Drei Fläschchen Corona-Impfstoff der Firma Biontech stehen auf einem Tisch, davor liegt eine Nadel.

Der derzeit vielversprechende Impfstoff des Mainzer Pharmaherstellers Biontech soll in großen Mengen in Marburg produziert werden. Doch wie kommt er bei minus 70 Grad in die hessischen Impfzentren - und in die ganze Welt?

Es war ein Paukenschlag: Die Mainzer Firma Biontech kündigte vor zwei Monaten überraschend an, ein Novartis-Werk in Marburg zu übernehmen. Inzwischen teilt das Unternehmen mit, die Übernahme sei abgeschlossen, 2021 solle die Produktion losgehen. Allein im ersten Halbjahr will Biontech in Marburg bis zu 250 Millionen Dosen des Corona-Impfstoffes produzieren - sie werden wohl von dort aus in die ganze Welt gehen.

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Der Produktionsstandort selbst gehört dem Marburger Unternehmen Pharmaserv, das auch Standortbetreiber ist. Martin Egger ist dort Geschäftsführer des Logistikbereichs und erklärt: Pharmaserv beteilige sich zum Beispiel daran, die Rohstoffe für den Impfstoff nach Marburg zu bringen.

Transportboxen und Container: "Die Branche ist gut vorbereitet"

Eine besondere Herausforderung für die Logistikbranche sei tatsächlich die Kühlung des Impfstoffs, sagt Egger. Er müsse nach aktuellem Kenntnisstand bei minus 70 Grad gelagert werden. "Kühllager in diesem Temperaturbereich sind in der Tat selten."

Wie genau die logistische Verteilung von Marburg aus dann konkret ablaufen wird, das wisse er derzeit noch nicht genau. Doch Egger ist überzeugt: "Die Pharmalogistikbranche ist gut vorbereitet." Bereits jetzt werde reagiert, zum Beispiel, indem Lager umgebaut werden.

Außerdem könne man mobile Tiefkühllagerplätze zur Verfügung zu stellen, etwa Transportboxen mit Trockeneis-Pellets. Container könne man mit dieselbetriebenen Kühlaggregaten ausstatten, sodass sie mehrere Tage lang Temperaturen von minus 80 Grad halten. Dort könne man dann ein bis zwei Paletten lagern. "Das wären ideale Transportbehältnisse für Luftfracht", sagt Egger. Auch Pharmaserv ziehe in Erwägung, solche Container anzuschaffen.

Biontech: Mit 30 Ländern im Gespräch

Laut Biontech gibt es neben Marburg noch Produktionsstätten in Mainz und Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz). Außerdem sei der US-Partner Pfizer mit mehreren Standorten an der globalen Lieferkette beteiligt. Man sei mit 30 Nationen in vertraglichen Diskussionen.

Bekannt sind derzeit zum Beispiel Verträge mit den USA, Großbritannien und Japan. Auch die EU hat sich neben Präparaten anderer Hersteller schon 200 Millionen Biontech-Impfdosen gesichert, die unter den 27 Mitgliedsstaaten verteilt werden sollen.

Biontech erklärte, man arbeite eng mit den für die Verteilung zuständigen Regierungen und Gesundheitsbehörden weltweit zusammen, um sicherzustellen, dass der Impfstoff im Falle einer Zulassung schnellstmöglich verteilt werden kann. "Die Vorgaben für die Lieferung machen die zuständigen Behörden."

Außerdem teilte das Unternehmen mit: Man habe Lösungen entwickelt, die eine temporäre Lagerung für bis zu 15 Tage ohne zusätzliche Kühllogistik vor Ort ermöglichen. Aufgetaut könne der Impfstoff bis zu fünf Tage im Kühlschrank gelagert werden.

Logistiklager der hessischen Impf-Task-Force

Die konkrete Verteilung in Deutschland steuert der Bund. Das hessische Innenministerium hat Anfang November eine Impf-Task-Force ins Leben gerufen, die sich bereits darauf vorbereitet, die Impfdosen in die Zentren zu bringen. Wann es losgeht, hänge von der Zulassung der Impfstoffpräparate ab, erklärt Tobias Bräunlein, der Leiter der Task-Force. "Wir sind ab Mitte Dezember bereit."

Im Rhein-Main-Gebiet wurde schon ein Lager eingerichtet. In einer langen Reihe stehen dort mehrere große hochmoderne Ultratiefkühlschränke für den Impfstoff von Biontech bereit. Von hier soll er mit Spezialfahrzeugen und -behältnissen in die Impfzentren verteilt werden. Der genaue Standort des Lagers soll aus Sicherheitsgründen geheim bleiben.

Die Tiefkühlschränke sind abgeschlossen, vorne zeigen Displays die aktuelle Temperatur von minus 79 Grad. Ein Mitarbeiter der Lagerfirma erklärt, dass sich die Temperaturdaten der letzten sieben Tage am Computer genau zurückverfolgen lassen. "Sobald die Temperatur abdriftet, werden Alarme ausgelöst."

Größte Herausforderung: "Ein ständiger Fluss an Impfstoff in der richtigen Menge"

Für den Task-Force-Leiter Tobias Bräunlein ist die größte Herausforderung, passgenau die in den Impfzentren benötigte Menge an Impfstoff hereinzubekommen und ausliefern zu können. "Also einen ständigen Fluss an Impfstoff in der richtigen Menge zu erzeugen."

Um eine Herdenimmunität von 60 Prozent zu erreichen, müssten sich rund 3,8 Millionen Hessinnen und Hessen impfen lassen, sagt Bräunlein. Dafür brauche man nach aktuellen Hochrechnungen 250 Tage. Wenn noch mehr als die derzeit 30 geplanten Impfstellen eingerichtet werden, könnte es auch schneller gehen.

Aktuell geht die Impf-Task-Force davon aus, dass für eine Massenimpfung in dieser Größenordnung rund 5.000 Ärztinnen und Ärzte gebraucht werden. Man sei deshalb auf die Unterstützung der Landesärztekammer, der Kassenärztlichen Vereinigung, aber auch von Ärztinnen und Ärzten im Ruhestand angewiesen, sagt Bräunlein. "Es ist ja schon des Öfteren die Rede davon gewesen, dass es sich dabei um eine historische Herausforderung handelt, die auch die Kraftanstrengung aller Beteiligten bedarf."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 28.11.2020, 19.30 Uhr