Ein Mensch in Schutzkleidung, die an einen Astronauten erinnert, steht an der Impfstoffproduktionsanlage und arbeitet.

Weil Corona-Impfstoffhersteller Biontech enorme Gewinne einfährt und in Marburg produziert, kann sich auch die Universitätsstadt über ein ordentliches Steuer-Plus freuen. Es könnte höher ausfallen als sämtliche geplanten Einnahmen im Haushalt des kommenden Jahres.

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hs
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In Mainz, auf der von Hessen aus gesehenen anderen Rheinseite, herrscht seit Dienstag Euphorie, man kann es kaum anders beschreiben. In sozialen Netzwerken häufen sich die Jubel- und Witz-Posts, seitdem Corona-Impfstoffhersteller Biontech, der dort seinen Hauptsitz hat, seinen Nettogewinn veröffentlicht - und die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt ihre dadurch erzielten Steuergewinne kundgetan hat.

Mainz und Idar-Oberstein machen hohe Steuergewinne

Der Mainzer Finanzdezernent Günter Beck (Grüne) sprach von einer "sensationellen" Entwicklung. Gemeinsam mit Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) freute sich Beck über "das Wunder von Mainz": die seit fast 30 Jahren hoch verschuldete Kommune rechnet für 2021 mit einem Überschuss von knapp 1,1 Milliarden Euro - statt des eigentlich geplanten Minus von 36 Millionen Euro.

Biontech, seinem Impfstoff Comirnaty, dem daraus resultierenden Nettogewinn von 7,1 Milliarden Euro in den ersten drei Quartalen 2021 - und den daraus entstehenden Gewerbesteuern sei Dank.

Auch das rheinland-pfälzische Idar-Oberstein berichtet von 200 Millionen Euro Steuer-Plus. Und das hessische Marburg, wo Biontech einen etwas größeren Produktionsstandort seines Impfstoffs als in Idar-Oberstein hat?

Freude auch im Marburger Rathaus

"Die Universitätsstadt Marburg erwartet eine erhebliche Verbesserung ihrer Gewerbesteuereinnahmen", teilte Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) am Mittwoch mit. Konkrete Zahlen könne er, im Gegensatz zu Mainz und Idar-Oberstein, noch nicht nennen.

Nur so viel: "Das, was sich im Moment andeutet an Verbesserungen des Haushaltes, ist natürlich eine Riesenchance", sagte Spies auf hr-Nachfrage. Die Gewerbesteuer-Erträge würden sich "erheblich" verbessern.

"Das freut uns ungemein", sagte Spies weiter. "Das schafft ungeahnte Möglichkeiten." Man gehe im Marburger Rathaus im Moment aber "sehr besonnen" damit um, man müsse sich erst einmal genau angucken, "wie sich das auf Dauer entwickelt." Deshalb sei zunächst größte Zurückhaltung in jeder Hinsicht geboten.

So bestätigte die Stadt auch nicht, dass die "ungeahnten Möglichkeiten" Biontech zu verdanken sind - mit Hinweis auf das Steuergeheimnis.

300 Millionen Euro für Marburg?

Die Oberhessische Presse spekuliert jedoch mit einem Plus von bis zu 300 Millionen Euro für Marburg, wo drei der vier Schritte der Biontech Impfstoff-Produktion stattfinden: die Herstellung der Boten-RNA, die Arzneimittelaufbereitung und -konzentration sowie das Mischen zum fertigen Impfstoff. Abgefüllt werden die Dosen an einem anderen Standort.

"Bei vollem Betriebsumfang wird die Produktionsanlage Biontechs COVID-19-Impfstoff-Produktionskapazitäten um bis zu 750 Millionen Dosen pro Jahr oder mehr als 60 Millionen Dosen pro Monat erweitern", sagte Biontech-Firmengründer Uğur Şahin kürzlich. Seine Firma sorgt für 80 bis 90 Prozent der Gewerbesteuer-Einnahmen der Stadt Marburg.

Sollte sich nun ein Betrag von 300 Millionen Euro tatsächlich bewahrheiten, wäre die daraus entstehende Chance für die Universitätsstadt wirklich riesig - bislang waren im gesamten Haushalt für das kommende Jahr Einnahmen von 268 Millionen Euro geplant.

OB will Entwicklung abwarten

Oberbürgermeister Spies mahnt dennoch zur Vorsicht. Noch seien keine belastbaren Aussagen zu Gewerbesteuererwartungen für die nächsten Jahre machbar, es seien auch erhebliche Schwankungen der Gewerbesteuer möglich. Wie die Vergangenheit gezeigt habe, auch starke Ausschläge nach unten.

 "Deshalb ist bei aller Freude über die gute Nachricht nun dringend größte Ruhe und Besonnenheit geboten im Umgang mit der erhöhten Ertragserwartung", sagte Spies. "Erst nach Jahren werden wir verlässlich einschätzen können, ob und wie weit sich Veränderungen verstetigen."

Erste Pläne zur Nutzung der Mehreinnahmen

Er gab jedoch auch schon einen Ausblick, wie das Geld genutzt werden könnte: Der ÖPNV in Marburg soll verbessert werden, bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden, "und ich wüsste noch eine Reihe Vorhaben", aber am Ende setze die Stadtverordnetenversammlung den Rahmen für die Nutzung der Mittel - und der wolle Spies nicht vorgreifen.

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