Die Dauerbaustelle an der Weidenhäuser Brücke in Marburg

Eine Dauerbaustelle beschäftigt die Marburger seit Monaten: Weil die wichtige Weidenhäuser Brücke am Fuße der Oberstadt länger gesperrt bleibt als geplant, fürchten Händler um ihr Weihnachtsgeschäft - bis hin zur drohenden Pleite.

Adrian Sandha hat das, was man in Marburg normalerweise als „Top-Lage“ bezeichnen würde: Sein Fotoladen liegt in einem gepflegten Fachwerkhäuschen direkt an der Lahn. Nach einem kurzen Spaziergang über die historische Brücke geht es normalerweise direkt hoch in die Oberstadt. Dieser Weg ist nun versperrt: Die Weidenhäuser Brücke wird noch bis Sommer 2019 saniert, und so lange müssen Autofahrer und Fußgänger große Umwege in Kauf nehmen.

Das Fotogeschäft liegt hinter der Baustelle

Seit Monaten blickt der Fotograf aus seinem Schaufenster nicht mehr vorbeischlendernde Passanten, sondern auf Schuttberge und Bauzäune. "Ich habe durch die Baustelle etwa 30 bis 40 Prozent weniger Umsatz“, stellt Adrian Sandha fest. Auch das Weihnachtsgeschäft sieht er in Gefahr: Die Vorweihnachtszeit sei eine umsatzstarke Zeit. Kunden würden zum Beispiel gerahmte Familienbilder oder bedruckte Leinwände anfertigen lassen.

"Sonst hat es Anfang Oktober schon immer angefangen mit dem Weihnachtgeschäft“, berichtet er. "Dass sich Leute Termine gesichert haben, schon mal was Größeres angekündigt haben. Das ist dieses Jahr noch gar nicht.“ Er habe auch schon Kunden verloren. Erst kürzlich habe einer angerufen, um einen Termin zu verschieben: Er stehe seit 20 Minuten im Stau vor der Elisabethkirche und werde ein anderes Mal vorbeikommen, habe er angekündigt. Doch: "Er ist nie mehr gekommen“, sagt Adrian Sandha.

"Wenn die Brücke bricht wie in Genua, ist es ganz schlecht.“

Für Kunden ist der Weg in die Marburger Innenstadt durch die Großbaustelle beschwerlich geworden. Die Weidenhäuser Brücke ist ein Nadelöhr. Für Autos und Fußgänger ist sie seit Februar gesperrt, Busse werden umgeleitet. Weil viele Autofahrer auf andere Lahnbrücken ausweichen und dafür Umwege in Kauf nehmen müssen, kommt es im gesamten Stadtgebiet immer wieder zu Staus.

Absperrungen und Umleitungen an der Baustelle

Besonders für ältere Leute sei es viel schwerer geworden, in der Stadt einzukaufen, meint Hermann Naumann. Er betreibt in der Nähe der Baustelle seit vielen Jahren seinen Schuhladen und hat viele Stammkunden. Auch er fürchtet diesmal vor Weihnachten um seinen Umsatz. "Andererseits - es muss natürlich etwas passieren“, räumt er ein. "Wenn die Brücke bricht wie in Genua, ist es ganz schlecht.“

Die Stadt Marburg sei sich der Herausforderungen bewusst, die bei den Händlern durch die Brückensperrung entstehen, teilt die Stadtverwaltung mit. Und tröstet: Die Brücke bleibe zwar bis Sommer 2019 gesperrt, aber sie werde dafür zwei Monate früher fertig als zuletzt geplant. Extreme Wetterlagen und Abweichungen der Konstruktion vom historischen Bauplan hätten die ursprünglich kürzer veranschlagte Sanierung verzögert.

Die Stadt will auch mit eigenen Mitteln helfen, das Weihnachtsgeschäft anzukurbeln: An den Adventssamstagen sind Busfahrten in der gesamten Innenstadt gratis. Außerdem würden kostenlose Parkmöglichkeiten in der Nähe der Innenstadt zur Verfügung gestellt.

Pleite bis Weihnachten?

Für Ibrahim Abdellatif ist das alles nur ein schwacher Trost. Er betreibt einen orientalischen Lebensmittelladen direkt im Baustellengebiet. Das Geschäft ist hinter den Absperrungen kaum noch zu sehen. Er habe viel Laufkundschaft verloren und mache seit Monaten nur noch halb so viel Umsatz wie vorher, sagt er.

Abdellatif zeigt auf ein paar Bündel frischer Petersilie: "Davon habe ich sonst in drei Tagen 150 Stück verkauft. Jetzt sind es nur noch 60.“ Das Weihnachtsgeschäft spiele in seinem Laden zwar keine große Rolle, aber die nächsten Monate seien trotzdem sehr wichtig für ihn: "Vielleicht kann ich mich nämlich gar nicht bis Weihnachten halten.“

Sendung: hr4, 18.10.2018, 16.30 Uhr