bleiben." Teilweise liefen die Betriebe zwar weiter. Doch Gerst ist "grundbesorgt" über den Zustand der Wälder und die Marktsituation, wie er sagt.

Es gebe Verwerfungen auf den Märkten, international und innerhalb Deutschlands, klagt der Forstbeamte: "Beispielsweise finden Spanplattenhersteller derzeit keine Abnehmer mehr in der Möbelindustrie, und das spüren wir dann im Wald." Aber immerhin: Es gebe eine hohe Nachfrage von Zellstoffwerken, die etwa Hygieneprodukte herstellen. "Und da liefern wir auch nach Kräften", sagt Gerst. Das Holz für Toilettenpapier wird Deutschland nicht so schnell ausgehen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Corona trifft die ohnehin schon verwundeten hessischen Wälder hart

Ein Haufen mit Backsteinen und Plastikplanen im Wald
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Corona-bedingt fehlen HessenForst ähnlich wie den Betrieben in der Landwirtschaft die Saisonarbeiter aus den europäischen Nachbarländern, die sonst im Auftrag des Landesbetriebs arbeiten - und das angesichts der Mammutaufgabe, die durch Dürre und Stürme geschlagenen Kahlflächen aufzuforsten. Zum Teil will man sie der Natur überlassen, doch "wir haben dieses Jahr etwa vier Millionen Bäume zu pflanzen im hessischen Staatswald", erklärt Gerst.

Privatwaldbesitzer in Existenznöten

Christian Raupach ist in großer Sorge. Als Geschäftsführer des hessischen Waldbesitzerverbands vertritt er die Interessen von rund 60.000 Privatwaldbesitzern. Er berichtet, die Privatbetriebe kämen an den Rand ihrer Existenzfähigkeit: "Die haben keine liquiden Mittel mehr. Die können keine Arbeitskräfte mehr bezahlen. Die können auch keine Pflanzen mehr bezahlen." Er hofft auf ein Hilfspaket der Landesregierung.

Die Forstbetriebe müssten wegen der Mehrfach-Krise wohl mehr Kahlflächen sich selbst überlassen, findet Raupach: "Wir sind nun besonders stark auf die Kraft der Natur angewiesen, damit dort von alleine wieder Mischwald entsteht." Werde der Sommer kühl und regnerisch, hätten die Bäume eine Chance, sich zu erholen. "Ein weiterer trocken-heißer Sommer wäre katastrophal", sagt der Waldbesitzer-Sprecher. 

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 02.04.2020, 13 Uhr