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Audioseite Lokführer Dennis Martini: "Es geht nicht, dass nur die untere Etage eine Nullrunde macht"

Drei Streikende beim GDL Streik vor dem ICE Bahnhof Wilhelmshöhe

Kurzfristig, trotz Corona-Krise und mitten in den Ferien: Populär ist der Streik der Bahn-Gewerkschaft GDL nicht. Eine Zugchefin, eine Zugbegleiterin und ein Lokführer erzählen, warum sie mitmachen.

Seit den frühen Morgenstunden stehen vor dem Kasseler ICE-Bahnhof Wilhelmshöhe Bahnmitarbeiter und -mitarbeiterinnen und streiken. Züge fahren kaum noch, bis Freitag um 2 Uhr nachts soll gestreikt werden. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) fordert mehr Lohn für ihre Beschäftigten und einen Corona-Bonus von 600 Euro.

Ein Streik zur Unzeit - das findet neben dem Unternehmen auch der Fahrgastverband pro Bahn. Trotzdem hat die GDL losgelegt, und dafür auch seit 4.30 Uhr am Mittwochmorgen ihren Stand in Kassel aufgestellt.

Für Zugchefin Selina Kowalewsky, Lokführer Dennis Martini und Zugbegleiterin Nicole Noll war das frühe Aufstehen kein Problem. Sie sind es gewohnt, Nächte durchzuarbeiten, um 3 Uhr nachts zur Arbeit zu fahren und mit einem Hotelbett statt dem eigenen Vorlieb nehmen zu müssen.

Aber für diese harten Bedingungen, soll sich auch was ändern, sagen sie - und erzählen aus ihrem Alltag.

Zugchefin Selina Kowalewsky (24)

Zugchefin Selina Kowalewsky. Neben ihr ein Schild mit der Aufschrift "GDL-Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer".

Ich würde meinen Job auf jeden Fall weiterempfehlen, es macht Spaß und man kann davon leben. Ich streike, weil es Probleme gibt: Es ist einfach die Wertschätzung von meinem Arbeitgeber, die mir fehlt und da möchte ich finanzielle Anerkennung. Ich habe eine Sechs-Tage-Woche, dazu lange Schichtdienste, oft zehn oder 12 Stunden.

Wir machen das gerne, aber die Voraussetzungen sind hart. Bei Corona waren wir immer auf den Zügen, am Anfang durften wir nicht einmal Masken tragen, weil wir angeblich den Fahrgästen damit Angst machen. Am Wochenende sind wir meistens arbeiten. Ich versuche sehr viele Frühschichten ab 4.30 Uhr zu machen, um überhaupt Freunde und Familie sehen zu können.

Und der Job als Zugchefin ist verantwortungsvoll, ich trage da nicht nur Kaffee in die 1. Klasse. Ich bin für die Technik des Zuges zuständig, teste alles vor dem Start. Bei einer Störung bin ich diejenige, die aussteigen muss, um ins Gleisbett zu klettern, die sich unter den Zug legt und das Problem anschaut. Ich entscheide dann auch, ob wir weiterfahren können oder nicht.

Verspätungen muss ich zusammen mit dem Lokführer irgendwie wieder reinholen. Man muss auch aushalten, dass die Fahrgäste uns oft die Schuld in die Schuhe schieben – wir bekommen den Frust und Ärger ab, obwohl wir nichts für andere verspätete Züge können. Die Lohnerhöhung wäre eine Anerkennung für das, was wir jeden Tag machen.

Lokführer Dennis Martini (32)

Dennis Martini GDL, beim Streik steht er vor dem ICE-Bahnhof Wilhelmshöhe

Unsere Vorgesetzten haben sich zusätzliches Geld ausgezahlt, dann wollen wir das auch - es kann nicht sein, dass wir in der unteren Etage nichts bekommen. Für deren Bonus oder irgendwelche teuren App-Entwicklungen, die später scheitern, ist plötzlich Geld da. Der Vorstandsvorsitzende kann ruhig zehn Prozent mehr kriegen, aber dann will ich die auch.

Aus der Chefetage heißt es, es gebe genug Personal - wir wissen alle, das stimmt oft nicht. Ich muss häufig an freien Tagen einspringen. Wir haben seit langem nicht genug Leute, seit 2006 bin ich bei der Bahn und es gab seitdem immer Personalmangel. Und in den kommenden zwei bis drei Jahren gehen sehr viele Kollegen in Rente.

Die meisten sehen bei meinem Beruf immer nur Hebel vor-, Hebel zurücklegen, aber da steckt viel mehr dahinter. Wir müssen jedes Jahr neu eine Führerscheinprüfung ablegen - niemand sonst muss das in seinem Job. Um 2 oder 3 Uhr nachts fangen wir an und das jeden Tag woanders. Ich habe zwei kleine Kinder, aber maximal ein freies Wochenende im Monat. Meine Kinder sehe ich oft nur eine Stunde. Das letzte Mal war ich mit meiner Familie vor drei Jahren gemeinsam im Urlaub, meine Frau und ich haben nie gleichzeitig frei, ich kann mir vieles nicht aussuchen. Weihnachten habe ich auch gearbeitet, die Familie leidet darunter. Meine Frau sagt immer: Du bist ständig müde. Ich weiß gar nicht, wie ich das bis zur Rente schaffen soll.

Die GDL hat schon viel erreicht, aber wir wollen am liebsten wie der öffentliche Dienst behandelt werden. Beamte haben auch anders als wir einen Coronabonus bekommen. Wir sollten alle an einem Strang ziehen, ich hätte auch eine Null-Runde gemacht - aber man kann nicht sagen, wir müssen sparen und selbst macht man sich die Taschen voll.

Zugbegleiterin Nicole Noll (45)

Nicole Noll beim Streik der GDL

Die Angebote von unserem Arbeitgeber sind wirklich dürftig. Extrem finde ich, dass das Unternehmen nicht in der Lage sein will, eine Corona-Prämie auszuzahlen, obwohl wir hier an der Front den Laden zusammengehalten haben. Traurig, dass eine Gewerkschaft versuchen muss, sowas durchzuboxen.

Natürlich werden wir auf den ersten Blick nicht schlecht bezahlt. Aber für das, was wir leisten, ist es viel zu wenig. Wir haben Wechseldienst, Frühdienste, Nachtdienste: Wenn ich um halb 8 aus der Nachtschicht komme, schlafe ich vielleicht drei bis vier Stunden und muss dann am nächsten Morgen um 6 wieder anfangen. Das kann sich keiner vorstellen, wie kräftezehrend das ist. Du kannst dich am Wochenende mit niemandem treffen, zu keinem Geburtstag gehen.

Übernachtungen zwischen zwei Schichten in anderen Städten sind Freizeit. Wir bekommen das Hotel bezahlt, aber es gibt kein Frühstück, man muss sich selbst verpflegen – aber um drei oder vier Uhr nachts, kann man nichts kaufen. Oft gehe ich ohne Frühstück auf den Zug. Mein Gefühl ist: Man ist mittlerweile nur noch eine Nummer, entweder du funktionierst oder eben nicht. Das war früher anders.

Protokolliert von Sonja Süß.

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