Azubi Dominik Poell in der Backstube der Bäckerei Heilmann in Michelstadt.

Zum Beginn des neuen Ausbildungsjahres gibt es in vielen Unternehmen noch offene Lehrstellen. Gleichzeitig suchen junge Leute noch nach einem Ausbildungsbetrieb. In einigen Branchen ist es fast unmöglich, Nachwuchs zu finden.

Videobeitrag

Video

zum Video Mehr junge Arbeitslose in Hessen

hsk
Ende des Videobeitrags

Dominik Poell lernt seit einem Jahr Bäcker. Die Ausbildung macht ihm Spaß, weil er im Familienbetrieb der Bäckerei Heilmann in Michelstadt im Team arbeiten und noch selbst den Teig machen kann. Er weiß, das ist heutzutage nicht selbstverständlich. "Das frühe Aufstehen am Morgen macht mir nichts aus. Ich bin schon seit ich denken kann Frühaufsteher", sagt er

Bäckermeister Stefan Schmitt hofft, dass sich in Zukunft wieder mehr junge Leute für den Beruf des Bäckers entscheiden. Allerdings hat er in diesem Jahr bisher keinen passenden Auszubildenden gefunden, obwohl er dringend noch einen bräuchte. "Wir haben viel zu tun, weil wir alles selbst herstellen."

Noch 13.000 offene Lehrstellen

Zum Start des Ausbildungsjahres am 1. August haben viele Unternehmen ihre Ausbildungsplätze noch nicht besetzt, bestätigt Bettina Wolf, Geschäftsführerin der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit. Derzeit gebe es noch über 13.000 freie Ausbildungsplätze. "Die Betriebe finden oft keine jungen Menschen, die den Anforderungen genügen", sagt sie. "Manchmal ist es auch nur die Note in Mathematik oder Deutsch im Abschlusszeugnis."

Dabei sind die Anforderungen an einen Bäckerlehrling gar nicht so hoch. Bäckermeister Stefan Schmitt, der den Familienbetrieb vor acht Jahren von seinem Vater Ludwig Schmitt übernommen hat, fasst es zusammen: "Pünktlich, arbeitswillig - und ein Azubi sollte deutsch sprechen, damit er mich versteht." Sein Vater ergänzt: "Außerdem sollte er rechnen können und handwerkliches Geschick mitbringen, um Hefezöpfe zu flechten."

Nicht nur das Handwerk sucht händeringend Nachwuchs

Doch nicht nur Handwerksbetriebe haben Schwierigkeiten ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Kai Schulze ist Ausbildungsleiter im Langener IT-Unternehmen Advancis. "Die Suche nach Auszubildenden macht erfahrungsgemäß mehr Arbeit, als sie Erfolg verspricht", sagt er.

Ausbildung

Der mittelständische Betrieb entwickelt Software für Gebäudesicherheit. Pro Jahr bräuchte er vier bis sechs Auszubildende. Doch selbst vier Ausbildungsstellen konnte das Unternehmen nicht für das kommende Ausbildungsjahr besetzen. Von 80 Bewerbern für die verschiedenen Bereiche hätten nur zwölf überhaupt die Grundvoraussetzungen, wie eine Fachhochschulreife, vorweisen können. Und für den Ausbildungsplatz zum IT-System-Kaufmann habe es keinen einzigen geeigneten Bewerber gegeben.

11.000 junge Leute suchen noch nach einer Lehrstelle

Doch nicht nur auf der Seite der Unternehmen klafft eine Lücke. Auch viele junge Menschen suchen noch einen Ausbildungsplatz. Fast 11.000 sind es allein in Hessen. "Wir nehmen im Augenblick wahr, dass viele Jugendliche noch abwarten und überlegen, weiter die Schule zu besuchen oder vielleicht auch ein Studium zu beginnen", erklärt Bettina Wolf von der Bundesagentur für Arbeit.

"Die Jugendlichen zögern manchmal auch noch, wenn sie nicht ihren absoluten Traum-Ausbildungsberuf finden." Dabei sei eine Ausbildung die beste Garantie, nie wieder arbeitslos zu werden. Von den rund 153.000 Arbeitslosen im Juli hätten etwa 88.000 gar keine Ausbildung. Diese Zahl spreche für sich. Wolf rät jungen Leuten, die Chancen auf dem Ausbildungsmarkt zu nutzen. Vielleicht gebe es ja doch eine Alternative zum Traum-Ausbildungsberuf.

Auf lange Sicht fehlen Fachkräfte

Für die Unternehmen wird es allmählich enger, denn laut Regionaldirektion Hessen gibt es rund 1.000 Bewerber weniger auf dem Ausbildungsmarkt als im vergangenen Jahr. Gleichzeitig hat die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen deutlich zugenommen. Für manchen Betrieb ist das ein Problem, denn es fehlen auf lange Sicht die Fachkräfte.

Das gilt auch für das Langener IT-Unternehmen Advancis. Schon jetzt sind rund 15 Arbeitsstellen unbesetzt. "Wir finden keine Fachkräfte auf dem freien Markt", sagt Geschäftsführer Jan Meiswinkel. "Wenn wir die brauchen, müssen wir die schon selber ausbilden." Ohne passende Auszubildende ist das allerdings schwierig.

Bäckerlehrling Dominik Poell findet es schade, dass es immer weniger junge Leute gibt, die Bäcker lernen wollen. Er möchte später vielleicht noch den Bäckermeister machen und wenn alles super läuft, vielleicht einen eigenen Betrieb auf machen. "Die Bäckereien dürfen nicht aussterben. Sonst gibt es irgendwann nur noch die Fertigbrötchen der Konzerne."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 31.07.2019, 19.30 Uhr