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Solarparks bei Kommunen im Trend

Weg von Öl und Gas, hin zu Erneuerbaren Energien - und das möglichst unter Beteiligung der Bevölkerung. In Südhessen entscheiden sich immer mehr Gemeinden für Solarparks. Dabei stoßen sie auf weniger Widerstand als erwartet.

Sie muten futuristisch an, manche finden sie hässlich, andere ästhetisch ansprechend, vor allem aber sind sie immer wichtigere Bausteine der Energiewende - dunkelblau glänzende, in mehreren Reihen angeordnete Rechtecke, die das Sonnenlicht einfangen, um daraus Strom zu produzieren: so genannte Solarparks.

Die Energiegenossenschaft Starkenburg (ES) mit Sitz in Heppenheim (Bergstraße) spricht von einem regelrechten Boom in Südhessen. Die Ende 2010 gegründete Genossenschaft realisierte in der Vergangenheit neben Windrädern bereits zahlreiche Photovoltaikanlagen auf Hausdächern in der Region.

Gemeinsam mit dem Darmstädter Energieversorger Entega nimmt sie jetzt auch Solarparks in der Freifläche in Angriff. Im letzten halben Jahr sei die Zahl der Anfragen von Kommunen und privaten Flächenbesitzern in die Höhe geschnellt, sagt Vorstandsmitglied Ute Schumacher.

Reinheim überrascht von 100 Prozent Zuspruch

Eine dieser Kommunen ist die Stadt Reinheim (Darmstadt-Dieburg). Auf fünf Hektar Fläche, nahe dem Weiler Hundertmorgen, will sie Solarmodule aufstellen lassen. Deshalb lud sie kürzlich zu mehreren Infoveranstaltungen ein - und war selbst überrascht vom großen Zuspruch seitens der Bevölkerung.

"Normalerweise gibt es bei so etwas Widerstand in nicht unerheblichem Maße", sagte Bürgermeister Manuel Feick (SPD) dem hr, "weil so ein Solarpark auch landschaftsprägend ist." Soll heißen: Ähnlich wie bei Windrädern stören sich bisweilen Anwohnerinnen und Anwohner an der Optik der Parks mitten im Grünen. Auch die Nutzung von Ackerflächen zur Stromerzeugung stand bislang häufig in der Kritik.

Diesmal sei aber kein Widerspruch zu vernehmen gewesen, sagt Bürgermeister Feick. Die Stadt hatte eine Kommunikationsstrategie entwickelt, mit Rundem Tisch und Info-Veranstaltungen, sprach mit Landwirten und Anliegern und erklärte ausführlich den Mangel an Alternativen. "Am Ende stand, auch zu meiner Überraschung, ein 100-prozentiges Votum dafür", so Feick.

Anwohner über Genossenschaft beteiligt

Die Bevölkerung ist bei Errichtung und Betrieb der Anlage mit von der Partie. Über die Genossenschaft können Anwohnerinnen und Anwohner Beteiligungspakete zu je 2.000 Euro zeichnen. Davon geht ein Zehntel in Genossenschaftsanteile, die Dividende abwerfen, der Rest stellt ein verzinstes Projektdarlehen dar.

Insgesamt 1,75 Millionen Euro Kapital sollen so aus der Bevölkerung kommen. Über die Genossenschaft halten die Bürger laut einer Info-Broschüre von Genossenschaft und Entega 51 Prozent der Projekt- und Betreibergesellschaft, sie sind also Mehrheitseigner. Bürgersolarpark nennt sich das. Die Nachfrage nach den Papieren ist groß. "Bei mir steht das Telefon nicht mehr still", sagt Feick, und das sei keine Übertreibung.

Vor allem gehe es bei dem Projekt aber darum, dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen, betont Feick. Immerhin könnten mit dem Bürgersolarpark 2.000 der 7.000 Reinheimer Haushalte klimaneutral versorgt werden. "Das reicht noch nicht", räumt der Rathauschef ein, "aber es ist ein sehr großer Schritt."

Otzberg plant Solarmodule auf 15 Hektar

Einen noch größeren Schritt will die wenige Kilometer entfernte Gemeinde Otzberg (Darmstadt-Dieburg) gehen. Bei der letzten Gemeindevertretersitzung sei der Beschluss gefasst worden, gleich drei Solarparks auf insgesamt 15 Hektar zu errichten - ebenfalls unter Bürgerbeteiligung, berichtet Bürgermeister Matthias Weber (parteilos).

Sofern das Baurecht für die Anlagen erteilt wird, wäre die Gemeinde einschließlich des angesiedelten Gewerbes bald unter dem Strich klimaneutral, freut sich Weber. Otzberg würde dann über die Parks so viel Energie produzieren, wie die Gemeinde verbraucht. Noch stehen dazu Gutachten und Anhörungen bevor. Im Idealfall könnten die Parks aber - ebenso wie in Reinheim - 2024 in Betrieb gehen.

Auch in Otzberg wurde viel Überzeugungsarbeit geleistet. In der Gemeindevertretersitzung sei die fraktionsübergreifende Entscheidung durch den befürchteten Gasmangel in Folge des Ukraine-Kriegs leichter gefallen, ist Weber überzeugt und spricht gar von einem politischen Umbruch. "Man ist sich bis auf wenige Ausnahmen einig, dass wir das so wollen. "Widerspruch sei vor allem aus dem Ortsteil Hering gekommen: Die Solaranlagen könnten blenden und die Landschaft "verschandeln", lautete die Befürchtung.

Schafe und Biogemüse unter den Modulen

Um möglichst wenig landwirtschaftlich nutzbaren Boden für die Erzeugung von Solarenergie zu verlieren, werden dafür vorrangig sogenannte benachteiligte Flächen vorgesehen, die sich wegen ihrer Bodenbeschaffenheit oder Lage am Hang nur bedingt landwirtschaftlich nutzen lassen. Immer ist das aber nicht möglich, weshalb bisweilen auch fruchtbares Ackerland zur Disposition gestellt wird.

Die Module sind inzwischen aber so gestaltet, dass die Fläche darunter nicht völlig für die Landwirtschaft verloren geht. Durch den Aufbau auf Stelzen können etwa Schafe oder Hühner darunter weiden. In Otzberg wolle die Hochschule Geisenheim außerdem versuchen, Biogemüse unter den Panels anzubauen, sagt Bürgermeister Weber.

In Modautal soll es 2023 losgehen

In Modautal (Darmstadt-Dieburg) sind die Projektplanungen schon etwas weiter vorangeschritten als in Otzberg. Dort läuft derzeit das Bebauungsplanverfahren für einen sieben Hektar großen Bürgersolarpark, wie Bürgermeister Jörg Lautenschläger (CDU) auf Anfrage erklärt. Die Anlage soll rund 2.000 Haushalte mit Strom versorgen.

Visualisierung des in Modautal geplanten Solarparks

Lautenschläger hofft, dass nach Vorliegen aller Genehmigungen Ende 2023 mit dem Bau begonnen werden kann. Die Vorverträge mit den Flächeneigentümern seien bereits geschlossen worden. Zusammen mit den bereits vorhandenen Windrädern und Photovoltaikanlagen werde die Gemeinde ihren Strom dann ebenfalls komplett klimaneutral erzeugen.

Weitere Kommunen zeigen Interesse

Dem Beispiel der drei südhessischen Kommunen könnten bald mehr Städte und Gemeinden folgen: Micha Jost vom Genossenschaftsvorstand berichtet von weiteren interessierten Kommunen in den Landkreisen Bergstraße und Darmstadt-Dieburg, wie etwa Groß-Umstadt. Anfragen kämen mittlerweile auch aus benachbarten Bundesländern.