Außenansicht des AKW Biblis im März 2021

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hatte weitreichende Konsequenzen - und zwar nicht nur in Japan, sondern auch für die Menschen im südhessischen Biblis. Das Atomkraftwerk wurde vier Jahre früher stillgelegt als geplant. Das hat nicht alle im 9.000-Einwohner-Städtchen gefreut. Ein Ortsbesuch.

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Wer durch Biblis geht, entdeckt viel Beschaulichkeit. Hübsche Fachwerkhäuser, einige davon mit liebevoll bemalten Fensterläden, die Höfe sind sauber und ordentlich. Rathaus, Blumengeschäft, Metzger: ein Kleinstadtidyll.

Das Kraftwerk steht synonym für den Ort

Nichts deutet darauf hin, dass in etwa fünf Kilometern Luftlinie eines der umstrittensten Atomkraftwerke der jüngeren deutschen Vergangenheit gestanden hat. Die beiden Blöcke Biblis A und B gingen 1974 und 1976 ans Netz. Stillgelegt wurden sie am 1. Juni 2017. Und doch stehen sie bis heute synonym für den Ort. "Wenn ich erkläre, wo ich herkomme, dann sage ich Biblis - da wo das Atomkraftwerk steht", sagt eine Passantin mit Kinderwagen.

"Ich habe 30 Jahre im Kraftwerk gearbeitet", sagt ein älterer Herr nachdenklich. Das Kraftwerk sei sicher gewesen. Auf die zahlreichen Störfälle angesprochen, die es im Laufe der Jahre gegeben habe, antwortet er: "Bei BASF hat es auch immer wieder Störfälle gegeben. Das gibt es in jedem Unternehmen. Nur ist das bei Biblis immer höher gehängt worden als anderswo."

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Katastrophe in Japan mit Folgen für Biblis

Welche dramatischen Folgen ein Störfall in einem Atomkraftwerk haben kann, zeigt das Unglück von Fukushima, das am 11. März 2011 seinen Lauf nahm. Volker Ahlers, 1. Vorsitzender des Vereins "Atomerbe Biblis", erinnert sich: "Für uns war es ein skurriles Ereignis, denn wir waren auf der Anti-Atom-Demonstration in Neckarwestheim. Auf der Rückfahrt sagte der Busfahrer 'Ich habe eine Meldung im Radio, die wird Euch interessieren'." Der Busfahrer habe das Radio aufgedreht und die Atomkraftgegner erfuhren so von dem Tsunami vor der Küste Japans und den anschließenden Explosionen.

In diesem Moment hätten er und seine Mitstreiter sich darin bestärkt gesehen, dass sie für das Richtige kämpfen, nämlich den Ausstieg aus der Atomenergie. Bis es soweit sei, werde aber noch einige Zeit vergehen. "Momentan laufen noch diverse Reaktoren, beispielsweise Neckarwestheim. Ein AKW, das auch diverse Mängel hat."

Problem: Endlagerung

In Deutschland würden zudem Brennelemente produziert und ins Ausland verkauft. "Wir verdienen also mit Atomkraft fleißig Geld." So werde am Forschungslabor KIT in Karlsruhe daran geforscht, wie Kleinstreaktoren gebaut werden könnten. Und während Forschung und Produktion weiter liefen, gebe es noch ein ganz dringliches Problem: "Wohin mit den alten Brennelementen, auch denen aus Biblis A und B?"

Aktuell lagert der hochradioaktive Atommüll in Castoren im Zwischenlager der Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung am Standort in Biblis, sagt Alexander Scholl, Sprecher des ehemaligen AKW-Betreibers, RWE. Da sich die Suche nach einem möglichen Endlager aber schwierig gestaltet, kann es gut sein, dass die Behälter hier noch länger stehen werden.

Die Zukunft des Geländes ist ungewiss

Das glaubt auch Josef Fiedler, der ehemalige langjährige Ortsvorsteher von Biblis-Nordheim. "Das ist eine Hypothek, das ist überhaupt nicht von der Hand zu weisen", sagt der SPD-Mann. Solange die verbrauchten Brennelemente vor den Toren der Stadt lagerten, könne das ein Hemmschuh auch dafür sein, was auf dem ehemaligen Gelände des Kraftwerks passiere.

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Selbst wenn ein Endlager gefunden würde, werde er das wohl nicht mehr erleben, sagt Fiedler. "Die Entscheidung über das Endlager soll Anfang der 2030er Jahre getroffen werden, und dann dauert es nochmals 20 Jahre bis es eingerichtet ist." So lange werde das Zwischenlager die Menschen in Biblis noch mindestens beschäftigen. In den 1960er Jahren habe man zu wenig oder gar nicht bedacht, was mit dem Atommüll einmal passieren soll.

Jobs, Steuergelder und Unterstützung verloren

Josef Fiedler glaubt, dass die Entscheidung richtig war, Biblis vom Netz zu nehmen. Allerdings verloren dadurch viele Menschen ihre Arbeitsplätze. Und: "Seit 2012 fehlen uns rund drei Millionen Euro Steuergeld jährlich, die RWE bezahlt hat. Bei einer Größenordnung von 9.000 Einwohnern ist das eine nicht unerhebliche Summe."

Dazu hätten auch die vielen Vereine Unterstützung von RWE erhalten. Außerdem habe die Stadt Biblis vor einigen Jahren eine Bürgerstiftung gegründet, in die RWE mehre Millionen Euro einbezahlt habe. "Das Geld fehlt jetzt", sagt Fiedler. "Und das kommt in dem Maße auch nicht mehr so schnell zurück."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 11.03.2021, 16.45 Uhr