Angst, Schmutz, Überforderung: Nach einem Fernsehbericht über gravierende Missstände in der geschlossenen Psychiatrie im Klinikum Höchst haben sich hunderte Betroffene beim hr gemeldet. Hier kommen einige von ihnen zu Wort.

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Die RTL-Sendung "Team Wallraff" berichtete über Missstände in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Frankfurt Höchst. Eine Reporterin dokumentierte unter anderem an das Bett gefesselte Patienten, Pflegepersonal, das sich kaum um die Patienten kümmert und eine Arztvisite von gerade mal 16 Sekunden Gesamtlänge.

Nachdem hessenschau.de und die hessenschau im hr-fernsehen die Berichterstattung aufgriffen, haben hunderte Menschen über Social Media oder per Mail über ihre Eindrücke und Erfahrungen mit dem Klinikum Höchst, aber auch mit anderen psychiatrischen Einrichtungen, berichtet. Viele bestätigen aus unterschiedlichen Perspektiven drastisch die zuvor gezeigten Missstände in Höchst. Reaktionen, die das Berichtete widerlegten, gab es keine. Hier erzählen fünf Menschen von ihren persönlichen Erfahrungen auf der geschlossenen Station der Klinik.

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hsk

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Der Krankentransport-Fahrer

"Ich arbeitete vor einigen Jahren im Krankentransport in Frankfurt. Es kam öfter vor, dass wir Patienten aus oder in der Psychiatrie nach Höchst fuhren. Dort flehten jedes Mal Patienten, mitgenommen zu werden, ohne dass ich einen Transportauftrag für sie hatte, weil sie da raus wollten. Wenn ich Patienten dorthin bringen sollte, reagierten Patienten, die schon mal dort gewesen waren, mit Angst. Das habe ich so nirgendwo anders in diesem Umfang erlebt.

Einmal sollten wir einen Patienten mit einer Alkoholvergiftung auf der besagten Station D 42 abholen. Er lag wehr- und schutzlos auf dem Boden in dem Vorraum. Als wir eine Schwester darauf ansprachen, sagte die: Damit habe ich nichts mehr zu tun, der wird doch ohnehin verlegt. Auf der Station herrschte eine beklemmende Atmosphäre, wie sich sie in keiner vergleichbaren Einrichtung kenne".

Die Langzeitpatientin

"Ich war von 2003 bis 2010 mit Unterbrechungen immer wieder in der geschlossenen Abteilung des Klinikum Höchst. Der RTL-Bericht erinnert mich an das, was ich in dieser "Hölle" erlebt habe. Eingekotete, an das Bett gefesselte Patienten, überfüllte Räume. Ich habe sowohl die Ärzte als auch die Pfleger als überfordert erlebt. Wenn ich auf Missstände hingewiesen habe, haben sie sich in Sarkasmus geflüchtet.

Zum Beispiel hatte mich einmal eine Patientin in dem überfüllten Zimmer nachts angegriffen, bespuckt und geschlagen. Als Reaktion bekam ich von einem Pfleger zu hören: "So ist das halt, wenn man in der Psychiatrie ist." Die Ärzte, die in der Geschlossenen zum Einsatz kamen, waren ganz frisch von der Uni. Sie wurden unvorbereitet in diese "Hölle" geworfen. Sowohl heutige ärztliche Leiter als auch die Oberärztin waren bereits damals in Verantwortung. Da sie jeden Tag auf der Station waren, kennen sie die Missstände sehr genau. Ich habe mir selbst geholfen, bin seit fast zehn Jahren draußen und bin froh darüber, dass die Zustände dort endlich an die Öffentlichkeit gekommen sind."

Der Kurzzeitpatient

"Getrieben von jahrelangen Rückenschmerzen habe ich 2012 einen Suizidversuch unternommen. Als ich aus der Intensivstation in die geschlossen Abteilung kam, ahnte ich, was mir bevorsteht. Doch was ich dann in den sieben Tagen dort erlebt habe, hat meine Vorstellungskraft überstiegen. Einmal habe ich mitbekommen, wie ein Pfleger schrie und unterdrückte Wutgeräusche machte. Ich sah dann, wie er in einem Raum seine Aggressionen durch Tritte gegen die Wand auslebte. Das ist besser als Gewalt gegen Patienten, aber es zeigt, wie überfordert die Mitarbeiter dort sind.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Was Patienten über ihre Behandlung in der Psychiatrie in Höchst erzählen

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Überall ist es schmutzig. Die Putzfrau wischte mit einem Lappen die Toilettenbrille ab und danach die Tische. Es gab für über 30 Personen eine Dusche, in der immer vom Vorgänger das Wasser stand. In den Zwei-Bett-Zimmern wurde wegen der Überbelegung meist ein drittes Bett rein gequetscht. Da die Türen nachts auf standen und im Flur Licht an war, war kaum an Schlaf zu denken. Die Patienten, die auf dem Gang lagen, kamen einfach in die Zimmer. Die Ärzte haben kaum mit den Patienten gesprochen. Das einzige, was sie mir dort als Therapie gegeben haben, waren Tabletten, die ich nach meinem Suizidversuch, den ich mit Tabletten unternommen hatte, kaum herunterschlucken konnte."

Der freiwillige Patient

"Ich habe mich auf eigenen Wunsch wegen Alkoholproblemen und Depressionen in die Psychiatrie einweisen lassen. Ich war schockiert, es lagen Menschen zum Teil eingekotet auf dem Boden, teilweise nackt, man sah die Genitalien. Es war schmutzig und laut. Bei der Einweisung wurden einem die Sachen durchsucht, wie in einem Gefängnis. Die Atmosphäre war auf keinen Fall so, dass man dort gesund werden kann."

Die Angehörige

"Meine Mutter war 2009 dorthin gekommen, weil sie vor einer Operation panische Angst hatte. Die Zustände waren zum Verzweifeln. Es war laut und stickig. Was dort am meisten fehlte, war Zuwendung durch das Personal. Auf dem Zimmer meiner Mutter lag eine ältere Dame, die ab und zu mit ihrem Stock gegen die Wand klopfte. Das einzige, was sie dann vom Personal bekam, waren Tabletten oder ein Becher mit Medikamenten. Ich habe mit der Dame gesprochen, sie war die liebste Frau, doch keiner hat sich in der Station um sie gekümmert.

Meine Mutter rief in Höchst zwei Mal die Feuerwehr an, weil sie panische Angst hatte, dass sie dort operiert werden soll. Ich konnte meine Mutter nach zwei Wochen in eine andere Klinik verlegen lassen. Zum Schluss bestanden die Ärzte darauf, dass meine Mutter vor ihren Augen eine Vorsorgevollmacht unterschreibt. Die Ärztin attestierte dann durch ihre Unterschrift, dass meine Mutter – eine Patientin in ihrer psychiatrischen Abteilung – diese Vollmacht - "im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte" unterschrieben hat. Da fehlen einem die Worte."

Reaktion der Klinik auf hr-Nachfrage

Der hr hat auch in der Klinik selbst nachgefragt, wie sie mit den seit vergangener Woche öffentlich diskutierten Vorwürfe über Missstände umgeht. Von der beauftragten Sprecherin einer externen Kommunikationsfirma hieß es: "Wir überprüfen die Abläufe. Wenn wir mit der Auswertung fertig sind, werden wir die Öffentlichkeit informieren. Es wird sich dabei nicht um Monate handeln." Eine schriftliche Stellungnahme zur RTL-Sendung "Team Wallraff" liegt vor. Wann genau die Klinik konkret zu den Vorwürfen in Höchst Stellung nimmt, konnte die Sprecherin nicht sagen.

Weitere Informationen

Klinikum Frankfurt Höchst

Die Klinik Frankfurt Höchst gehört seit 2016 zur Kliniken Frankfurt-Main-Taunus GmbH, einem Verbund der kommunalen Kliniken in Bad Soden, Hofheim und Frankfurt-Höchst. 2018 wurden im Klinikum Frankfurt Höchst nach eigenen Angaben 37.246 Patienten stationär versorgt, mehr als 100.000 ambulant. Über 2.000 Menschen sind in der Klinik beschäftigt. Das Jahresergebnis wies 2018 ein Defizit von 1,85 Millionen Euro auf.

Für die psychiatrische Versorgung der Patienten stehen laut dem Klinikum neben zwei geschützten Stationen weitere drei vollstationäre offene Behandlungseinheiten mit insgesamt 116 Betten, eine Tagesklinik mit 22 Plätzen und eine Institutsambulanz zur Verfügung.

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