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Audioseite Rohrreiniger leiden unter Fake-Anrufen: "Das Tagesgeschäft bricht völlig weg"

Eine Frauenhand hält einen Telefonhörer eines Festnetztelefon

Im Kreis Gießen werden Rohrreinigerfirmen von Fake-Anrufen überschüttet, Kunden kommen nicht durch. Ein Großteil des Tagesgeschäfts bricht den Betrieben dadurch weg. Der Verdacht: eine gezielte Attacke, um Aufträge abzugreifen.

Normalerweise freuen sich Betriebe, wenn das Telefon klingelt: Denn oft sind neue Kunden am Apparat. Nicht so Stefan Krug, Inhaber der Rohrreinigerfirma Kanal Krug aus Pohlheim (Gießen). Sein Apparat klingelt an manchen Tagen im Sekundentakt. Doch nehmen Krug oder seine Bürokraft einen Anruf entgegen, herrscht am anderen Ende nur Stille. Es sind Fake-Anrufe, die den Betrieb seit Wochen überrollen.

Begonnen hat der Telefonterror mit bis zu 1.000 Anrufen täglich im September. Einmal gingen so viele Anrufe ein, dass der Abwassermeister nur eine Lösung sah: "Wir haben alle Geräte ausgestöpselt. Das permanente Klingeln war nicht mehr zu ertragen."

Telefone zum Teil ausgestöpselt

Auch jetzt, Ende Oktober, liegen fünf mobile Apparate des Festnetz-Telefons ohne Strom in Krugs Büro herum. Die Kabel der Anlagen baumeln lose von Tischen und Fensterbänken. Nur noch das Haupttelefon ist eingesteckt, auch wenn an diesem Tag ausnahmsweise einmal Ruhe herrscht.

Meist häuften sich die Anrufe an einigen Tagen nacheinander, dann sei wieder einige Tage lang Pause, schildert Krug. Doch wenn es einmal so richtig losgeht, kämen viele Kundinnen und Kunden gar nicht mehr durch, weil die Leitung durch die Daueranrufe blockiert sei.

Die Folgen sind massiv: "Gerade das Tagesgeschäft bricht völlig weg, wenn uns niemand erreichen kann", sagt Krug. Besonders bei Notfällen, wo es um Schnelligkeit gehe - wie bei einer verstopften Toilette oder einem Wasserschaden - habe er derzeit kaum Chancen auf Aufträge. "Wenn die Leute uns nie erreichen können, dann suchen sie sich eine andere Firma - und kommen auch nicht mehr wieder."

Aktuell könne man es noch ausgleichen, weil sein Betrieb auch viele geplante Termine wie Wartungsarbeiten und Inspektionen im Kalender habe, berichtet Krug. Aber langfristig? Das sorgt ihn - auch weil es um seine acht Mitarbeiter geht.

Häufung der Fälle seit einiger Zeit

Es ist nicht nur der Pohlheimer Betrieb, bei dem Fake-Anrufe die Leitungen blockieren und die Mitarbeiter an den Rande des Nervenzusammenbruchs bringen. Im Gießener Raum sind nach Informationen des Bundesverbands der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen (VDRK), aktuell mindestens drei Rohrreinigerfirmen betroffen. Das ist immerhin ein Großteil der bekannten, seriösen vor Ort arbeitenden Unternehmen im Landkreis. Zwar gibt es noch viele kleine Ein-Mann-Betriebe. Diese exisistieren teils nur sehr kurz, bevor sie wieder dichtmachen und sind wenig bekannt.

Sowohl Krug als auch der VDRK haben organisierte Geschäftsschädigung durch unseriöse Konkurrenz im Verdacht. "Gerade mit Notfällen lässt sich gutes Geld verdienen", sagt VDRK-Geschäftsführer Ralph Sluke. Vor eineinhalb Jahren habe es einen ersten Fall im Nürnberger Raum gegeben. Mittlerweile häuften sich die Fälle, vor allem im Südwesten Deutschlands und im Rhein-Main-Gebiet. Was Sluke auffällt: "Immer sind gleich mehrere Betriebe aus einer Region betroffen." Auch das könnte für gezielte Manipulation sprechen. Und auch in anderen Branchen, wo es Notdienste gibt, mache sich dieser Terror breit, so Sluke.

Stecken unsaubere Konkurrenten dahinter?

Online tauchten während der Attacken bei Suchmaschinen im Internet fast zeitgleich eine Vielzahl von Anzeigen für oft ortsfremde Rohrreinigerfirmen auf, die aber angeben, in Gießen Aufträge auszuführen. Viele von ihnen werben mit vollmundigen Versprechungen wie kostenloser Anfahrt, jahrelanger Erfahrung und vermeintlichen Festpreisen.

Doch Abwassermeister Krug und der VDRK warnen vor solchen Angeboten: "In unserer Welt ist nichts kostenlos. Und wer mit kostenloser Anfahrt wirbt, der holt die Kosten an anderer Stelle wieder herein", sagt Krug. Vor allem eben, wenn die Anfahrt aus einer anderen Region erfolge. Auch bei nicht weiter namentlich genannten Servicepartnern vor Ort solle man skeptisch werden.

Und Abzocke ist in der Branche immer wieder zu finden. Aktuell wird vor dem Landgericht Gießen ein Prozess gegen die Chefs einer ehemaligen Heuchelheimer Rohrreiniger-Firma geführt. Das Unternehmen soll unter verschiedenen Decknamen in mehreren Bundesländern ihre Dienste angeboten haben - und für schlechte Leistungen horrende Beträge verlangt haben.

Schwierige Ermittlungen für Polizei

Doch wer hinter den Fake-Anrufen steckt und ob es sich dabei wirklich um einen oder mehrere Konkurrenten handelt, ist schwer herauszufinden. Krug hatte sich September bei der Polizei gemeldet, als das erste Mal der Telefonterror begann. Die Polizei in Gießen bestätigte dies dem hr auf Anfrage. Man wisse um das Problem. Doch die Ermittlungen seien wegen der verschleierten Nummern kompliziert.

Sluke vom VDRK hofft auf ein Sammelverfahren durch die Staatsanwaltschaft: "Dann könnten die Fälle bundesweit bei einer Behörde gebündelt werden, statt lokal bei verschiedenen Stellen." Er glaubt: Wenn das wahre Ausmaß der Attacken klar wird, zeigen sich vielleicht Parallelen, der Ermittlungsdruck steigt. Vielleicht, so Sluke, könnte auch eine Art Fangschaltung durch die Polizei helfen, die Herkunft der Anrufe zu ermitteln.

Stefan Krug indes hofft, dass der Spuk bald ein Ende hat. Bis es soweit ist, setzt er auf die Geduld seiner Kundinnen und Kunden. Per E-Mail sei er immer zu erreichen.

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