hr-Reporterin Caroline Nützel im Gespräch mit H&M-Mitarbeiterin, die unerkannt bleiben möchte.

Die Textilkette H&M will auch in Hessen Stellen abbauen. Gehen sollen vor allem Arbeitskräfte, die nicht flexibel sind - das betrifft besonders Eltern und Langzeitkranke. Eine junge Mutter erzählt ihre Geschichte.

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Der Modekonzern H&M will künftig auf rund fünf Prozent seiner Beschäftigten verzichten, 800 Stellen sollen deutschlandweit wegfallen. In Hessen sind davon etwa 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und rund zwölf Filialen betroffen. Laut Gewerkschaft Verdi trifft der Stellenabbau vor allem Frauen, da sie im Verkauf rund 90 Prozent der Beschäftigten ausmachen. Im Fall von H&M sollen hauptsächlich Mütter und Langzeitkranke betroffen sein. Also Arbeitskräfte, die nicht so flexibel einsetzbar sind und nur zu bestimmten Zeiten arbeiten können.

Maximale Flexibilität gefordert

Eine von ihnen ist Melanie Walter*. Wir treffen die junge Mutter mehrerer kleiner Kinder in einer hessischen Stadt. Sie wirkt angespannt und nervös - trotzdem will sie erzählen, was bei ihrem Arbeitgeber gerade passiert.

"Die Situation ist unheimlich schwierig, gerade für Mitarbeiter, die wie ich nicht voll flexibel sind. Die Arbeitszeiten, die uns vorher mündlich zugesagt wurden und die funktioniert haben, fallen jetzt alle ausnahmslos weg." Die Forderung des Unternehmens: Mitarbeiter müssten jetzt jederzeit einsetzbar sein, sagt sie. "Für mich ist das unwahrscheinlich schwierig. Ich weiß nicht, wie ich das stemmen soll."

Eltern fühlen sich unter Druck

Melanie Walter arbeitet schon seit vielen Jahren als Verkäuferin im Unternehmen. Bisher wurde in ihrem Job Rücksicht auf ihre private Situation genommen. Ihr Partner arbeite in Vollzeit, teilweise bis spät abends und auch am Wochenende, berichtet sie. Die Großeltern seien nicht in greifbarer Nähe: "Die Kinder sind noch nicht in einem Alter, in dem ich sie allein lassen kann. Und die Kinderbetreuung hat ja auch immer nur bis zu einer gewissen Zeit offen." Auf die geforderten flexiblen Arbeitszeiten könne sie so nicht eingehen.

Sie und andere Eltern im Unternehmen fühlten sich unter Druck. H&M will in ganz Deutschland 800 Stellen abbauen. Diesen rund fünf Prozent der Beschäftigten hat der Konzern ein Freiwilligenprogramm unterbreitet. Das bedeutet, den Mitarbeitern wird die Gelegenheit gegeben, das Unternehmen freiwillig zu verlassen. Das Freiwilligenprogramm, das dem hr vorliegt, richtet sich vor allem an jene Mitarbeiter, "die nur bzw. vorwiegend zu Zeiten eingesetzt werden können, in denen ein spezifischer Arbeitskräfteüberhang besteht."

Mitarbeiter sollen freiwillig gehen

Gemeint seien damit die Stunden am Vormittag und das treffe vor allem Eltern, so der Betriebsrat. Er hat das Programm deshalb abgelehnt. In Hessen sind nach Verdi-Informationen etwa zwölf H&M-Filialen und rund 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betroffen - darunter auch die Filiale von Melanie Walter. "Es wird immer wieder gesagt, überlegt es euch doch noch mal, sonst wird betriebsbedingt gekündigt, das ist eine massive Drohung."

Für Horst Gobrecht, Verdi-Gewerkschaftssekretär im Fachbereich Handel im Bezirk Südhessen, kommt das Freiwilligenprogramm nicht überraschend. H&M versuche schon länger, unflexible Beschäftigte loszuwerden: "Das Programm hebt darauf ab, dass insbesondere Eltern mit Kindern und Kranke ausdrücklich dafür gewonnen werden sollen." Die Rechte der Beschäftigten würden ignoriert: "Indem man versucht, die Schwächsten in der Belegschaft als Erstes loszuwerden, und das als Freiwilligenprogramm zu tarnen." Dies sei ein typisches H&M-Vorgehen und im Vergleich zu anderen Unternehmen außergewöhnlich.

Anwältin rät: Abwarten

Freiwilligenprogramme gibt es häufig, wenn es um Personalabbau geht, erklärt Saskia Steffen. Sie ist Fachanwältin für Arbeitsrecht in Frankfurt. Steffen rät Mitarbeitern, genau zu prüfen, ob sie freiwillig aus dem Unternehmen ausscheiden wollen oder nicht. "Wenn dieser Wunsch nicht da ist, kann man es nicht raten, diesen Vertrag zu unterschreiben." Man solle erst einmal abwarten, was passiert, so der Rat. Betriebsbedingte Kündigungen seien aber nicht auszuschließen. "Oftmals ist ein Freiwilligenprogramm der Anfang."

Das befürchtet auch Melanie Walter. Sie ist gerade in Kurzarbeit und hatte gehofft, nach der Corona-Krise ihren Job dadurch noch zu haben. Die junge Frau wird dem Freiwilligenprogramm nicht zustimmen: "Es kommt nicht infrage. H&M hat uns eingestellt, jetzt werden wir entsorgt." Im Falle eines Stellenabbaus plädiert sie für einen Sozialplan. "Ich finde, H&M muss diese soziale Verantwortung für die Mitarbeiter übernehmen."

H&M kündigt betriebsbedingte Entlassungen an

In einer schriftlichen Stellungnahme von H&M heißt es dazu, die Entscheidung für einen Personalabbau sei daran geknüpft, in welchen Stellenprofilen oder Arbeitszeiten der Arbeitsanfall rückläufig sei. Mitarbeiter aus diesen Stellenprofilen oder Arbeitszeiten könnten sich im Rahmen des Freiwilligenprogrammes melden. "Das Freiwilligenprogramm dient der Vermeidung von betriebsbedingten Kündigungen. Sollten über dieses Angebot nicht ausreichend Kolleg*innen erreicht werden, ist die betriebsbedingte Kündigung der nächste Schritt."

Melanie Walter stellt sich auf schwierige Zeiten ein: "Die Folgen der Corona-Pandemie sind in dieser Geschichte noch gar nicht mit drin. Das wird Mitte, Ende des Jahres folgen. Da sehe ich ein großes Problem." Neben H&M stehen bundesweit auch Textilketten wie etwa Promod und Pimkie vor Personalabbau oder gar Schließungen.

* Der echte Name von Melanie Walter ist der Redaktion bekannt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 12.02.2021, 16.45 Uhr