Uni-Klinik Gießen von außen

Gesperrte Stationen, Lücken in den Dienstplänen, Mitarbeiter am Ende ihrer Kräfte: Am Uniklinikum Gießen-Marburg herrscht massiver Personalmangel. Der Betriebsratsvorsitzende fordert im Interview ein schleuniges Umsteuern der Klinikleitung.

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Am Uniklinikum Gießen-Marburg (UKGM) ist die Personaldecke derzeit so dünn, dass nach Angaben der Klinik bereits drei Stationen nicht mehr betrieben werden. Die Anzahl der Patienten sei dabei fortwährend hoch. "Der Arbeitsmarkt für Pflege- und Gesundheitsfachberufe ist extrem angespannt, der Wettbewerb zwischen den Kliniken hoch", teilte die Klinik am Freitag schriftlich zur Erklärung mit.

Der Betriebsrat am UKGM zeichnet ein verheerendes Bild von der Situation der Beschäftigten und fordert Entlastung, mehr Geld und mehr Wertschätzung für das Klinikpersonal. "Das UKGM ist das Uniklinikum, das am schlechtesten bezahlt in ganz Deutschland", sagt der Betriebsratsvorsitzende Klaus Hanschur im Interview.

hessenschau.de: Was ist an der aktuellen Situation besonders gravierend?

Klaus Hanschur: Der Pflegenotstand verschärft sich, weil es immer schwieriger wird, Beschäftigte zu finden. Die Arbeitsbedingungen sind so schlecht, dass viele Bewerberinnen und Bewerber entweder gar nicht erst zu uns kommen oder nach kurzer Zeit wieder gehen. Ich möchte hier keinen Klinikbereich besonders herausheben. Der Pflegenotstand ist breit gefächert, alle Bereiche sind betroffen. So schlimm wie derzeit war es noch nie, der Alltag ist kaum zu bewältigen.

hessenschau.de: Woher kommt denn nun dieser extreme Pflegenotstand? Ist er am UKGM hausgemacht?

Klaus Hanschur: Der Arbeitgeber reduziert das Personal so weit, dass Untergrenzen, die es vor einiger Zeit noch gab, nun unterschritten werden. Die Mindestzahl von Beschäftigten, die vor zwei Jahren galt, gilt heute nicht mehr. Dementsprechend wird immer mehr Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt. Früher haben sich die Stationen noch gegenseitig mit Personal ausgeholfen. Inzwischen kann keine Station Personal abgeben. Das ist blanke Illusion.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Klaus Hanschur über den akuten Pflegenotstand am UKGM

Klaus Hanschur
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hessenschau.de: Was macht die Klinik, um die Löcher zu stopfen und den Betrieb aufrechtzuerhalten?

Klaus Hanschur: Die Geschäftsführung setzt darauf, dass die Beschäftigten die Lücken kompensieren mit noch mehr Leistung, dass sie also 150 Prozent geben.

hessenschau.de: Was bedeutet das für die Patienten?

Klaus Hanschur: Die Beschäftigten versuchen, die Patientenversorgung aufrechtzuerhalten, so gut es eben geht, eine hochqualitative Versorgung zu gewährleisten, so dass der Patient das nicht merkt. Das ist ja der Druck, unter dem die Beschäftigten stehen. Die Beschäftigten fahren dann nach Hause und wissen nicht, ob sie alles gemacht haben. Das belastet natürlich enorm und geht auf Kosten der eigenen Substanz.

hessenschau.de: Vor eineinhalb Jahren gab es eine Kampagne, um Personal anzuwerben. Was kam dabei heraus?

Klaus Hanschur: Ich habe nicht das Gefühl, dass die Kampagne wirklich was gebracht hat. Einfach nur damit zu werben, dass man doch am besten mal zu uns kommen soll, das reicht nicht. Die Arbeitsbedingungen müssen entsprechend stimmen. Zumal die Bezahlung bei uns die schlechteste an einem Uniklinikum bundesweit ist. Wenn ich dem Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes hinterherhinke, dann fehlt natürlich ein guter Teil der Motivation, im UKGM zu arbeiten. Viele unserer Auszubildenden gehen nach ihrer Ausbildung woanders hin.

hessenschau.de: Was erwarten Sie jetzt von der Klinikleitung?

Klaus Hanschur: Ich erwarte von der Geschäftsführung hier, dass sie erkennt, unter welchem Druck die Beschäftigten stehen, dass sie ihnen gegenüber eine Wertschätzung abgibt und endlich verlässliche Dienstzeiten gewährleistet. Das wäre schon mal ein erster Schritt, um voranzukommen.

Das Gespräch führten Eva Maria Roessler und Mike Marklove.