Lehrling Hassan Juma und sein Ausbilder vom Team Simon in Gießen
Hassan Juma macht bei Team Simon in Gießen eine Lehre zum Fliesenleger. Bild © Bundesagentur für Arbeit

Die Zahl von Flüchtlingen unter den neuen Auszubildenden ist in Hessen um mehr als ein Drittel gestiegen. Zudem werden mehr Berufspraktika an Asylbewerber vermittelt. Die Betriebe fordern für diese neuen Kollegen einen besseren Schutz vor Abschiebung.

Videobeitrag
hsk1645_191118

Video

zum Video Flüchtlinge bei der Müllabfuhr

Ende des Videobeitrags

"Ich hatte großes Glück", sagt Hassan Juma. Der 22-Jährige pendelt jeden Morgen von Friedberg (Wetterau) nach Gießen, wo er bei einem Bauunternehmen eine Ausbildung zum Fliesenleger macht. Nach einer Lehrstelle in der Nähe seines Wohnorts habe er lange gesucht, doch vergeblich, sagt er.

Vor vier Jahren kam Juma aus Somalia nach Deutschland und lernte hier seine Frau kennen, die ebenfalls aus dem ostafrikanischen Bürgerkriegsland geflüchtet war. Heute erscheint er jeden Morgen pünktlich um 6 Uhr auf der Baustelle. Wenn er von zu Hause aufbricht, schlafen seine Frau und beiden kleinen Kinder noch tief und fest.

Seine Familie sieht er kaum, unter der Woche schläft er oft bei Freunden oder Kollegen. Dennoch sei er glücklich, sagt er, dass er von seiner Firma die Chance gekriegt habe: "Es war nicht einfach, etwas zu finden." So ging es auch den anderen drei Flüchtlingen, die ebenfalls bei Team Simon zu Fliesenlegern ausgebildet werden. Im nächsten Jahr solle noch ein Maler und Lackierer hinzukommen, erzählt Unternehmenssprecherin Jana Gerlach.

Betriebe mit Nachwuchssorgen

Die Gießener Baufirma beschäftigt insgesamt rund 60 Mitarbeiter aus unterschiedlichen Ländern wie Syrien, Mali, Ungarn oder der Türkei und will stetig wachsen. Doch in der boomenden Baubranche sei es derzeit sehr schwierig, geeignete Fachkräfte zu finden. Deshalb setze das Unternehmen darauf, die Leute selbst auszubilden - seit drei Jahren nun auch Geflüchtete. Die ersten zwei von ihnen sind im Frühjahr fertig, einer ist Juma.

Nicht nur bei Team Simon ist man froh um jeden neuen Lehrling. Der zunehmende Mangel an geeigneten Bewerbern bereitet den hessischen Handwerkskammern Sorge. "Man muss es so sagen: Wir haben einen Lehrlingsmangel, keinen Lehrstellenmangel", sagt Heinrich Gringel, Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Hessischen Handwerkskammern.

Zahl der Flüchtlinge in Ausbildung deutlich gestiegen

Immer mehr Betriebe bilden deshalb Geflüchtete aus. Bei den Industrie- und Handelskammern (IHK) in Hessen und den Handwerkskammern stieg die Zahl der mit Flüchtlingen geschlossenen Ausbildungsverträge von 1.651 im Jahr 2017 auf etwa 2.225 in diesem Jahr. Das entspricht einem Anstieg von 35 Prozent.

Externer Inhalt
Ende des externen Inhalts

Der Anteil von Flüchtlingen an der Gesamtzahl neuer Auszubildender bleibt allerdings gering. 2017 waren unter 100 neuen Azubis in Hessen 5 Flüchtlinge, 2018 waren es knapp 7 Flüchtlinge.

Nachwuchsprobleme lösen und Integration voranbringen

Die meisten Flüchtlinge in Hessen beginnen eine handwerkliche Ausbildung. Die hessischen Handwerkskammern stellten in diesem Jahr knapp 1.300 Flüchtlinge als Azubis ein, im vergangenen Jahr waren es noch 919. Das entspricht einem Anstieg um mehr als 40 Prozent.

Dazu kamen in diesem Jahr mehr als 410 sogenannte Einstiegsqualifizierungen (EQ), eine Art Langzeitpraktikum. 2017 waren dies 340. "Diese Zahlen zeigen, dass das hessische Handwerk nicht nur Ausbildungs-, sondern auch wichtiger Integrationsmotor ist", betont Gringel.

Weitere Informationen

Einstiegsqualifizierung EQ

Das sozialversicherungspflichtige Praktikum dauert zwischen sechs und zwölf Monaten. In der Zeit sollen die Praktikanten auf eine konkrete Ausbildung vorbereitet werden. Die Betriebe können herausfinden, ob der Praktikant dafür auch geeignet ist. Die Vergütung beträgt derzeit 231 Euro, die den Unternehmen von der Bundesagentur für Arbeit erstattet werden. Die Betriebe können aber freiwillig auch mehr zahlen. In manchen Tarifverträgen ist außerdem eine höhere Vergütung für eine EQ festgelegt.

Ende der weiteren Informationen

Auch die hessischen Industrie- und Handelskammern (IHK) verzeichnen einen Anstieg an Ausbildungsverträgen mit Geflüchteten. In diesem Jahr fingen 925 Flüchtlinge bei Mitgliedsunternehmen eine Ausbildung an, im vergangenen Jahr waren es 732, im Jahr 2016 noch 278. Die Zahl der EQ-Verträge nahm in IHK-Unternehmen ebenfalls zu: von rund 340 in 2017 auf über 410 in diesem Jahr.

Die IHKs sehen das ebenfalls als eine Chance, dem Nachwuchsproblem in den Betrieben entgegenzuwirken, sagt Brigitte Scheuerle, Leiterin der Aus- und Weiterbildung bei der IHK Frankfurt. "Das ist nicht die einzige Lösung, sondern immerhin ein Ansatz." Die Frankfurter Entsorgungsbetriebe (FES) beispielsweise bilden Flüchtlinge zu Müllwerkern aus.

Audiobeitrag
Flüchtlinge als Müllwerker

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Projekt in Frankfurt: Flüchtlinge werden zu Müllwerkern ausgebildet

Ende des Audiobeitrags

Willkommenslotsen als Vermittler

Um die Betriebe bei der Suche nach geeigneten Lehrstellenbewerbern zu unterstützen, gibt es bei den Handwerkskammern in Hessen 12 Willkommenslotsen, bei den IHKs sind es 13. Diese beraten die Unternehmen, aber auch die Geflüchteten, etwa wenn es darum geht, welche Sprachförderung für den Azubi noch notwendig ist.

Denn oft haben die Flüchtlinge am Anfang noch sprachliche Defizite. Die Willkommenslotsen helfen auch bei Fragen, welche Fördergelder es gibt oder welche Unterstützung regionale Institutionen und Behörden bieten.

Angst vor Abschiebung

Die drängendste Sorge für die Unternehmen ist aber die aufenthaltsrechtliche Situation der Flüchtlinge. Normalerweise gilt in Hessen für Azubis, deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist und die somit auch noch keine Aufenthaltserlaubnis haben, die sogenannte "3+2-Reglung". Das heißt, sie bekommen für die Dauer der Ausbildung und zwei Jahre danach eine Ausbildungsduldung.

Doch die Regelung greift nicht in allen Fällen. So droht einem der Azubis bei Team Simon zum Beispiel aktuell die Abschiebung, erzählt Unternehmenssprecherin Gerlach.

Der junge Mann aus Afghanistan habe im Anschluss an ein Praktikum im August vergangenen Jahres eine Ausbildung auch zum Fliesenleger angefangen. Bei der Einreise nach Deutschland habe er allerdings sein Geburtsdatum nicht korrekt angegeben, weshalb ihm nun die Abschiebung drohe.

Um eine Rückführung zu verhindern, habe das Unternehmen für ihn gebürgt, so Gerlach. Wenn er dem Staat Kosten verursacht, würde Team Simon diese übernehmen. Außerdem wird der Lehrling für Gerichtstermine freigestellt. "Aktuell kommt er jeden Tag zur Arbeit, aber wir bangen schon um ihn", sagt Gerlach.

Ausweitung der "3+2-Regelung" gefordert

Lehrling Hassan Juma bedient auf dem Boden eine Fliesen-Schneidemaschine.
Hassan Juma lernt bei seiner Lehre Fliesen zu passgenau schneiden. Bild © Bundesagentur für Arbeit

Ein anderes Problem ist aus Sicht der Unternehmen, dass die "3+2-Regelung" nicht für Flüchtlinge gilt, die einen EQ-Vertrag haben. Die IHKs fordern unter anderem, dass auch diese Geflüchteten im Rahmen ihres EQ-Praktikums nicht abgeschoben werden dürfen. Die unsichere Rechtslage der betroffenen Flüchtlinge verunsichere die Unternehmen, berichtet IHK-Ausbildungschefin Scheuerle. "Wenn ein EQ-ler noch im Asylverfahren ist, ist das für ein Unternehmen ein Risiko."

Ärgerlich sei das auch deswegen, weil die Geflüchteten meistens außerordentlich motiviert seien. "Das wiederum wirkt sich auch positiv auf die Stimmung, Leistungsbereitschaft und Atmosphäre im Betrieb aus", so Scheuerle.

Die gleiche Erfahrung hat man auch beim Gießener Bauunternehmen Team Simon gemacht. "Die Flüchtlinge arbeiten zum Teil sorgfältiger und haben meistens einen höheren Anspruch an sich als die anderen", erzählt Unternehmenssprecherin Gerlach. Und die meisten hätten konkrete Pläne für die Zeit nach ihrer Lehre.

Für Azubi Juma steht schon fest, dass er nach seiner Gesellenprüfung im Mai bei Team Simon als Fliesenleger arbeiten will. Er möchte außerdem seinen Führerschein machen, damit er mit dem Auto zur Arbeit fahren kann. Noch besser wäre aber, wenn er im Raum Gießen eine Wohnung für sich und seine kleine Familie finden würde, sagt er. Auch dabei wird Juma von seinem Betrieb unterstützt. Angst vor der Zukunft in Deutschland hat er keine: "Ich bin jung, aber ich bin stark."