Angehende Auszubildende sollen künftig mehr Jobchancen nach einer Absage bekommen.

Die Suche nach einem passenden Ausbildungsplatz kann oft frustrierend sein. Eine neue Plattform soll potentielle Azubis und Unternehmen zusammenbringen. Doch das funktioniert nur, wenn man vorher schon eine Absage erhalten hat.

4.000 bis 5.000 Bewerbungen erhält das Dax-Unternehmen Merck mit Sitz in Darmstadt jedes Jahr auf seine 200 freien Ausbildungsstellen. Dieses Beispiel zeigt: Nur wenige Bewerber bekommen bei großen Unternehmen eine Zusage, der Großteil geht leer aus. Dabei gibt es viele unter ihnen, die überzeugt haben. "In diesen Absagen sind richtig gute Leute dabei", sagt Holger Hiltmann, Leiter für die kaufmännische Ausbildung bei Merck.

Anders sieht es bei dem mittelständischen Unternehmen Biotest aus Dreieich aus. "Wir haben jede Menge Ausbildungsstellen, aber manchmal nicht genug Bewerber", sagt der für die Ausbildung verantwortliche Dieter Rohrer. Gerade beim Ausbildungsberuf des Chemikanten seien oft viele Stellen noch frei.

"Ich würde ihn nehmen, wenn ich Platz hätte"

Diese Problematik hat Jürgen Funk vom Arbeitgeberverband HessenChemie erkannt. "Wir lassen Leute gehen, weil sie nur zweiter oder dritter Sieger waren", sagt Funk. Deshalb hat er gemeinsam mit dem Start-up Praktikumsjahr aus Fulda eine neue Online-Plattform entwickelt. Der sogenannte Ausbildungsradar soll abgelehnte Bewerber und Unternehmen mit freien Stellen zusammenbringen.

Screenshot der Internetseite des Ausbildungsradars.

Das läuft wie folgt: Zunächst erteilt ein Unternehmen einem Bewerber eine Absage. Ist dieser aber qualifiziert genug und hat einen guten Eindruck hinterlassen, kann das Unternehmen ihn anderen Arbeitgebern schmackhaft machen. "Ich empfehle diese Person mit dem Credo: Ich würde sie nehmen, wenn ich genug Platz hätte", sagt Start-up-Gründer Malte Bürger.

Dazu schickt das Unternehmen dem Bewerber einen Einladungslink für den Ausbildungsradar zu. Dort kann der Bewerber seine Daten eintragen und notieren, auf welche Stelle er sich bei welchem Unternehmen beworben hat. Diese Informationen samt der Empfehlung vom Unternehmen, das ihm eine Absage erteilt hat, ist dann für alle anderen Firmen einsehbar. Die suchenden Firmen wiederum können den Bewerber direkt kontaktieren und auf freie Stellen hinweisen - oder zum Bewerbungsgespräch einladen.

Ressourcen und Zeit sparen

"Für uns ist so eine Plattform absolut Gold wert. Wir können eine ganze Menge an Ressourcen sparen", sagt Dieter Rohrer von Biotest. Man könne die Bewerber viel besser erreichen, als es auf Ausbildungsmessen der Fall sei. Außerdem spare es allen Beteiligten viel Zeit. Wenn Bewerber zuvor beispielsweise schon Eignungstests absolviert haben, können diese weiterverwendet werden. Auch schriftliche Bewerbungen müssen die Suchenden nur in seltenen Fällen erneut schreiben.

Das Team vom Ausbildungsradar

Die Plattform sei auf alle Personen ausgelegt, die eine Ausbildung machen wollen. "Ob man davor sein Abitur gemacht hat, einen Realschulabschluss oder etwas ganz anderes, das ist egal", sagt Gründer Malte Bürgen.

Im Juli hat das Start-up aus Fulda angefangen, die Plattform zu programmieren, seit Ende Oktober ist sie am Start. 25 der 80 Ausbildungsbetriebe vom Verband HessenChemie sind registriert, darunter die Firmen Evonik, Merck, Biotest, Sartorius, Sanner und weitere. Neben Dax-Unternehmen und Mittelständlern sind auch kleine Betriebe dabei.

Erste Bewerber wurden empfohlen

Die Bewerbungsphase für einen Ausbildungsplatz ab 1. August oder 1. September 2021 ist bereits im Gange. Einige Ausbildungsstellen sind schon vergeben. So hat das Unternehmen Merck bereits die ersten Bewerber bei Ausbildungsradar empfohlen. In den kommenden Monaten sollen weitere dazukommen. "Empfehlen ist besser als absagen", sagt HessenChemie-Geschäftsführer Funk.

Er hofft, dass künftig auch andere Branchen und Verbände die neue Möglichkeit nutzen. "Wir wollen insgesamt etwas für das Ansehen der Ausbildung tun." Diese Plattform zeige jungen Menschen, dass sie gut sind - auch wenn sie eine Absage erhalten haben.