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zum Video Ärger um Ausbaupläne für Kalk-Steinbruch

Zement- und Kalkwerke Otterbein mit Steinbruch und Großenlüder-Müs im Hintergrund

Einwohner von Großenlüder-Müs beklagen Risse in ihren Häusern infolge von Sprengungen im Steinbruch nebenan. Der gehört dem größten lokalen Arbeitgeber und soll noch wachsen. Das erschüttert den Ort erst recht.

Gerade mal 300 Meter Luftlinie liegt das Haus von Klaus Hasenau von dem Steinbruch entfernt, in dem viermal pro Woche Kalk gesprengt wird. Kalk ist der wichtigste Rohstoff für den größten Arbeitgeber im Ort, die Zement- und Kalkwerke (ZKW) Otterbein. Die ZKW stellen seit über 130 Jahren in Großenlüder-Müs (Kreis Fulda) Zement, Kalke und Mörtel her.

Die Erschütterungen infolge der Sprengungen seien im Ort regelmäßig zu spüren, berichtet Hasenau. Und sie setzten den Häusern massiv zu. "Jedes Mal gerät mein Haus regelrecht in Bewegung." Hasenau führt in seinen Keller, zeigt auf den Boden. Der Riss dort werde immer länger. "Ich vermute, dass das von den Erschütterungen kommt", sagt er.

Klaus Hasenau, Anwohner des Steinbruchs

Mit seiner Klage ist Klaus Hasenau in Müs kein Einzelfall. Viele im Ort berichten von Rissen in Wänden, die urplötzlich auftauchten und die Häuser immer weiter durchzögen.

Abrisskante wäre noch 150 Meter vom Ort entfernt

Das Problem könnte sich demnächst sogar zuspitzen, befürchten viele Bewohner. Da die Kalk-Ressourcen des bestehenden Steinbruchs schwinden, plant das Werk eine Erweiterung. Das soll den Fortbestand der ZKW um weitere 30 Jahre sichern. Dafür müsste der Betrieb im Steinbruch nicht nur tiefer graben, sondern auch weiter: Die Abrisskante würde bis auf 150 Meter an den Ortsrand heranrücken.

Christoph Lohfink, Sprecher der Bürgerinitiative

Zu nah, sagen viele Anwohner. Sie wollen das Vorhaben stoppen und haben eine Bürgerinitiative gegründet. Christoph Lohfink ist ihr Sprecher. Er verweist auf ein Schreiben des Zementwerks. Darin sprach es sich vor sieben Jahren gegen den Bau eines geplanten Vereinsheims am Rande des Steinbruchs aus - aus Sorge vor möglichen Gebäudeschäden.

"Damals lehnte das Werk noch jegliche Verantwortung für Sprengauswirkungen in einer Schutzzone von 300 Metern ab", sagt Lohfink. Dass das Unternehmen mit seiner Abbruchkante jetzt aber bis auf 150 Meter an den Ort heranrücken möchte, ist für Lohfink ein Widerspruch.

Werk-Chef: 120 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel

Das sehen viele im Ort ebenso - aber eben nicht alle. Die Ausbaupläne spalten die 1.000 Einwohner in Gegner und Befürworter. Schließlich sind die ZKW Otterbein der größte Arbeitgeber am Ort, viele Müser stehen dort in Lohn und Brot. Sie sähen sich wegen der Ausbaupläne in Gespräche mit Nachbarn inzwischen regelmäßig Kritik ausgesetzt, beklagt der Betriebsrat.

120 Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, sagt Christian Müller. Er ist Junior-Chef der ZKW und führt das Unternehmen in der sechsten Generation. Er sagt: Ohne Steinbrucherweiterung drohe dem Betrieb langfristig das Aus.

"Schäden an Gebäuden sind ausgeschlossen"

Dass die Kalk-Sprengungen Risse in Häusern verursachen, weist Müller zurück: "Wir haben jüngst erst die Sprengerschütterung von einem Sachverständigen analysieren lassen. Der hat ganz klar festgestellt, dass wir deutlich unter dem Grenzwert bleiben." Müller geht so weit, dass er sagt: Schäden an Gebäuden infolge der Sprengungen könnten somit "ausgeschlossen werden".

Christian Müller, Junior-Chef des Zementwerks in Großenlüder-Müs

Der Junior-Chef sagt aber auch, er habe Verständnis für die Sorgen der Anwohner. Die ZKW wollten daher ein weiteres Gutachten erstellen lassen und gemeinsam mit Experten die kritischen Bewohner von Müs überzeugen oder nach Wegen suchen, die Belastungen verträglich zu halten.

Dabei geht es nicht nur um Sprengerschütterungen, sondern auch um Lärmemissionen und Schadstoffbelastungen der Luft. Die nötige Energie zur Zementproduktion gewinnen die ZKW Otterbein, indem sie Kohle und sogenannte Sekundärbrennstoffe verheizen.

Sorge vor Schadstoffen in der Luft

Um dabei die geltenden Emissionswerte überschreiten zu dürfen, hat das Zementwerk vom Regierungspräsidium Kassel eine Ausnahmegenehmigung erhalten. Ein entsprechendes Schreiben liegt dem hr vor. Je mehr verbrannt wird, desto mehr Schwermetalle, Stickstoffoxid und Kohlenmonoxid würden in die Luft abgegeben, so die Sorge der Bürgerinitiative.

Steinbruch in Großenlüder-Müs

Diese Sorge teilt man in Kassel nicht: Die Grenzwerte im Zementwerk würden eingehalten, informiert ein Sprecher des Regierungspräsidiums. Vorwürfe seitens der Bürgerinitiative, die Geräte würden die Emissionen nicht richtig messen, seien abwegig. "Mögliche Manipulationen an der Messtechnik würden aufgezeichnet und damit aktenkundig", sagt der Sprecher der Aufsichtsbehörde.

Was den umstrittenen Ausbau des Steinbruchs der ZKW Otterbein angeht, kann er dazu noch nichts sagen. Der Antrag liegt dem Regierungspräsidium noch nicht vor. Das Zementwerk will erst das angekündigte Gutachten zu Belastungen der Umgebung abwarten. Den Antrag auf Erweiterung stellt der Betrieb vermutlich frühestens in einem halben Jahr.

Bürgermeister lädt an Runden Tisch

Der Bürgermeister von Großenlüder, Werner Dietrich (Unabhängige Bürgerliste), will schon vorher den Konflikt zwischen Zementwerk und Bürgerinitiative möglichst klären und den Spalt in der Bevölkerung von Müs wieder kitten. Er lädt die Streitparteien an einen Runden Tisch.

Werner Dietrich, Bürgermeister von Großenlüder

"Dort werden wir Lösungen für diese schwierige Situation finden", zeigt sich langjährige Kommunalpolitiker überzeugt. Es könnte ein letzter Dienst an seiner Heimatgemeinde sein. Im Herbst tritt Dietrich nicht mehr zur Wiederwahl an.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 14.03.2020, 19.30 Uhr